Forscher finden Spuren eines gigantischen Eisberges am arktischen Meeresboden

5. August 2014, 16:18
15 Postings

15 Meter tiefe Furchen sprechen für einen 1.200 Meter großen Eisberg-Koloss

Berlin - Deutsche Wissenschafter haben am Meeresboden in der Arktis bis zu 15 Meter tiefe Furchen entdeckt. Die bis zu vier Kilometer langen Spuren dürften entstanden sein, als sich gewaltige Eisberge über den Ozeangrund geschoben haben, glauben die Forscher vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven.

Die Furchen in einer Meerestiefe von 1,2 Kilometern sind demnach die tiefsten bisher in der Arktis gefundenen - und keineswegs frisch: Die riesigen Eisberge schrammten irgendwann in den letzten 800.000 Jahren über den Meeresboden zwischen Grönland und Spitzbergen.

Der Fund liefert neue Hinweise zur eiszeitlichen Dynamik und Ausprägung des arktischen Eisschildes vor Tausenden Jahren. Außerdem konnten die Forscher Rückschlüsse auf den Süßwasserexport aus der Arktis in den Nordatlantik ziehen. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Geophysical Research Letters" veröffentlicht.

"Wenn Eisberge auf Grund laufen, hinterlassen sie auf dem Meeresboden Furchen, die je nach Ausdehnung und Lage über lange Zeiträume bestehen bleiben können", erklärt Jan Erik Arndt, AWI-Bathymetriker und Erstautor des Papers.

Blick in die Vergangenheit

Genau solche Spuren hat er gemeinsam mit drei Kollegen auf dem Hovgaard Rücken entdeckt. Der Hovgaard Rücken ist ein Plateau in der arktischen Tiefsee, gut 400 Kilometer vor Grönlands Ostküste gelegen. In einer Tiefe von 1.200 Metern erstrecken sich hier die tiefsten Kratzspuren von Eisbergen, die bisher in der Arktis gefunden wurden. Die Furchen sind bis zu vier Kilometer lang und 15 Meter tief. "Solche Spuren erlauben uns einen Blick in die Vergangenheit. Dank dieser Eisbergkratzer wissen wir jetzt, dass über den Hovgaard Rücken früher einige sehr große und auch viele kleinere Eisberge getrieben sind", sagt der Wissenschafter.

Die Entdeckung der Kratzer am Hovgaard Rücken war ein Glücksfall und keineswegs das Ergebnis einer gezielten Suchaktion. Arndt und seine Kollegen stießen in bathymetrischen Daten aus dem Jahr 1990 auf die Kratzer. Die Daten hatte das Forschungsschiff Polarstern für eine Kartierung der Framstraße gesammelt. "Als wir uns die Daten aufs Neue detailliert angeschaut haben, sind uns die Furchen aufgefallen. Im Hinblick auf die Tiefe war uns dann schnell klar, dass wir da etwas Interessantes gefunden hatten", sagt Arndt.

24 Jahre alte Daten

Die Wissenschafter arbeiten heute mit besserer Computer-Hard- und Software als noch in den 1990er Jahren. Die neue Technik erlaubt einen genaueren Blick auf die alten Daten. Deshalb tauchten die Furchen erst jetzt, 24 Jahre nach dem Sammeln der Daten, auf den Monitoren der Wissenschaftler auf.

Wann die Eisberge über den Hovgaard Rücken geschrappt sind, können die Wissenschaftler allerdings nur grob eingrenzen: Klar ist, dass es in den vergangenen 800.000 Jahren passiert sein muss. Weil der Meeresspiegel in den Eiszeiten gut 120 Meter tiefer lag als heute, reichten die Eisberge demnach mindestens 1080 Meter unter die Wasseroberfläche. Da Eisberge in der Regel zu etwa einem Zehntel aus dem Wasser herausragen, schätzen die Forscher die Größe des Eisberges auf grob 1.200 Meter – das ist drei Mal höher als der Berliner Fernsehturm. "Um solche Riesen-Eisberge zu produzieren, war der Eisschildrand im Arktischen Ozean somit stellenweise mindestens 1.200 Meter dick", so Arndt.

Heute suchen Wissenschafter vergeblich nach solchen Mega-Eisbergen. "Die größten Eisberge finden wir derzeit in der Antarktis. Sie reichen allerdings maximal noch bis zu 700 Meter unter die Wasseroberfläche", erklärt der Bathymetriker. Ein Rätsel bleibt zudem die Geburtsstätte der Riesen-Eisberge, welche die Kratzer am Hovgaard Rücken hinterlassen haben. Die Forscher halten zwei Gebiete vor der Nordküste Russlands für die wahrscheinlichsten Orte.

Fund untermauert Hypthese zum Süßwassertransport

Die Forscher interessieren sich allerdings nicht nur wegen der Eisberggröße für die Kratzer: Die Spuren befeuern eine alte Fachdiskussion um die Frage, auf welche Weise in der Vergangenheit Süßwasser aus der Arktis in den Atlantischen Ozean transportiert wurde. Bisher nahmen einige Wissenschafter an, dass vor allem dickes Meereis für die Süßwasserausfuhr aus der Arktis verantwortlich war. Die neu entdeckten Kratzspuren allerdings untermauern eine andere Hypothese. Demnach waren große Eisberge von Norden nach Süden durch die Framstraße getrieben und hatten große Mengen gefrorenes Süßwasser Richtung Süden in den Nordatlantik verfrachtet.

Zahlreiche Studien machen gerade die erhöhten Süßwassereinträge für ein Abstellen der nordatlantischen Tiefenwasserbildung am Ende der letzten Eiszeit verantwortlich. Als Folge versiegte der Golfstrom, was zu einer drastischen Abkühlung in Europa führte. Da die Strömung im Atlantik ein wichtiger Motor für den Antrieb des weltumspannenden Zirkulationssystems ist, waren die Auswirkungen global spürbar. "Dass Eisberge in dieser Größenordnung aus der Arktis getrieben sind, spricht eindeutig dafür, dass Eisberge eine gravierendere Rolle für die Süßwasserzufuhr hatten, als bisher angenommen", erklärt Arndt. (red, derStandard.at, 05.08.2014)

  • Selbst die heute größten Eisberge in antarktischen Gewässern reichen nur bis in eine Wassertiefe von maximal 700 Meter. Damit sind sie deutlich kleiner als jene Eisberge, welche die Kratzspuren auf dem  Hovgaard Rücken in der Framstraße hinterlassen haben.
    foto: frank rödel, alfred-wegener-institu

    Selbst die heute größten Eisberge in antarktischen Gewässern reichen nur bis in eine Wassertiefe von maximal 700 Meter. Damit sind sie deutlich kleiner als jene Eisberge, welche die Kratzspuren auf dem Hovgaard Rücken in der Framstraße hinterlassen haben.

  • Die Furchen wurden in den Messerdaten entdeckt, die das Forschungsschiff Polarstern 1990 mithilfe des Fächersonarsystems der Polarsterns sammelte.
    grafik: alfred-wegener-institu

    Die Furchen wurden in den Messerdaten entdeckt, die das Forschungsschiff Polarstern 1990 mithilfe des Fächersonarsystems der Polarsterns sammelte.

  • Diese Karten geben einen Überblick, wo die fünf Eisbergkratzer gefunden  worden:
Die Abbildung oben rechts zeigt eine bathymetrische Karte der Framstraße. Die ober Grafik liefert einen Eindruck vom Hovgaard Rücken, dargestellt mithilfe der bathymetrischen Daten, die  während der Polarstern-Expedition ARK-VII/3a gesammelt wurden. Die  Eisbergkratzer werden hier durch die schwarz-gestrichelten Linien  angedeutet. Abbildung c zeigt den Hovgaard Rücken und die Kratzer in  dreidimensionaler Darstellung.
    grafik: alfred-wegener-institut

    Diese Karten geben einen Überblick, wo die fünf Eisbergkratzer gefunden worden:

    Die Abbildung oben rechts zeigt eine bathymetrische Karte der Framstraße. Die ober Grafik liefert einen Eindruck vom Hovgaard Rücken, dargestellt mithilfe der bathymetrischen Daten, die während der Polarstern-Expedition ARK-VII/3a gesammelt wurden. Die Eisbergkratzer werden hier durch die schwarz-gestrichelten Linien angedeutet. Abbildung c zeigt den Hovgaard Rücken und die Kratzer in dreidimensionaler Darstellung.

Share if you care.