Judenhass gestern und heute

Kolumne4. August 2014, 17:51
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Die Verwischung der Grenzen zwischen berechtigter Israel-Kritik und der Revitalisierung des alten Judenhasses lässt sich nicht mehr ignorieren

Entsetzen, Empörung und bei den Betroffenen unverhohlene Angst prägen den seit den Militäraktionen Israels in Gaza fast weltweit erlebten "Ausbruch des Judenhasses, der sich hinter der Fassade des Antizionismus verbirgt" (so der französische Ministerpräsident Manuel Valls). Siebzig Jahre nach der Ermordung von sechs Millionen Juden beschäftigt sich die Frankfurter Allgemeine in einem Leitartikel mit dem "neuen Antisemitismus in Frankreich". Aber auch in Deutschland werden Juden offen diffamiert, Synagogen und jüdische Einrichtungen angegriffen.

Beobachter und Wissenschafter sprechen von "einer völlig neuen Dimension der Bedrohung". Auf den Protestdemonstrationen in Berlin werden Juden als "feige Schweinen" beschimpft, Schilder mit Hassparolen wie "Kindermörder Israel" und "Israel=Nazi" getragen, "Juden ins Gas" wird gebrüllt. Der Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland sei erschreckend weit verbreitet und aggressiv, stellte kürzlich die Süddeutsche fest und warnend fügte hinzu: "Wer Judenhass sät, wird Islamhass ernten", weil die Menschenfeindlichkeit universal sei.

Es geht nicht nur um die legitime Kritik an Israel als eine unerträglich arrogante Besatzungsmacht in der Westbank oder an politischen Entscheidungen der Netanjahu Regierung. In der einzigen Demokratie des Nahen Ostens kommt übrigens stets die schärfste Kritik auch diesmal von weltbekannten israelischen Schriftstellern wie David Grossman ("im Gaza-Krieg gibt es nur Verlierer") und Amos Oz, sowie erst recht von dem mutigen Haaretz-Kolumnisten, Gideon Levy.

Der unverhohlene Judenhass als Motiv für die Ausschreitungen muslimischer Jugendlichen ist die Folge vor allem der ohnmächtigen Wut beim Betrachten von Videos von Kindern und Zivilisten als Opfer des im Web bewusst dämonisierten israelischen Staates. Die über den sozialen Medien eingesetzten schockierenden. Bilder von Leichen, begleitet von antijüdischen Hassparolen verdrängen das auch von israelkritischen Beobachtern entlarvte zynische Kalkül der terroristischen Hamas, die jeden Kompromiss mit Israel ablehnt und ihre Raketenabschussvorrichtungen bewusst in dicht bewohnte Gebiete baut.

Die Dimension der via Internet verbreiteten, als Israel-Kritik getarnten antisemitischen Propaganda überschattet bei weitem die Berichterstattung über andere blutige Konflikte. Deutsche Forscherinnen betonen auch den eklatanten Unterschied bei der Zahl der Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg und hinsichtlich des syrischen Bürgerkriegs (über 150 000 Tote seit 2011 und Millionen Flüchtlinge).

Besondere Verantwortung trägt auch der türkische Ministerpräsident Erdogan, der mit seinen Hasstiraden antisemitische Ressentiments in Westeuropa schürt. Die Verwischung der Grenzen zwischen berechtigter Israel-Kritik und der Revitalisierung des alten Judenhasses lässt sich nicht mehr ignorieren. Die Politik, die Medien und die Gesellschaft sind herausgefordert. Die verstorbene Barbara Prammer war als Ehrenpräsidentin der Österreichischen Freunde von Yad Vashem auch ein bewundernswertes Vorbild im Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 5.8.2014)

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