Europas schöne Scheinwelt

Kommentar4. August 2014, 17:24
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Die Wirtschaftskrise auf dem Kontinent ist nicht vorbei, sondern wird nur überdeckt

Da kommt man doch ins Staunen. Die portugiesische Zentralbank verkündete Sonntagabend, dass der Staat wieder ein Geldhaus retten wird. 4,9 Milliarden Euro muss Lissabon in die angeschlagene Banco Espírito Santo stecken. Eine gewaltige Summe für ein Land, das bis vor kurzem als Pleitekandidat galt. Wie aber reagieren Investoren? Mit einem müden Achselzucken. An Europas Leitbörsen blieb es am Montag ruhig, der Euro war stabil, portugiesische Staatsanleihen waren sogar gefragt.

Die Eurozone muss also etwas richtig gemacht haben. Noch vor zwei Jahren hätte die Nachricht über eine kollabierende Bank in einem Euro-Peripherieland, die der Staat auffangen muss, Panik an den Börsen ausgelöst und zu Spekulationen über ein Ende des Euro geführt. Lange Zeit reichten aus Griechenland viel nebensächlichere Meldungen, um Kursstürze in Frankfurt und Wien zu verursachen.

Die Frage ist also, was sich geändert hat. Darauf gibt es zwei Antworten. Zunächst ist das Krisenmanagement in Europa besser als je zuvor. Zwischen der Bekanntgabe der Nachricht, dass Espírito Santo Hilfe brauchen wird, und der fertigen Vereinbarung zwischen Lissabon und der EU-Kommission vergingen nur 48 Stunden.

Europa demonstriert eine Schnelligkeit und Einigkeit, die bei der Explosion der Probleme in Griechenland und Irland 2010 noch fehlten. Zudem stehen ein Rettungsfonds und die Europäische Zentralbank (EZB) bereit, um den Portugiesen im Notfall mit Milliarden auszuhelfen. Mit dieser Rückendeckung traut sich derzeit kein Investor, gegen Europa zu wetten. Es war ein politischer Kraftakt, dies zu erreichen, aber er hat sich ausgezahlt.

Die Kehrseite ist freilich: In Wahrheit hat sich erschreckend wenig verändert. Ein Teil der Öffentlichkeit in Europa, besonders in den "Nordstaaten" Deutschland und Österreich, kann es sich mit all den Auffangnetzen zurzeit ganz einfach leisten, in einer Scheinwelt zu leben, in der es so wirkt, als sei die Krise überwunden.

In Wahrheit geht die Misere Griechenlands, Portugals und Spaniens mit voller Wucht weiter. Eine Generation ohne Perspektive wächst da heran. In Portugal hat jeder Dritte unter 25 Jahren keinen Job, in Griechenland und Spanien sind die Werte noch dramatischer. Am Boden liegen auch die meisten Unternehmen. Es ist fast schon putzig, wenn die Regierung in Athen so wie am Freitag freudig verkündet, dass Griechenlands Wirtschaft im zweiten Quartal wieder leicht zugelegt hat. Die Produktion im Land ist seit 2008 um ein Viertel eingebrochen. Irgendwann musste die Talsohle erreicht sein.

Aber selbst die Verschuldungslage der südlichen Euroländer wird schlimmer. Geht es rational zu, müssten Investoren Athen, Madrid und Lissabon das Vertrauen bald entziehen. Doch das geschieht nicht, weil die Zinsen in Europa und den USA derzeit nahe null sind und die Notenbanken die Finanzmärkte mit Liquidität vollgepumpt haben. Anleger reißen sich geradezu um Wertpapiere, ganz gleich, welches Risiko dahintersteckt.

Heißt das, in den kommenden Monaten wird die Krise wieder hochkochen? Nicht, solange die Schleusen der Notenbanken offen und das Krisenmanagement der EU intakt bleibt. Aber wenn die Union dem Heer der Arbeitslosen im Süden eine Perspektive bieten will, wird das nur mit staatlichen Neuinvestitionen in Forschung, Bildung, vielleicht auch Infrastruktur gehen. Nötig ist ein zweiter Kraftakt. (András Szigetvari, DER STANDARD, 5.8.2014)

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