Russland erwägt Flugverbote für europäische Airlines

5. August 2014, 18:24
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Einschränkungen bei der Nutzung der Transsibirienroute könnten die Kosten für Flüge nach Asien in die Höhe treiben

Von wegen guter Flug: Der russische Low-Cost-Flieger Dobroljot (zu Deutsch so viel wie guter Flug) muss den Betrieb schon wenige Monate nach der Gründung einstellen. Die Aeroflot-Tochter war, weil sie Flüge auf die Krim anbot, auf die schwarze Liste der EU geraten. Ein irisches Leasingunternehmen zog daraufhin den Vertrag über 16 Boeings und die deutsche Lufthansa Technik den Wartungskontrakt zurück.

Hatte die russische Führung lange Zeit Gelassenheit demonstriert und die Wirkung der Sanktionen als gering beschrieben, reagierte sie nach dem erzwungenen Grounding der Fluglinie sichtbar verärgert. "Wir müssen mögliche Antwortmaßnahmen besprechen", erklärte Premier Dmitri Medwedew bei einem Treffen mit Verkehrsminister Maxim Sokolow und Aeroflot-Vizechef Wadim Singman. Wie diese Gegenmaßnahmen aussehen könnten, hatte zuvor bereits die Tageszeitung Wedomosti angedeutet: Moskau erwägt die Schließung des russischen Luftraums für Transitflüge europäischer Airlines.

Die möglichen Verluste für Lufthansa und Co beziffern Experten auf über eine Milliarde Euro in drei Monaten (solange gelten die EU-Sanktionen vorläufig) aufgrund höheren Treibstoffverbrauchs und längerer Flugzeiten. Allerdings ist die Maßnahme nicht ohne Nebenwirkungen für Russland. Bislang verdiente die mehrheitlich staatliche Aeroflot an den Überflugrechten über Sibirien 300 Millionen Dollar pro Jahr. "Das sind gute Einnahmen", räumte auch Kremlsprecher Dmitri Peskow ein, der sich daher dafür aussprach, das Für und Wider gründlich zu erwägen.

Klage wegen Rüstungsdeal

Weniger Kollateralschaden dürfte die geplante Klage des russischen Verteidigungsministeriums infolge eines geplatzten 100 Millionen Euro schweren Rüstungsdeals mit Rheinmetall, anrichten. Vizeminister Juri Borisow erklärte, Russland werde seine Interessen juristisch schützen. Zugleich sagte der Militär, dass die deutschen Waffenlieferungen (konkret ein Gefechtsübungszentrum) durch russische Technik ersetzt werden könnten.

Vizepremier Dmitri Rogosin will die Rüstungsindustrie ohnehin autark machen. Derzeit herrscht in einigen Bereichen noch eine gewisse Abhängigkeit ausgerechnet von der Ukraine, und zwar aufgrund einstiger Waffenbruderschaft. Beide Länder haben sich aber zuletzt mit Handelssanktionen nur so überhäuft. Neben dem Rüstungssektor betrifft das auch die Lebensmittelindustrie: Für ukrainischen Käse (und andere Milchprodukte) gibt es nun keine Löcher mehr an der russischen Grenze.

Der Bann betrifft auch polnisches (und moldawisches) Obst und Gemüse. Durch den plötzlichen Einfuhrstopp rechnet Polen mit Ausfällen von einer Milliarde Euro, galt Russland doch bis dato als größter Absatzmarkt für polnische Äpfel. Auf die Versorgung Russlands hat das derzeit wegen der Erntezeit noch keinen Einfluss. Ob Moskau allerdings mittelfristig den Bedarf selbst decken kann, ist ungewiss. Was als chinesische Birne in russischen Supermärkten herumliegt, schmeckt jedenfalls nur wenigen Russen. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, 6.8.2014)

  • Premier Dmitri Medwedew inspiziert eine Boeing am Moskauer Flughafen.
    foto: apa/epa/novo

    Premier Dmitri Medwedew inspiziert eine Boeing am Moskauer Flughafen.

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