Der Semmelweis-Reflex

6. August 2014, 18:23
105 Postings

Ignaz Semmelweis ging es wie Galileo Galilei: Seine Erkenntnisse wurden als unwahr abgeschmettert - Den Kampf um die Wahrheit beleuchtet die Politikwissenschafterin Anna Durnová

Wien - "Man muss das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von Einzelnen, sondern von der Masse, in Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten." - Ein Aphorismus des politisch versierten Geheimrats Goethe, dessen Wahrheitsgehalt gerade im Wissenschaftsbetrieb von jeher Bestätigung findet.

Einer der bekanntesten Fälle von Unterdrückung neuen Wissens ist jener von Galileo Galilei, dessen Erkenntnisse die Erde aus dem Zentrum des Universums rückten und deshalb die erbitterte Gegenwehr der katholischen Kirche heraufbeschworen. Erst als Galilei zu glauben gelobte, "was die katholische und apostolische Kirche für wahr hält, predigt und lehret", wurde seine Kerkerhaft gnadenhalber in Hausarrest abgemildert.

Die Oberhoheit über die "Wahrheit", die damals, im 17. Jahrhundert, in Händen der katholischen Kirche lag, ging später auf die Wissenschaft über. Doch die Kontrolle der "Wahrheit" durch die Scientific Community hat den umwälzenden Entdeckungen den Weg zur allgemeinen Anerkennung nicht immer geebnet. Klassisches Beispiel dafür ist der Skandal um Ignaz Semmelweis (1818-1865), der heute als Pionier der evidenzbasierten Medizin gefeiert wird.

Trotz eindeutiger Beweise, dass das verstärkte Auftreten von Kindbettfieber mit der mangelnden Hygienepraxis der Krankenhausärzte zusammenhing, wurden Semmelweis' Bemühungen um die Einführung des Händewaschens nach jeder Behandlung von der Kollegenschaft kaum unterstützt. Welche tieferen Ursachen hatte diese Abwehr? Anna Durnová beschäftigt sich im Rahmen ihres Projekts "Negotiating Truth" am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien mit der Entstehung von Wahrheit am Beispiel des Falls Semmelweis.

"In meiner Arbeit will ich zeigen, dass Wahrheit immer eine Sache von Verhandlungen ist und in Interaktion mit den jeweiligen gesellschaftlichen Umständen steht", sagt die Politikwissenschafterin. "Ebenso wie bei gesellschaftlichen spielen bei wissenschaftlichen Fortschritten Konflikte eine zentrale Rolle, da bisherige Gewissheiten infrage gestellt werden." So sei eine der Ursachen für die Ablehnung von Semmelweis' Erkenntnissen im damaligen wissenschaftlichen Weltbild zu finden, das eine Übertragung von Krankheiten durch menschlichen Kontakt einfach nicht vorsah.

Neues Wissen kann wehtun

"Die gängige Meinung war, dass sich Infektionen über die Luft verbreiten", berichtet Durnová. "Semmelweis' Erkenntnisse überstiegen aber die gängige Vorstellung von der Funktionsweise der Welt und überforderten die Imaginationskraft seiner Kollegen." Die herrschenden Paradigmen, also allgemein anerkannte Wahrheiten, beeinflussen erfahrungsgemäß das Urteil über neue Ideen, und so lag es Mitte des 19. Jahrhunderts nahe, die Ursache für das gehäufte Auftreten von Kindbettfieber nicht den verunreinigten Ärztehänden, sondern den neuen Lüftungsmaßnahmen zuzuschreiben.

Neben diesen "Imaginationshürden" durch den herrschenden Zeitgeist gab es aber noch einen weiteren Grund für die Ablehnung von Semmelweis' Hygienetheorie. Seine Beobachtung, dass Kindbettfieber in der von Ärzten betreuten Entbindungsstation des Wiener AKH fünfmal häufiger auftrat als in jener Abteilung, wo Geburten ohne Arzt stattfanden, traf das Selbstverständnis der Ärzte an einer sensiblen Stelle. Der Arzt als Urheber von Tod und Krankheit statt als Lebensretter war für die Zunft eine unzumutbare Vorstellung, mit der man sich gar nicht auseinandersetzen wollte.

"Damals begann sich die Gynäkologie als eigenes Fach erst zu etablieren" , erläutert Durnová. "Indem man Geburten einer ärztlichen Aufsicht unterstellte, hoffte man unter anderem, die Sterblichkeitsraten zu senken." Wie aber geht es einem Mediziner, der erkennen muss, dass er statt zu helfen vielen Frauen und Kindern den Tod brachte, weil er sich nach einer Obduktion die Hände nicht desinfizierte?

Hier zeigt sich, dass im Ringen um die Wahrheit neben den unterschiedlichen (wissenschaftlichen) Diskursen auch die emotionale Ebene eine zentrale, bisher aber völlig übergangene Rolle spielt. Nicht selten stürzt durch eine neue Erkenntnis das gesamte Lebenswerk eines Wissenschafters in sich zusammen, weil es auf einem Irrtum aufbaut. Ein Umstand, der sich in der Beurteilung dieser Innovation niederschlagen muss, auch wenn die Ablehnung "wissenschaftlich" untermauert wird. In der Wissenschaftstheorie zeugt die Wendung "Semmelweis-Reflex" von der verbreiteten Neigung, eine Neuerung vor vornherein und ohne Überprüfung zunächst einmal abzulehnen.

Mit der Kraft der Emotionen

"Emotionen sind von rationalen Argumenten und Erkenntnissen nicht trennbar", ist die Forscherin überzeugt. "Wenn die Politik zum Beispiel ein Problem als rein technologisches definiert, bestimmt sie damit, wer in diesem Diskurs mitreden darf und wer nicht. Die sogenannten nichtrationalen Argumente sollen damit ausgeklammert, der Konflikt zum emotionsfreien Expertenkonflikt erklärt werden."

Tatsächlich aber zeuge auch die Trennung in rationale und irrationale Argumente von der Kraft der Emotionen: "Die Entscheidung, ein Problem emotionslos zu behandeln, beinhaltet selbst eine Emotion", sagt Durnová. "Die damit verbundene geistige Disziplin und emotionale Zurückhaltung ist selbst Ausdruck einer emotionalen Haltung." Letztlich gehe es ihr vor allem darum, die politischen, gesellschaftlichen und emotionalen Aspekte der "Konstruktion" von Wahrheit bewusstzumachen: "Üblicherweise hinterfragen wir nicht, wie und wodurch Wahrheiten entstanden sind und dass bestimmte Akteure, Überzeugungen und Emotionen daran beteiligt sind." (Doris Griesser, DER STANDARD, 6.8.2014)

  • Diese Wahrheit hatte sich gewaschen: Ignaz Semmelweis fand die Ursache von Kindbettfieber im mangelhaften Händewaschen von Ärzten.
    foto: bettmann/corbis

    Diese Wahrheit hatte sich gewaschen: Ignaz Semmelweis fand die Ursache von Kindbettfieber im mangelhaften Händewaschen von Ärzten.

  • Ignaz Semmelweis, dem Arzt und Begründer der evidenzbasierten Medizin, schlug jede Menge Ablehnung entgegen.
    foto: standard/newald

    Ignaz Semmelweis, dem Arzt und Begründer der evidenzbasierten Medizin, schlug jede Menge Ablehnung entgegen.

Share if you care.