"Nichts machen, das ist in jedem Fall verkehrt"

Interview6. August 2014, 16:53
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Ein Unfall, Verletzte. Was tun? Notarzt Helmut Trimmel ist froh, wenn bis zu seinem Eintreffen Erstmaßnahmen gesetzt wurden. Mit Karin Pollack hat er über Ekel, die Nase als Haltegriff und den Sound für Wiederbelebung gesprochen

STANDARD: Können medizinische Laien bei der akuten Versorgung von Verletzten eigentlich etwas falsch machen?

Trimmel: Ja. Nichts machen, das ist in jedem Fall verkehrt. Wer als Passant zu einem Unfall mit Verletzten dazukommt, sollte in jedem Fall erst einmal die Lebensfunktionen checken.

STANDARD: Was ist wesentlich?

Trimmel: Die Atmung. Das lässt sich am Heben des Brustkorbs erkennen. Bei Bewusstlosigkeit verlegt die Zunge den Atemweg. Das kann die Sauerstoffversorgung beeinträchtigen. Den Kopf nach hinten zu überstrecken ist deshalb ebenfalls eine dringend zu empfehlende Maßnahme.

STANDARD: Was, wenn ein Unfallopfer nicht atmet?

Trimmel: Dann ist das Allerwichtigste, erst einmal den Notruf zu veranlassen. In durchschnittlich fünf bis sieben Minuten ist professionelle Hilfe da und kann die medizinische Versorgung übernehmen. Bis dahin hängt alles von den Menschen direkt am Unfallort ab. Je länger ein Organismus ohne ausreichend Sauerstoff ist, umso schlimmer die Folgen für den Betroffenen.

STANDARD: Was ist das Wichtigste an Wiederbelebungsmaßnahmen?

Trimmel: Der Rhythmus für die Wiederbelebungsmaßnahmen ist 30 zu zwei. Also: 30-mal fest auf den Brustkorb drücken, um von außen den Herzschlag zu ersetzen, und zweimal Luft entweder in Mund oder Nase blasen.

STANDARD: War dieser Rhythmus früher nicht anders?

Trimmel: Ja, 30 zu 2 ist seit 2005 die gültige Empfehlung. Damit werden Kreislauf und Sauerstoffversorgung aufrechterhalten. Was die Atemspende betrifft, sollte sich der Brustkorb heben. Das ist ein Zeichen dafür, dass Luft in die Lungen gepumpt wird. Wer sich mit dem Rhythmus der Herzmassage unklar ist, soll im Geist Staying Alive von den Bee Gees oder den Radetzkymarsch summen.

STANDARD: Die Atemspende erfordert aber doch eine ziemliche Überwindung?

Trimmel: Diese Ekelbarriere lässt sich bei der Mund-zu-Mund-Beatmung durch ein Taschentuch nehmen, die Nase muss zugehalten werden, sie ist quasi eine Art Haltegriff. Viele finden die Beatmung von Mund zu Nase einfacher, dabei muss dann der Mund zugehalten werden. Dass Wiederbelebungsmaßnahmen gemacht werden, ist für das weitere Leben eines Verletzten mit Kreislaufstillstand ganz entscheidend. 60 Prozent aller Reanimationen finden im häuslichen Umfeld statt, da ist die Überwindung nicht so groß.

STANDARD: Die Atmung ist aber nur ein Aspekt. Wie müssen blutende Wunden versorgt werden?

Trimmel: Starke Blutungen sollte man unbedingt zu stoppen versuchen. Am einfachsten geht das, indem man mit etwas auf die verletzte Stelle drückt. Große Wunden an Armen und Beinen lassen sich auch durch Abbinden oberhalb der Verletzung stoppen. Wichtig dabei ist, dass der Blutfluss bis zum Eintreffen der Rettung wirklich gestoppt wird.

STANDARD: Was tun, wenn ein Unfallopfer bewusstlos ist?

Trimmel: Es könnte Zeichen für eine Verletzung des Gehirns sein, Erbrechen ist ein weiteres Symptom. Deshalb ist eine stabile Seitenlage wichtig, damit Erbrochenes abrinnen kann.

STANDARD: Kann eine Lageveränderung Verletzungen etwa an der Wirbelsäule schlimmer machen?

Trimmel: Wenn man es sachte macht, eigentlich nicht. Brust- und Wirbelsäule sind meist recht stabil. Erste-Hilfe-Maßnahmen können meiner Erfahrung nach nichts schlechter machen. (Karin Pollack, DER STANDARD, 6.8.2014)

Helmut Trimmel ist Primarius an der Abteilung für Anästhesie, Notfall- und Intensivmedizin am Krankenhaus Wiener Neustadt, arbeitet seit über 20 Jahren bei der Flugrettung und trainiert am Karl-Landsteiner-Institut für medizinische Simulation und Patientensicherheit Mediziner für richtiges Verhalten in Notfällen.

  • Die Ekelbarriere bei der Mund-zu-Mund-Beatmung lasse sich durch ein Taschentuch nehmen, sagt Helmut Trimmel.
    foto: privat

    Die Ekelbarriere bei der Mund-zu-Mund-Beatmung lasse sich durch ein Taschentuch nehmen, sagt Helmut Trimmel.

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