Die Selbstheilungstricks der Insekten

6. August 2014, 05:30
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Nicht nur Menschen, auch Tiere greifen bei Erkrankungen auf pflanzliche Arzneimittel zurück - Forscher entdeckten das Faible für Naturmedizin bei Insekten

Lund/Wien - Die Infektion ist tückisch. Das Opfer ist bereits geschwächt, aber es kann sich noch bewegen und schleppt sich zu einem Ort, der Heilung verspricht. Dort gibt es Arzneimittel auf rein pflanzlicher Basis, mit potenten Wirkstoffen. Ihr Verzehr hat schon vielen geholfen.

Der Patient ist kein Mensch mit einem Faible für Naturmedizin, sondern eine Insektenlarve. Sie frisst gezielt bestimmte Pflanzen, um Krankheitserreger abzuwehren oder in Schach zu halten. Noch vor etwa zwei Jahrzehnten hätte kaum ein Forscher wirbellosen Tieren so komplexes Verhalten zugetraut.

Feindabwehr mit Alkohol

Inzwischen jedoch mehren sich die Berichte über Selbstmedikation bei Insekten. Berühmt geworden ist vor allem die Studie über trinkfeste Taufliegen-Larven. Der Nachwuchs von Drosophila melanogaster verträgt wegen seiner Vorliebe für Schimmelpilze, die auf faulendem Obst gedeihen, relativ große Mengen Ethanol.

Wenn die winzigen Maden jedoch von parasitischen Schlupfwespen befallen sind, übt der Alkohol eine ganz besondere Anziehungskraft auf sie aus. Den Eindringlingen geht es danach schlecht, den Drosophila-Larven nicht. Sie haben nun bessere Überlebenschancen.

Jessica Abbott, Biologin an der schwedischen Uni Lund, hat die vorliegenden Untersuchungsergebnisse zum Thema Selbstmedikation bei Insekten verglichen, zusammengefasst, und eine Übersicht im Fachblatt "Ecological Entomology" veröffentlicht. Bislang wurde das Phänomen nur bei wenigen Arten eindeutig nachgewiesen, doch es tritt offenbar in sehr unterschiedlichen Gruppen auf - bei Fliegen ebenso wie bei Schmetterlingen und Bienen.

Die pharmakologische Eigenbehandlung dürfte deshalb sehr weit verbreitet sein, erläutert Abbott im Gespräch mit dem Standard. Dass die Praxis das Ergebnis von Lernprozessen ist, schließt die Expertin praktisch aus. Die Lebensdauer der meisten Insektenarten würde dafür wohl kaum ausreichen. "Es muss genetisch bestimmt sein, aber wir wissen noch nicht, wie stark die individuelle Ausprägung ist."

Wirksame Blätterdiät

Ein faszinierendes Beispiel für den gezielten Verzehr von natürlichen Pharmazeutika findet sich bei den Raupen von Grammia incorrupta, einem nordamerikanischen Nachtfalter. Die Tiere werden häufig von parasitischen Fliegen heimgesucht. Das Gegenmittel: sogenannte Pyrrolizidinalkaloide. Diese Wirkstoffe werden von diversen Pflanzenarten zur Abwehr von gefräßigen Insekten produziert.

Den Larven von G. incorrupta dienen die Gewächse als grüne Apotheken. Je mehr Fliegeneier sie eingepflanzt bekommen haben und je fortgeschrittener die Infektion ist, desto mehr alkaloidhaltige Blätter fressen die Raupen. Ein Teil von ihnen übersteht anschließend den Befall.

Die Selbstmedikation muss allerdings nicht unbedingt mit potenziell toxischen Substanzen erfolgen. Ähnlich wie Wirbeltiere verfügen Insekten schließlich über ein leistungsfähiges Immunsystem. Dessen Stärkung scheint manchmal auszureichen, wie eine Studie britischer und australischer Wissenschafter am Beispiel des gefürchteten Eulenfalters Spodoptera exempta gezeigt hat.

Die Raupen des in Afrika weitverbreiteten Schädlings, der in den letzten Jahren für einige Hungersnöte mitverantwortlich war, reagieren auf eine Infektion mit potenziell tödlichen Baculoviren mit einer Steigerung des Eiweißkonsums, wie die Forscher bei Experimenten herausfanden.

Die Eiweißdiät hat auch eine messbare Auswirkung auf die Überlebensrate der vireninfizierten Versuchstiere. Unter Normalbedingungen bekommt eine stark eiweißlastige Ernährung Insektenlarven nicht so gut, erklärt Abbott. Die Tiere werden dann richtig fett und produzieren später, nach der Metamorphose, weniger Eier. Gesundheit ist wohl auch für Insekten manchmal eine Frage der richtigen Wahl. Die Sechsbeiner verfügen offenbar über viel komplexere Fähigkeiten, als man lange geglaubt hat, betont Abbott. "Da gibt es noch eine Menge zu entdecken." (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 6.8.2014)

  • Die gefräßigen Raupen des Eulenfalters Spodoptera exempta vernichten in Afrika regelmäßig ganze Ernten. Den Schädlingen ist leider nicht leicht beizukommen: Sie reagieren auf potenziell tödlichen Virenbefall mit einer speziellen pflanzlichen Diät.
    foto: fao

    Die gefräßigen Raupen des Eulenfalters Spodoptera exempta vernichten in Afrika regelmäßig ganze Ernten. Den Schädlingen ist leider nicht leicht beizukommen: Sie reagieren auf potenziell tödlichen Virenbefall mit einer speziellen pflanzlichen Diät.

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