Anordnungen zu Liebe und Arbeit

Rezension6. August 2014, 07:00
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Historikerin Edith Saurer macht in ihrem spannenden Buch deutlich, wie Recht und Geschlechterordnungen zusammenhängen

"Wer nicht frei für sich erwerben darf, ist Sklave." Dieses markante Zitat der deutschen Feministin Luise Otto-Peters aus dem Jahr 1886 bringt die Historikerin Edith Saurer als ein Beispiel für die Forderung engagierter Frauen nach ihrem Recht auf Erwerbsarbeit. Zwischen dieser, der Hausarbeit und der Liebe spannt die leider bereits verstorbene Autorin das Feld auf für eine beeindruckend umfang- und facettenreiche Geschichte der Geschlechterbeziehungen im 19. und 20. Jahrhundert.

"Liebe und Arbeit" heißt das Buch, an dem Edith Saurer, seit 1992 bis zu ihrem Tod 2011 Professorin für Neuere Geschichte der Universität Wien mit Schwerpunkt Frauen- und Geschlechtergeschichte, viele Jahre gearbeitet hat. Margaret Lanzinger hat es nun posthum im Böhlau-Verlag herausgebracht. Den ersten Teil, der sich vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg erstreckt, konnte Saurer noch selbst fertigstellen.

Darin arbeitet sie in hervorragender Weise heraus, wie erst um 1800 die "Geschlechterliebe" im Unterschied zur Gottesliebe konstruiert wurde. Drei Säulen nennt sie in der Folge als Voraussetzung für die Etablierung der Liebesehe in Europa: Die Ehescheidung, die Gleichheit für Frauen im Erbrecht sowie die Abschaffung der Testierfreiheit (also das Recht, sein Testament nach Belieben zu gestalten). Damit wird schon eines der Motive deutlich, die das gesamte Buch durchziehen: die große Bedeutung des legistischen Umgangs mit Geschlechterbeziehungen.

Wunschbilder von Geschlechterordnungen

Rechtsnormen, und das veranschaulicht Saurer an den unterschiedlichsten Beispielen aus ganz Europa, sind immer auch Wunschbilder von Geschlechterordnungen. Wenn in Frankreich auf Wunsch der Regierung bereits 1880 die Kinderkrippen ausgebaut werden, hat das gesellschaftliche Auswirkungen bis in die Gegenwart. Wenn in Schweden noch 1910 die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeitet und der Staat die Arbeitsteilung der Geschlechter deswegen nicht fördert, detto.

In welchen europäischen Ländern ein rein männliches Ernährermodell auch legistisch stärker untermauert wurde, ist, so wird bei der Lektüre klar, bis heute spürbar. Immer wieder zeigt Saurer dabei die staatliche Politik, den Arbeitsmarkt, den daraus folgenden Lebensstandard und die Stärke der Gewerkschaften als wichtige Faktoren auf. Aus dem "Amalgam aus Gehorsam und Verzicht auf Erwerbsarbeit" im Gegenzug für "Schutz und Unterhalt" ergibt sich im Laufe der Geschichte erst der gefühlte Gegensatz von Erwerbsarbeit und Liebe.

Gesamteuropäische Perspektive

Aus dem männlichen Ernährermodell samt den daraus folgenden Unterhaltspflichten entspringt, so macht Saurer deutlich, die Idee eines "Bedürfnislohns", der den Männern bei gleicher Leistung eine höhere Bezahlung zuspricht, da doch nur sie, im Unterschied zu den Frauen, eine Familie zu ernähren hätten. Ein Umstand, der bis heute die Idee von "gleichem Lohn für gleiche Leistung" erschwert. Nicht nur wie sich sexuelle Arbeitsteilung in ungleichen Löhnen widerspiegelt, sondern auch wie Arbeit ohne Entgelt im Haushalt oder Betrieb für die öffentliche Wahrnehmung unsichtbar gemacht wird – etwa, in dem sie in Statistiken nicht aufscheint –, dokumentiert die Autorin eindrucksvoll und an diversen Beispielen. Immer bleibt sie dabei ihrer gesamteuropäischen Perspektive treu. Das macht dieses Buch gerade in seiner Vielfalt so spannend und wertvoll.

Auch das Thema der Fortpflanzung erörtert sie ausführlich: So sei der Geburtenrückgang um 1890 im gesamten Europa nicht auf die "Kosten für die Kinder, sondern die veränderte Bedeutung der Elternschaft" zurückzuführen. Dies, obwohl das Wissen um Empfängnisverhütung erst im 20. Jahrhundert zu einem Massenphänomen wurde. Sie spannt den Bogen vom "Geschlechtsverkehr ohne Reproduktion" bis zur "Reproduktion ohne Geschlechtsverkehr", einem Kapitel, das sie leider nicht fertigstellen konnte.
Auch der Migration und ihrer Auswirkung auf die Geschlechterbeziehungen widmet sie erhellende Passagen. Mehr als 50 Millionen Menschen, so erinnert sie uns, verließen im 19. Jahrhundert und bis 1914 Europa. Ein Umstand, der bei aktuellen Diskussionen um die "Festung Europa" durchaus ins Treffen geführt werden könnte.

Grande Dame der Geschlechtergeschichte

Der zweite Teil des Buches reicht vom frühen 20. Jahrhundert bis – leider nur – an die Schwelle der Gegenwart. Drei große Experimente habe es in diesem Zeitraum in Bezug auf eine Neugestaltung der Geschlechterverhältnisse gegeben: Die Russische Revolution, die Eugenik sowie die Rassentrennung mit all ihren schrecklichen Ausprägungen. Nach 1945 sei es in allen Ländern, die am Zweiten Weltkrieg beteiligt gewesen waren, zu einer "Rekonstruktion der Familie" gekommen. Dem "Kalten Krieg" um die Ehe konnte sich Saurer noch ausführlich widmen. Der Dekonstruktion der bürgerlichen Liebe in den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts wird dann schon vergleichsweise wenig Raum gewidmet.

Die Kapitel zur gleichgeschlechtlichen Liebe sowie dem Verhältnis von Liebe und Arbeit seit den 1990er-Jahren konnte Saurer leider nicht mehr verfassen. Sie werden in einem Ausblick der Herausgeberin nur angerissen und lassen ahnen, dass die österreichische Grande Dame der Geschlechtergeschichte auch hier ganze Arbeit mit gesamteuropäischer Perspektive geleistet hätte. (Tanja Paar, dieStandard.at, 6.8.2014)

  • Edith Saurer: "Liebe und Arbeit. Geschlechterbeziehungen im 19. und 20. Jahrhundert" Böhlau-Verlag 2014, 317 Seiten
    foto: böhlau verlag

    Edith Saurer: "Liebe und Arbeit. Geschlechterbeziehungen im 19. und 20. Jahrhundert" Böhlau-Verlag 2014, 317 Seiten

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