Rettungshubschrauber: Im fliegenden Schockraum

Reportage5. August 2014, 11:15
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Wer schwer verletzt ist, sollte rasch ins Krankenhaus. Schneller als mit dem Rettungshubschrauber geht es nicht

Wiener Neustadt - "X-Ray, Echo, Charly. Wir sind unterwegs", sagt Thorsten Kremser in sein Mikrofon. Es ist sieben Uhr früh. Der Hubschrauberpilot ist seit sechs am Stützpunkt Wiener Neustadt, hat mit Notarzt Helmut Trimmel und Sanitäter Roman Lechner Helikopter und die medizinische Ausrüstung überprüft. Alle drei tragen rote ÖAMTC-Overalls. "X-Ray, Echo, Charly" ist der Funkname ihres gelben Christophorus-Rettungshubschraubers, der gerade zu einem Verkehrsunfall ins Südburgenland gestartet ist.

Ein Auto ist in eine Mauer gerast, die Feuerwehr bereits vor Ort. "Den exakten Unfallort erkennen wir von oben sehr schnell, es ist da, wo Stau ist", hat Pilot Kremser beim Frühstück gerade noch erklärt, als sämtliche Mobiltelefone gleichzeitig zu piepen begannen. Die Leitstelle in Tulln hat eine Textmessage geschickt. "TETRA NNÖ-05, 99/003, 52/384, 47N56.03." Jetzt geht's los.

foto: apa
Die Hubschrauberstaffel des ÖAMTC.

Notwendigkeit abschätzen

Die drei diensthabenden Retter sitzen zwei Minuten später angeschnallt und mit Helm im Hubschrauber, sehen die Straßen und Häuser mit ihren Swimmingpools aus der Vogelperspektive. Geredet wird beim Start nicht. Dann eine harsche Kurve. "Storno. Der Unfall war doch nicht so schlimm", sagt der Sanitäter. Es geht zurück zum Stützpunkt. Einsätze werden nur geflogen, wenn sie medizinisch oder rettungstechnisch notwendig sind. Sind die Verletzungen nicht schlimm, übernimmt "der bodengebundene Rettungsdienst".

"Rechtzeitig schauen, dass man einen Hubschrauber hat, wenn man ihn braucht", erklärt Notarzt Trimmel das Grundprinzip der Notfallversorgung. In weniger als zwölf Minuten kann einer von 16 Christophorus-Hubschraubern an jedem Ort Österreichs sein. Am Stützpunkt Wiener Neustadt sind es im Sommer durchschnittlich fünf Einsätze pro Tag. Am Wochenende Freizeitunfälle, "am Hochschwab muss oft der Notarzt vom Hubschrauber aus mit einem Tau eingeflogen werden, weil ich nicht landen kann", erzählt Pilot Kremser. Viel los ist bei heißem Wetter, vor allem ältere Menschen haben verstärkt Atem- oder Herzprobleme. Setzt Regen ein, beginnen die Verkehrsunfälle.

Hochemotionale Situationen

"Wenn sich ein Auto überschlägt, kommt meistens der Hubschrauber, weil es dann oft Kopfverletzungen gibt und der Transport mit dem Rettungswagen bei Schädel-Hirn-Trauma belastend ist", erklärt Trimmel. Für den Intensivmediziner, der im Spital seine Patienten mit Hightech-Medizin betreut, sind die Einsätze als Notarzt eine wichtige Ergänzung. "Man muss sich hier auf seine Sinne verlassen und in Stresssituationen die richtige Entscheidung treffen." Nach weit mehr als tausend Einsätzen ist er selten angespannt. "Nur wenn Kinder verletzt sind, sind das hochemotionale Situationen", sagt er.

foto: apa
Bei schweren Unfällen zahlt den Hubschrauber die Versicherung, die Kosten bei Freizeitunfällen müssen die Verursacher selbst begleichen. Ein Flugeinsatz kann schnell über 1.000 Euro kosten.

Wichtiger als alles andere ist Trimmel Professionalität. "Ein Hubschrauber ist wie ein fliegender Schockraum", sagt er. Nach einer Landung steigt er mit dem Notfallrucksack als Erster aus, geht ohne Hektik zum Verletzten und checkt zunächst Lebensfunktionen. Atmung, Puls, Bewusstsein, dann die Beweglichkeit der Extremitäten. Er spricht mit dem Verletzten, tastet, hört ab. Immer dabei ist ein kleines gelbes Gerät, das wie eine Autobatterie aussieht. Es misst den Sauerstoffgehalt im Blut, zeigt EKG und Blutdruck an. Meistens legt Trimmel einen venösen Zugang, weil "damit Schmerz- und Beruhigungsmittel in zwei Minuten wirken".

In sicherer Obhut

Genau nach diesem Schema versorgt Trimmel eine junge Frau am späten Nachmittag, die sich mit ihrem Auto überschlagen hat. "X-Ray, Echo, Charly" ist mitten auf dem Acker gelandet, Trimmel verabreicht der schwer geschockten, zitternden 30-Jährigen mit blutender Stirn eine Infusion, lagert sie in einer schlafsackähnlichen Vakuummatratze auf der Trage. "Bevor wir die Verletzte in den Hubschrauber verladen, ist sie komplett erstversorgt", erklärt Trimmel und hängt den Infusionsbehälter an einen Haken. Die Patientin bekommt zudem Sauerstoff, Trimmel hält ihre Hand, sagt beruhigend: "Jetzt kann Ihnen nichts mehr passieren, wir haben das schon tausende Male gemacht." Ein Flug im Helikopter ist laut, die Trage mit der Patientin drauf vibriert.

Bei Schädel-Hirn-Traumata, Schlaganfällen, Herzinfarkten oder Aneurysmen, also geplatzten Blutgefäßen, ist der schnelle Transport auf eine Intensivstation nicht nur lebensrettend, sondern mindert auch Folgebeeinträchtigungen, haben Studien ergeben. Das Team von "X-Ray Echo, Charly" hat die junge Frau gerade im Krankenhaus Wiener Neustadt übergeben, ein Anästhesist hat sie direkt vom Landeplatz auf dem Dach des Spitals übernommen. "Kommunikation ist in der Notfallmedizin essenziell" , sagt Trimmel, der dem Spitalsarzt sämtliche Fakten rasch erklärt. Da schrillen erneut die drei Handys der Rettungsmannschaft. "Unfall in einem Reitstall", sagt Trimmel kurz und: "Abflug. Weiter geht's." (Karin Pollack, DER STANDARD, 5.8.2014)

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