Ukrainische Armee verschiebt den Sieg auf Winter

Analyse4. August 2014, 17:28
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Die Offensive der ukrainischen Streitkräfte im Osten läuft zäh. Einzelne Erfolge werden immer wieder von Pleiten überschattet. Nun werden die Ukrainer auf Geduld geeicht

Kiew/Moskau - Am Montag vermeldete der Stab der "Antiterroroperation" in der Ostukraine die Einnahme des Donezker Vororts Jassinowataja. "Die Befreiung der Stadt ermöglicht es, Donezk von Norden her zu umfassen und einen wichtigen Versorgungskanal der Terroristen für Waffen und Technik zu schließen", heißt es in der Pressemitteilung. Die Eroberung mache zudem den Weg zwischen den Ortschaften Dmitrowka und Djakowo frei, betonten die Militärs. Damit treiben die ukrainischen Streitkräfte praktisch einen Keil zwischen die von Separatisten ausgerufenen "Volksrepubliken" Donezk (DVR) und Luhansk (LVR).

Freilich malt die Militärführung schon seit Tagen diesen angeblichen Korridor in den veröffentlichten Lagekarten ein. Wie der DVR-Premier Alexander Borodai nach seiner Moskau-Stippvisite dann wieder im "Donezker Kessel" landen konnte, wird nicht erklärt. Offenbar beherrscht die Nationalgarde die ihnen zugeschriebenen Gebiete bei weitem nicht so sicher wie die Stabsoffiziere das Kartenmalen. Immer wieder gibt es Berichte über Gefechte in Gebieten, die die Regierungstruppen angeblich schon kontrollieren. Auch Jassinowataja ist ukrainischen Medienberichten nach noch längst nicht allein in der Hand der Nationalgarde.

Vage Erfolgsmeldungen

Selbst die Erfolgsmeldung, dass das Militär inzwischen drei Viertel des zuvor von Rebellen besetzten Territoriums befreit habe, ist noch kein Indiz für einen kurz bevorstehenden Sieg der Regierungstruppen im Donezbecken. Im Gegenteil: Die Schwierigkeiten sind enorm. Der Nachschub der Aufständischen funktioniert immer noch ausreichend. Die Grenze zu Russland kann das ukrainische Militär nach wie vor nicht völlig abdichten.

Zeitgleich zum Sieg in Jassinowataja musste es an der Grenze einen harten Rückschlag einstecken. 438 Soldaten legten ihre Waffen nieder und flohen nach Russland. Laut russischen Medien baten sie dort um Asyl, ukrainische Stellen meldeten einen erzwungenen Rückzug, nachdem der Einheit im Kampf gegen die Rebellenmilizen die Munition ausgegangen war. Allerdings kehrten nur 180 Soldaten nach ihrer Entwaffnung wieder in die Heimat zurück. Die Motivation vieler Wehrpflichtiger ist gering.

Die neueste Prognose des ukrainischen Sicherheitsrats wird die Kampfeslust nicht gerade heben: Bis zum Winter werde das Donbass-Gebiet von Separatisten "gesäubert", sagte der Sprecher des Rats Anatoli Lyssenko. Das bedeutet noch drei bis vier Monate Kämpfe.

Gefährlicher Verzug

Die Verzögerung ist mit hohem Risiko behaftet. Im Herbst werden viele der schmerzhaften Wirtschaftsreformen spürbar. Zudem ist immer noch unklar, wie die Ukraine bis dahin ihren Gasbedarf decken will. Soziale Unzufriedenheit in weiten Teilen des Landes ist vorprogrammiert. Angesichts der militärischen Instabilität ist nicht auszuschließen, dass sich der - gewiss geförderte - Frust in Unruhen Bahn bricht.

Zudem ist ungewiss, wie sich Russland bis dahin verhalten wird. Zu Wochenbeginn starteten die russischen Luftstreitkräfte ein bisher in dieser Größenordnung beispielloses Manöver an der Westgrenze des Landes. Eine weitere Demonstration der Stärke. Vor einem direkten militärischen Eingreifen in der Ostukraine schreckt der Kreml allerdings bislang zurück, obwohl der innenpolitische Druck dazu gewaltig ist.

Neben politischen sehen Experten auch militärische Gründe für die Zurückhaltung: Ab April wurden neue Rekruten eingezogen und die erfahrenen Wehrpflichtigen entlassen. Bis zum Herbst ist das russische Militär also nicht in voller Einsatzbereitschaft. Fällt dieser Grund weg, hindert Russland nur noch das Kalkül, danach vom Westen völlig in die Isolation getrieben zu werden, am Einmarsch. Doch die Angst vor neuen Sanktionen lässt nach. (André Ballin, DER STANDARD, 5.8.2014)

  • Eine Frau kocht außerhalb ihres Hauses, nachdem die Gasversorgung nach Kämpfen zwischen Separatisten und der Armee abgedreht wurde. Die soziale Unzufriedenheit im Land steigt.
    foto: epa/roman pilipey

    Eine Frau kocht außerhalb ihres Hauses, nachdem die Gasversorgung nach Kämpfen zwischen Separatisten und der Armee abgedreht wurde. Die soziale Unzufriedenheit im Land steigt.

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