Drei Fragen an die Bildungspraktiker

Kommentar der anderen4. August 2014, 17:39
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Ein Monstermarkt für Nachhilfe existiert. Viele Schulabgänger können kaum lesen, Lehramtskandidaten nicht rechtschreiben. Unis und Arbeitgeber müssen nachbilden. Warum eigentlich?

In Ihrem Leserbrief im Standard vom 25. Juli 2014 haben Sie, Herr Christian Schacherreiter, sich höchst kritisch mit bildungspolitischen Äußerungen von WK-Präsident Christoph Leitl auseinandergesetzt und ihm sowie einigen anderen namentlich Genannten - darunter Initiatoren des Bildungsvolksbegehrens - Inkompetenz und eine große Klappe vorgeworfen.

Mit Ihren freundlichen Bemerkungen haben Sie allerdings übersehen, dass zukunftsbesorgte Staatsbürger die Initiative zu einem Bildungsvolksbegehren gestartet haben, weil ihnen nicht entgangen ist, dass nach allen internationalen Maßstäben Österreich zwar eines der teuersten Bildungssysteme, aber zugleich eines mit den schlechtesten Ergebnissen hat. Es konnte und kann auch nicht entgehen, dass die Universitäten über die gesunkene Qualifikation der Studenten besorgt sind und Nachholaufgaben erfüllen müssen, und dass die Wirtschaft über den Mangel an qualifizierten Mitarbeitern sowie ausbildungsfähigen Lehrstellenbewerbern klagt.

Gerade vor einigen Tagen konnte man vernehmen, dass bis zu 50 Prozent der Maturanten, die sich für ein Lehramtsstudium beworben haben, durchgefallen sind, weil sie nicht hinreichend rechtschreiben konnten. Noch schlimmer ist die Aufnahmeprüfung in die Sicherheitsakademie für Polizeischüler ausgefallen. Diese haben nur 199 von 1.620 Bewerbern bestanden; oder dass 25 Prozent der Pflichtschulabgänger nicht sinnverstehend lesen oder hinreichend rechnen können und dass wir einen Nachhilfemarkt in einer Größenordnung von 150 Mio. Euro haben, die von Eltern, die es sich leisten können, bezahlt werden.

Es ist Ihnen auch offensichtlich entgangen, dass umfassende Forderungen des Bildungsvolksbegehrens über den gesamten Bildungsbogen von erfahrenen und kompetenten Fachleuten auf der Grundlage aktueller bildungswissenschaftlicher Erkenntnisse und internationaler Erfahrungen ausgearbeitet wurden.

Dessenungeachtet, wollen wir gerne Ihre Kompetenz und Erfahrung nutzen und wären Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns etwa folgende drei Fragen freundlicherweise beantworten könnten:

Frage Nr. 1: Die gesellschaftlichen Gegebenheiten, bei denen mehr als 70 Prozent der Frauen berufstätig sind, ein Großteil teilzeitbeschäftigt und ein nicht geringer Teil alleinerziehende Mütter, machen es unserer Überzeugung nach dringender denn je notwendig, dass endlich gesicherte elementarpädagogische Ganztagsbetreuung im Vorschulalter und verschränkte Ganztagsschulangebote, fokussiert in Schulzentren oder noch besser in Campus-Einrichtungen, angeboten werden. Sollten wir ein solches Projekt weiter verfolgen?

Frage Nr. 2: In 23 von 28 Mitgliedsländern Europas lernen Kinder bis zum 14. bzw. 16. Lebensjahr gemeinsam. Je länger aber gemeinsam gelernt wird, desto geringer sind die Auswirkungen der sozialen Hintergründe des Elternhauses auf die Schulleistungen. Das ist für Österreich, wo Bildung vermutlich am stärksten "vererbt" wird, von entscheidender Bedeutung. Da gehen uns jährlich Tausende von hochtalentierten jungen Menschen verloren. Dies verhindert überdies Chancengleichheit und behindert Aufstiegsdurchlässigkeit. Und das macht sich bereits deutlich am Arbeitsmarkt bemerkbar. Wie sollte man aufgrund Ihres Rates bei dieser Frage weiter vorgehen? Oder ist Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit für Sie eine überzogene Zielsetzung?

Frage Nr. 3: Glauben Sie, dass es richtig ist, dass Eltern jährlich mit rund 150 Millionen Euro an Nachhilfekosten belastet werden, dass Unternehmen zunehmend Nachhilfekurse anbieten müssen, um zu helfen, künftige Mitarbeiter, was das Ausbildungsniveau betrifft, erst zur Berufsreife bringen zu können? Was glauben Sie, liegt das an den Kindern, den Eltern, den Lehrern oder war das immer so? Zu welcher weiteren Vorgangsweise raten Sie?

Wir sehen sehr interessiert der Beantwortung dieser Fragen entgegen, danken Ihnen für Ihr Interesse sowie für Ihre Bemühungen und verbleiben mit vorzüglicher Hochachtung. (Hannes Androsch, DER STANDARD, 5.8.2014)

Hannes Androsch (76) ist Industrieller und einer der Mitinitiatoren des Bildungsvolksbegehrens.

  • Hannes Androsch: Die Fakten sprechen für sich.
    foto: apa/georg hochmuth

    Hannes Androsch: Die Fakten sprechen für sich.

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