Der Krieg und die Stille der Muslime

Kolumne5. August 2014, 17:30
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Die muslimischen Verbände in Europa müssen ihr Schweigen über die Konflikte brechen

Meldung: Die spanische Polizei hat in der Enklave Melilla (in Marokko) eine 19- und eine 16-Jährige festgenommen, die sich dem Jihad im Irak oder Syrien anschließen wollten. Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS, früher ISIS) wirbt laut Polizei in Spanien junge Frauen und sogar minderjährige Mädchen an.

Meldung: Laut österreichischem Verfassungsschutz sollen sich rund 50 österreichische Staatsbürger (praktisch zu 100 Prozent mit Migrationshintergrund) im syrischen Kriegsgebiet aufhalten. Weitere seien gefallen - oder bereits wieder heimgekehrt ...

Was hören wir derzeit zu diesem Thema von den muslimischen Verbänden in Europa? Wenig, so viel eine Nachrichtensuche im Net ergibt. Was haben in Österreich Islamische Glaubensgemeinschaft, die Verbände ATIB, Islamische Föderation, UEDT usw. öffentlich dazu zu sagen?

Es muss ja nicht so sein, dass - wie gegen Israel - Demonstrationen von tausenden Personen (mit einem Meer von türkischen Fahnen) stattfinden; es würde ja schon reichen, dass die muslimischen Verbände eine gemeinsame Erklärung herausgeben oder Interviews vereinbaren oder irgendetwas machen, das über Presseaussendungen hinausgeht.

Die "Stille der Muslime" (Tageszeitung Die Welt) in Europa ist dröhnend. Es gibt begreifliche Gründe dafür: Der Großteil der muslimischen Gemeinden in Europa war jahrzehntelang zurückhaltend und zurückgezogen. Man wollte nicht besonders auffallen. Dazu kommt, dass der öffentliche, freie, manchmal hemmungslose Diskurs, schon gar über religiös-politische Fragen, offenbar vielen schwerfällt - weil man aus Tradition nicht (vor Andersgläubigen) darüber spricht oder weil man aus autoritären Gesellschaften kommt, wo freie Meinungsäußerung schwerste Nachteile bringen kann.

Aber die Zeiten haben sich drastisch geändert. Nirgends toben so viele, so blutige, so grausame Konflikte wie in der muslimischen Welt: beginnend von Afghanistan, Pakistan über Syrien, den Irak und dem Jemen, nach Westen fortsetzend in Ägypten, Libyen hinunter nach Mali, Nigeria und Somalia. In Algerien bedurfte es unerhörter Brutalität, um die radikalen Muslime unter Kontrolle zu bekommen.

Die muslimische Welt wird vom Krieg zerrissen. Der Westen, die USA und die Türkei tragen teilweise Mitschuld, weil sie Diktatoren wie Saddam, Mubarak und (bisher erfolglos) Assad weghaben wollten, aber nicht bedachten, was nach dem law of unintended consequences danach kam: entfesselter Ultraislamismus. Aber der Kern des Problems liegt in der muslimischen Welt selbst, in der Unfähigkeit zum Kompromiss, im Clan-Wesen statt im Bürgerbewusstsein; und in der dominanten Rolle der Religion.

Die Muslime in Europa leiden gewiss darunter. Die wenigsten werden es begrüßen, dass ihre Kinder in den Jihad und den wahrscheinlichen Tod ziehen. Aber vor allem in der türkischen Community sind viele unter dem religiös-nationalen Erdogan selbstbewusster geworden, treten politisch auf. Dann sollen sie auch nicht mehr zu den Katastrophen in der muslimischen Welt schweigen. (HANS RAUSCHER, DER STANDARD, 6.8.2014)

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