Entdeckungen beim Mittelfest in Cividale

8. August 2014, 12:30
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Kompositionen von Sofija Gubajdulina und Federigo Fiorillo sowie das Puppentheater "Piccoli di Podrecca" zählten zu Höhepunkten der heurigen Festival-Ausgabe

Am Ersten Weltkrieg kommt heuer natürlich kein Veranstalter vorbei, so auch nicht das Mittelfest im friulanischen Langobardenstädtchen Cividale. Nach einer Ouvertüre am erschreckend-bedrückenden Gefallenenfriedhof Redipuglia, Maestro Muti dirigierte Verdis Requiem, folgte die in diesem Zusammenhang immer sehr beliebte "Histoire du Soldat" von Igor Strawinski. Auch der "brave Soldat Schwejk" sollte 100 Jahre danach gerade bei einem Festival, das sich Mitteleuropa zum Thema genommen hat, nicht fehlen.

Schon ungewöhnlicher in der Auswahl war das Konzert mit Stücken, die Ermete Giovanni Gaeta, Ildebrando Pizzetti, Claude Debussy und Leóš Janáček während des "Grande Guerra", wie er in Italien genannt wird, komponiert haben, oder Emanuele Carucci Viterbis Lesung von Kriegstexten Guillaume Apollinaires, Gabriele d'Annunzios, Wilfred Owens, Otokar Fischers, August Stramms, GeorgTrakls und Giuseppe Ungarettis unter dem Titel "Als die Granaten sangen - Stimmen aus dem Schützengraben".

Die interessanten Entdeckungen waren aber wohl zweifellos abseits dieses, wenn auch sehr intelligent gestalteten, Pflichtprogramms zu machen. So kam es - in Zusammenarbeit mit den Festivals von Ravello, Ljubljana und Amsterdam - zu einer Uraufführung der 82-jährigen russischen Komponistinnenlegende Sofija Gubajdulina, ihrer ersten Komposition nach einer langen Periode des Schweigens.

Warum? Wozu?? Wodurch???

In "Warum? Wozu?? Wodurch???", einem 30-minütigen Werk für Flöte, Klarinette und Streicher, lotet sie die Unvereinbarkeit von kurzen und langen Intervallen aus. Das Stück entwickelt sich in einer beständigen Spannung, bis gegen Ende eine vorübergehende Harmonie erreicht wird in einem Unisono, das jedoch sofort wieder langsam erlischt. Berührend und den Wunsch nach alsbaldigem Wiederhören erweckend.

Äußerst verblüffend auch die Begegnung mit Werken Federigo Fiorillo. Federigo chi? Federigo wer? Eben. Selbst leidenschaftlichsten und gebildetsten Musikliebhabern weitgehend unbekannt, war dieser in Braunschweig geborene Sohn eines neapolitanischen Theaterdirektors zu Lebzeiten nicht nur ein in ganz Europa angesehener Virtuose auf Violine, Mandoline und Viola, Verfasser von den bis heute im Violinunterricht verwendeten "36 Etüden", sondern auch und gerade Komponist von über 200 Werken kammermusikalischer Natur.

Bei den ersten Klängen seines Violinkonzerts vermeint man zuerst Musik des weitaus bekannteren Wolfgang Amadé Mozart zu hören. Und das ist auch kein Wunder, denn Mozart wurde 1756 geboren, und Federigo Fiorillo 1755. Dieselbe Generation also.

Fiorillo überlebte das frühverstorbene Wunderkind jedoch beträchtlich. Er starb wahrscheinlich nach 1823, wo genau weiß man nicht, und so lässt sich - abgesehen von der eigenständigen und hochstehenden Qualität seiner Kompositionen (hier: das Violonkonzert Nr.1, die Sinfonia concertante für zwei Oboen, die Sinfonia concertante für zwei Violinen etc.) selbst - das faszinierende Gedankenexperiment anstellen, was den gewesen wäre und wie es geklungen hätte, wenn Kollege Mozart ebenso lange gewirkt hätte. Fiorillo ist jedenfalls top, und es gäbe sicher noch viele aufregende Entdeckungen zu machen, wenn sich jemand darum kümmern würde.

Puppentheater als Höhepunkt

Die absolute größte und freudigste Überraschung stellte jedoch die Entdeckung der "Piccoli di Podrecca" dar. Der als Rechtsanwalt ausgebildete Vittorio Podrecca, ein Spross der aus Cividale stammenden, bis nach Wien verzweigten Podrecca-Dynastie gründete 1914 eine Unternehmung, die mit "Marionetten - oder Puppentheater" nur unzulänglich beschrieben ist.

Vittorio, selbst kein Puppenspieler, scharte die besten dieser Zunft um sich, aber auch aufstrebende Künstler seiner Zeit: einige Futuristen, Maurice Ravel, Ottorino Respighi, Manuel de Falla und viele andere mehr. So kam es, dass die "Piccoli di Podrecca" eher zu einem Avantgardetheater avancierten als zu einer Kinderkasperlbühne, allerdings weiterhin von allen Altersklassen akklamiert wurden.

Und zwar nicht nur in Italien, sondern (fast) auf der ganzen Welt, denn ausgedehnte, jahrelange Tourneen führten die ungewöhnliche Truppe nach London, New York, Wien, Argentinien, Mexico etc. Die Begegnung mit einigen überlieferten, hier von der Compagnia Cassiopeia nachgespielten, Nummern lässt Podreccas Kreationen unverändert frisch und kühn erscheinen.

Soldaten, die sich in einzelne Stücke auflösen und dann wieder zusammengesetzt werden, groteske Vögel, tanzende Affen, feige Stiere, eine falschsingende Sängerin, deren Hals bei den Koloraturen immer länger wird, ein darüber verzweifelnder Pianist ... Vielmehr als Geschwister der Urania-Puppenbühne kommen einem die "Piccoli" wie die in Vergessenheit geratenen Eltern der Muppets-Show vor.

Der Höhepunkt der Kunstfertigkeit ist erreicht, wenn man mit einem ungeschickten Seilakrobaten dermaßen mitzittert und mitschwitzt, als ob er ein echter Mensch aus Fleisch und Blut wäre, wohl wissend, dass er doch nur ein Konstrukt aus Holz ist. Großartigst. Eine Fortsetzung sollte schleunigst folgen. (Robert Quitta, derStandard.at, 8.8.2014)

  • Igor Strawinskis "Histoire du Soldat".
    foto: luca d’agostino /phocus agency

    Igor Strawinskis "Histoire du Soldat".

  • "Der brave Soldat Schwejk" beim Mittelfest.
    foto: alice bl durigatto / phocus agency

    "Der brave Soldat Schwejk" beim Mittelfest.

  • Die Musik von Federigo Fiorillo galt es beim heurigen Mittelfest zu entdecken.
    foto: luca d’agostino /phocus agency

    Die Musik von Federigo Fiorillo galt es beim heurigen Mittelfest zu entdecken.

  • Eine Mittelfest-Entdeckung: "Piccoli di Podrecca".
    foto: luca d’agostino /pochus agency

    Eine Mittelfest-Entdeckung: "Piccoli di Podrecca".

  • Podreccas Kreationen wirkten unverändert frisch und kühn.
    foto: luca d’agostino /pochus agency

    Podreccas Kreationen wirkten unverändert frisch und kühn.

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