Der Punk, das unbekannte Wesen

11. August 2014, 05:30
477 Postings

Nach der Räumung der "Pizzeria Anarchia": Die Besetzer firmierten landläufig als Punks. Aber was bedeutet das?

Punks, hieß es vor der Räumung am Montag, dem 28. Juli, hielten das Haus in der Mühlfeldgasse 12 in Wien besetzt. Vorstellen konnten sich unter diesem Begriff die meisten etwas. Punks, das sind die, die außer schnorrend Dosenbier zu trinken nichtstuerisch auf Bahnhöfen oder in Fußgängerzonen lümmeln. Die ihre abgetragenen Kleider noch absichtlich durchlöchern, Piercings im Gesicht tragen und auf dem Kopf gefärbte Haare. Rebellische Außenseiter, Autoritätsfeinde, anti alles. Eltern verkleiden ihren Nachwuchs für den Kindergartenfasching als Punker. Punks machen den Eltern mit der Parole "Eure Kinder werden so wie wir" Angst.

Doch abseits aller Klischees: Was bedeutet Punk sein in Österreich im Jahr 2014? Gibt es das überhaupt? Hat es noch eine politische Dimension? Hatte es die jemals?

Untergrund vs. Establishment

Das Wort Punk (wohl "verfaultes Holzmehl") fand in den frühen 1970er-Jahren in New York und London als Name einer rauen, im besten Wortsinn dilettantischen Musikrichtung in die Welt. Drei verzerrte Gitarrenakkorde genügten, um ein Publikum zu finden und ihm rotznäsig den Soundtrack einer neuen Jugendbewegung zu verkünden.

Es war eine Aufbruchsstimmung mit "No Future"-Attitüde. Mit einem enormen Kreativitätsschub erwuchs eine Subkultur, die sich gegen die bestehende Ordnung, gegen das harmonische Hippietum der älteren Geschwister und gegen den Konsum an und für sich wandte. Vor allem konservative und rechte Ideen lehnten die Punks ab, ohne explizit als links zu gelten. Dafür fehlten die eigenen politischen Ziele, analysierte der US-amerikanische Pop-Autor Greil Marcus.

Der musikalische Höhepunkt der Bewegung fiel mit dem Kommen der Sex Pistols 1977 zusammen. Die häufig als "Posterboys des Punk" bezeichnete Band galt im Nachhinein als Erfindung und Reißbrett-Experiment ihres Managers Malcolm McLaren. Doch provokante Stücke wie "Anarchy in the U.K." und "God Save The Queen" taten das Erwartbare und führten vor allem im Vereinigten Königreich zu legendenbildenden Kontroversen.

Heimat bist du großer Töchter

In Österreich tauchten der Punkrock und seine Lebenseinstellung wie alles ein bisschen verspätet auf. 1979 stand mit dem Sampler "Wiener Blutrausch" die erste heimische Punkplatte in den Regalen. Für den Opener "Kaiserhymne & Pink Punk Shirt" rezitierte Drahdiwaberl-Chef Stefan Weber eine Variation der Nationalhymne und nahm damit einen 35 Jahre später explodierenden gesellschaftlichen Streitpunkt vorweg: "Heimat bist du großer Söhne, Heimat bist du großer Töchter" (Zusatzvers: "der Frauenrechtler").

Auch Chuzpe, 1976 gegründet und im Konsens der österreichischen Musikhistoriker die erste wirkliche Punkband des Landes, steuerten drei Songs zu "Wiener Blutrausch" bei. Angelehnt an Sex Pistol Johnny Rotten, legte sich Robert Wolf das Pseudonym Robert Räudig zu. Von Brotberuf Postler, bediente er für Chuzpe Gitarre und Mikrofon. Mitte der 1970er-Jahre war Wien verschlafen, sagt Wolf: "Der Punk war ein Weckruf. Musikalisch gab es davor nur Glam Rock und die Musik der Hippies. Die 68er-Bewegung war uns zu betulich, und obwohl wir noch nicht genau wussten, was in unserer Elterngeneration abgegangen ist, wollten wir uns abgrenzen."

"Es is zum Scheissn", "Scheiß-Wien" und "Totes Wien" hießen die Fanzines, handkopierte Journale, die der lokalen Szene von der neuen Musik berichteten. Das Do-it-yourself-Ethos wurde zum Dogma. Unabhängig von gesellschaftlichen Normen, autonom und selbstbestimmt wollten die Punks leben. Und anarchisch - in einer sozialen Ordnung jenseits von Herrschaft oder Ausbeutung. Nach außen machten sie das mit Sicherheitsnadeln in Gewand und Haut, Springerstiefeln und Lederjacken deutlich.

Kleidungsvorschriften

Den internationalen Szenetrend, geforderte Freiräume schlicht zu besetzen, nahmen sich die Wiener Punks bereitwillig zum Vorbild. Es waren aber nicht nur sie, die durch Besetzungen von Arena, WUK oder dem Amerlinghaus heute etablierte Kulturträger ins Leben riefen. Die relativ kleine Gruppe von Punks solidarisierte sich mit späten 68ern, frühen Grünen, Jungsozialisten und anderen Strömungen der Alternativ- und Gegengesellschaft.

Bei der Arena-Besetzung 1976 war auch Robert Wolf dabei. An der Besetzung von Aegidigasse und Spalovskygasse 1988 habe er nicht mehr teilgenommen, sie jedoch aus der Ferne gutgeheißen: "Ich hatte damals eine Wohnung, die bereits offener Treffpunkt für das Umfeld war", sagt Wolf.

Heute besucht er regelmäßig die Pankahyttn. In dem vom Magistrat bereitgestellten, autonom bewohnten Haus im 15. Wiener Gemeindebezirk warben die Hausbesitzer der Mühlfeldgasse 12 auch die späteren Besetzer ab. Ganz ist Punk für Wolf nicht mehr dasselbe: "Die Zeiten ändern sich, aber die Haltung äußert sich schon noch immer. In den 1970ern hat es fast Kleidungsvorschriften gegeben. Heute kann auch jemand nur in Kapuzenjacke und ohne Irokesenhaarschnitt Punk sein."

"Es geht noch immer um ein Lebensgefühl der Verweigerung gegenüber den sozialen Normen, um Kreativität, um das Teilen", sagt Wolf, "darum, sich nicht von Luxusgegenständen abhängig zu machen. Wer dabei sein will, ist dabei." Ein hochpolitischer Akt sei das nicht unbedingt, und das treffe auch auf die Besetzung der "Pizzeria Anarchia" zu: "Die Leute haben einfach nur ihr Bestreben nach Freiraum ausgedrückt."

"Kein Umfeld für unsere Kinder"

Gerhard Deimek hat ein anderes Bild von Punks. Ein Feindbild? So weit würde er nicht gehen, sagt der Nationalratsabgeordnete und FPÖ-Verkehrssprecher. Deimek verschickte nach der polizeilichen Eroberung der "Pizzeria Anarchia" eine scharfe Presseaussendung: "Die Räumung kann nur ein erster Schritt gewesen sein. Jetzt muss dem Punk-Unwesen an Österreichs Bahnhöfen wirksam entgegengetreten werden. Das ist kein Umfeld, das wir uns für unsere Kinder wünschen können."

Straßenpunks, die durch ihre Anwesenheit das öffentliche Bild mitprägen, gehören von dort "beseitigt", sagt Deimek auf Nachfrage. Auf Bahnhöfen nimmt er etwa die Sicherheitsabteilung der ÖBB in die Pflicht. Die Securitymitarbeiter könnten Punks leicht erkennen, "das ist schon aus zehn Kilometern Entfernung möglich". Allein eine einschlägige Haartracht oder Kleidung macht für Deimek aber noch keinen Punk. Solche Modestatements beobachte er auch in seinem kleinen Wohnort. Die Leute dort haben aber einen festen Wohnsitz und gehen einer regelmäßigen Arbeit nach.

Die Punks an den Bahnhöfen hingegen seien zumeist Kleinkriminelle und Bettler, "Gesindel, das der Gesellschaft zur Last fällt", meint Deimek. Geredet hat er mit noch keinem von ihnen. Was in den Menschen vorgeht, die den Großteil ihrer Zeit auf der Straße verbringen, sei ihm "grundsätzlich egal". Ob sich als Punk zu bezeichnen und an Hausbesetzungen teilzunehmen im weitesten Sinn eine politische Aussage ist? "Das glaube ich nicht", sagt Deimek.

Formatradiotauglicher Punkrock

Dem widerspricht Philipp Ikrath von Institut für Jugendkulturforschung. Wenigstes teilweise. Menschen, die sich als Punks bezeichnen, "bilden keine total homogene Szene. Es gibt je nach Abstufung sehr wohl klare politische Fraktionen", sagt Ikrath. Die Punks aus dem "harten Kern" seien in den 1990er- und 2000er-Jahren aber zunehmend von sogenannten Lifestylepunks überflügelt worden.

Letztere hören formatradiotauglichen Punkrock wie jenen von Green Day und Offspring und tragen Nietengürtel, Tätowierungen und Piercings weniger zur Provokation denn als Modegag. Sie leben in "bürgerlichen" Wohnverhältnissen und sympathisieren womöglich mit den authentischen Werten nach dem Bekenntnis von 1977. Auf die Idee einer Hausbesetzung kämen sie aber nie.

Riotgrrrl und Taqwacore

"Punk ist zwar eine kleine und zersplitterte, dafür aber äußerst langlebige Subkultur", sagt Ikrath. In den meisten Großstädten der westlichen Welt gehören Punks nach wie vor zum Straßenbild und die Milieus haben sich global verästelt: vom feministischen Riotgrrrl-Punk Pussy Riots bis zum islamisch geprägten Nischenpunk Taqwacore.

Auch in Österreich haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer Gruppen gehalten, die sich selbst als Punks bezeichneten. Wenn die jüngsten Daten des Instituts für Jugendkulturforschung stimmen, sind derzeit drei Prozent der Österreicher zwischen 16 und 29 Jahren laut Eigenverständnis Punks.

Pizzakinder oder Pizzapunks

Und was sagen die Aktivisten aus der "Pizzeria Anarchia" selbst? In einer Presseaussendung nach der Räumung nennen sie sich selbstironisch "Pizzapunks". Als Punks bezeichne man sie, "weil es von außen halt vereinfachte Zuschreibungen braucht", sagt eine der Besetzerinnen am Rande der Pressekonferenz am vergangenen Montag. "Seit neuestem sind wir eh nur mehr die 'Pizzakinder'", antwortet eine ihrer Mitstreiterinnen, "aber von mir aus kann man mich einfach als Menschen bezeichnen."

Sie hörten nicht alle dieselbe Musik und nicht jeder habe dieselbe politische Weltanschauung wie der gerade nächste, sagen die beiden über die Mitglieder ihrer Gruppe. Nicht die Einordnung in eine Schublade mit einem Namensschild eine sie, sondern am ehesten die Menschlichkeit.

Epilog: Die Antwort laut Chuzpe

Chuzpe, die österreichischen Punkvorreiter, haben 35 Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung diesen Mai ein neues Album herausgebracht. "Vor 100 Tausend Jahren war alles ganz anders" heißt es, und in einem Stück beschäftigen sich auch Robert Wolf und seine Bandkollegen mit der Frage, "Was vom Punkrock übrig blieb":

"Wohlstandskinder mit Hang zum Hund / Ein wenig autonom, Haut und Haare bunt / Und mit ausgeprägtem Schnorrertrieb / Ein Tinnitus und ein Gedächtnis wie ein Sieb / Ältliche Frauen mit Kurzhaarschnitt / Ein T-Shirt mit der Aufschrift 'Das System fickt zurück' / Das ist alles, was vom Punkrock übrig blieb." (Michael Matzenberger, derStandard.at, 11.8.2014)

  • Ein Teil der "Pizzapunks" bei ihrer Pressekonferenz.
    foto: apa/georg hochmuth

    Ein Teil der "Pizzapunks" bei ihrer Pressekonferenz.

  • Für den grünen Sicherheitssprecher Peter Pilz sind Punks auch eine Maßeinheit für Polizeieinsätze: "Wie viele PolizistInnen kommen auf einen Punk?", war die vierte seiner "Sieben Fragen zur Punkpizza an die Innenministerin".
    foto: christian fischer

    Für den grünen Sicherheitssprecher Peter Pilz sind Punks auch eine Maßeinheit für Polizeieinsätze: "Wie viele PolizistInnen kommen auf einen Punk?", war die vierte seiner "Sieben Fragen zur Punkpizza an die Innenministerin".

  • trashrockarchives

    Austropunk von Chuzpe: "Beislanarchie" auf dem Sampler "Wiener Blutrausch"

  • Punks in Evansville, Indiana, USA 1984.
    foto: tim schapker (CC-Lizenz)

    Punks in Evansville, Indiana, USA 1984.

  • Punks in Yangon, Myanmar 2012.
    foto: reuters/soe zeya tun

    Punks in Yangon, Myanmar 2012.

  • Punks in Melbourne, Australien 2014. Eine Subkultur die sich über Kontinente und Generationen erstreckt.
    foto: reuters/rob dawson

    Punks in Melbourne, Australien 2014. Eine Subkultur die sich über Kontinente und Generationen erstreckt.

  • falcovevo

    Punk im Mainstream: 1979 noch mit den Eigentlich-nicht-Punks Drahdiwaberl auf "Wiener Blutrausch", rappte Falco 1985 im US-Nummer-Eins-Hit über "Amadeus": "Er war ein Punker und er lebte in der großen Stadt." Im Video gab Hans Hölzel den spätbarocken Glamourpunk.

Share if you care.