Sieg der Knöpfe: Supersense in der Praterstraße

10. August 2014, 15:16
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Im zweiten Wiener Bezirk eröffnete in einer Traum-Location ein einzigartiges Geschäft zum Staunen

Es dauert nicht lange, bis einem der Mund offen steht. Was da in der Praterstraße, in Räumlichkeiten des Dogenhofes, des Gebäudes mit dem geflügelten Löwen, eröffnet hat, lässt einen einfach nur staunen.

foto: gebhard sengmüller

Hier, unweit des Pratersterns, türmen sich Sofortbild- und Super-8-Kameras. Daneben steht ein alter Sekretär, der von wohlgestalteten, käuflichen Kupferlampen beleuchtet wird. Gegenüber wartet eine äußerst seltene mannsgroße Polaroidkamera auf Motive.

foto: marco christian krenn

Im hinteren Teil des hallenartigen Raumes freut sich das Auge über eine hölzerne Aufzugskabine. Die steht nicht einfach so herum, sondern dient als Tonstudio, in dem die Kundschaft für 15 Euro eine Vinyl-Single aufnehmen kann, sozusagen das Sofortbild für die Ohren.

foto: marco christian krenn

Daran anschließend gibt's ein professionelles Aufnahmestudio, ebenfalls für Vinyl. Und auch die alten, schwergewichtigen Handdruckmaschinen an diesem Ort sind keine Museumsstücke. Zweimal pro Woche kommt ein ambulanter Drucker. Bei ihm kann man alles, von der Visitenkarte bis hin zum A3-Poster, in Auftrag geben.

foto: marco christian krenn

Zeitreise in die Welt von gestern

Um was es hier geht? Nun, das ist gar nicht so leicht zu sagen. "Supersense" ist Geschäft, Bar, Wunderkammer, Bühne, lebendiges Museum, Werkstatt, Büro, ein Ort, an dem man eine Zeitreise unternehmen kann, in eine Welt von gestern, allerdings ganz ohne Staub. Es ist dies eine Welt mit Knöpfen und Tasten, hier wird nichts markiert und gelöscht, hier lässt sich auch nichts kopieren.

Diese 240 Quadratmeter gehören ganz den Sinnen: Die analoge Fotografie unterhält das Auge, das Tonstudio die Ohren, angreifen möchte man sowieso alles, und auch an einem Geruchsbereich wird gemeinsam mit der Geruchsforscherin und Künstlerin Sissel Tolaas getüftelt.

foto: marco christian krenn

Wer mitgezählt hat, dem fehlt ein Sinn, doch auch der Geschmackssinn bekommt zu tun, denn der Eingangsbereich ist ein Mittelding zwischen Kaffee und Bar, das eintrittswilliger, aber scheuer Kundschaft die Hemmungen nehmen soll, die ehrwürdige Halle zu betreten. Kredenzt wird, was man sonst lange sucht, darunter das Bier einer kleinen Tiroler Brauerei oder handgerösteter Kaffee aus Kärnten. Und auch der kommt nicht in irgendeine Kaffeemaschine, sondern wird durch eine Slayer - für viele der Rolls-Royce unter den Kaffeemaschinen - zur Freude für die Papillen.

Goldener Stuck

Und über all dem schwebt gleich einem Zelt prachtvoller goldener Stuck. "Das Ganze wurde um 1900 erbaut und einem Palazzo in Venedig nachempfunden. Bevor wir herkamen, stand die Location lange Zeit leer, davor war ein Wettbüro hier untergebracht, dann die Humana", erzählt Andreas Höller. Er steht gemeinsam mit Nina Ugrinovich und Florian Kaps hinter "Supersense". Erfahrung mit dem Kampf gegen das Inflationäre hat das Team genügend. 2005 begann man nach einer Zeit bei der Lomographischen Gesellschaft abgelaufene Polaroidfilme zu verkaufen und übernahm eines Tages gleich die ganze Fabrik für Sofortbildfilme im holländischen Enschede.

foto: marco christian krenn

Nun sei es "einfach Zeit für etwas Neues gewesen", sagt Höller. Das haben die drei in jeder Hinsicht hingekriegt.

Nur mit den Visitenkarten müssen sie noch üben. Die sind freilich auch hübsch und aus dickem grauem Karton, und wen wundert's, dass Name und Telefonnummer mit einem Stempel händisch aufgebracht werden? Drückt eine der Chefitäten den Stempel allerdings nicht fest genug, kommt es vor, dass eine Ziffer der Telefonnummer fehlt.

Auch das Analoge hat so seine Tücken. Zum Glück gibt's da das Internet, denn Hand aufs Herz: Wer hat heute noch ein Telefonbuch? (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 8.8.2014)

"Supersense", Praterstraße 70, 1020 Wien
www.supersense.com

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