"Pizzeria Anarchia": Besetzer weisen Gewaltvorwürfe zurück

4. August 2014, 14:10
1028 Postings

Immobilieneigentümer solle Kosten für polizeiliche Räumung übernehmen - Nach Anzeigen noch keine Anklage wegen Widerstands und versuchter Körperverletzung

Wien - "Wir waren vielleicht ein bisschen wild, aber nicht die Bösen", sagt eine "Pizzeria Anarchia"-Besetzerin mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze. Zum ersten Mal nach der Räumung des Hauses vor einer Woche haben die Aktivisten bei einer Pressekonferenz in einem Kaffeehaus in Wien-Leopoldstadt dazu Stellung genommen. Sie wiesen Vorwürfe der Gewaltbereitschaft zurück und kündigten an, weiter gegen Immobilienspekulation und Missstände im Wohnungswesen ankämpfen zu wollen.

Lebensgefährliche Fallen, die sie laut Polizei in den Stiegenhäusern aufgebaut hätten, habe es nicht gegeben, sagte einer der vier Sprecher. Es habe sich nur um Barrikaden gehandelt, "die schwierig abzubauen" waren. Die Unterstellung, sie hätten Gewalt angewendet, "ist blanker Hohn". Die eigentliche Gewalt sei es, "Menschen ihr Zuhause mit Panzer und schwerem Gerät zu entreißen".

"Keine Gewalt" als Konsens

Die 19 Besetzer wurden vergangenen Montag teils wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und versuchter schwerer Körperverletzung auf freiem Fuß angezeigt. Eine entsprechende staatsanwaltschaftliche Anklage sei ihnen noch nicht zugestellt worden. "Das kann länger dauern. Außerdem ist die Faktenlage wohl äußerst dünn."

Der Konsens war "ziviler Ungehorsam, aber keine Gewalt", denn das hätte der Sache geschadet. Verletzungen wollten sie nicht herbeiführen, deshalb haben sie nur Eier und Farbe aus den Fenstern geworfen.

Frage, wer sich mehr gefürchtet hat

Medienberichte vor der Räumung, wonach 300 "Krawalltouristen" aus Deutschland anreisen sollten, waren laut den Aktivisten frei erfunden. Diese Ankündigungen habe offenbar nur die Polizei ernst genommen.

Das massive Exekutivaufgebot hätten sie mit Verwunderung registriert, sagte eine der zwei Frauen am Tisch. Auf die Frage, ob sie Angst gehabt hätten, antwortete sie: "Wer hätte in dieser Situation keine Angst gehabt? Aber es stellt sich angesichts des Aufmarschs trotzdem die Frage, wer sich vor wem mehr gefürchtet hat."

Die Kosten für den Polizeieinsatz, deren Höhe noch nicht bekannt ist, sollen nach dem Verständnis der Aktivisten die Hausbesitzer übernehmen.

Wohnen ohne gültigen Mietvertrag

Die Besetzer, die 2012 zur Einquartierung in das Haus in der Mühlfeldgasse 12 den "Verein für die Nutzung leerstehender Räume" gegründet haben, wollen nun weiterhin gegen Immobilienspekulation und prekäre Wohnverhältnisse in Wien vorgehen. Die Besetzung sei ein "lautes Statement" gegen bestehende Praktiken gewesen.

Derzeit sind sie selbst obdachlos oder bei Bekannten untergekommen. Weder Politik noch Staat haben Ersatz angeboten, kritisierten sie, "und durchschnittliche Mieten können wir uns nicht leisten". Sie werden dafür einstehen, eine neue Bleibe zu bekommen, und "uns ein neues Zuhause nehmen müssen". Ob sie erneut Unterschlupf in Wohnungen ohne rechtskräftigen Mietvertrag suchen werden, "wird sich zeigen." Es sei nicht illegitim, in andernfalls ungenutzten Räumen zu wohnen.

Nun sei es wichtig, dass das "bislang totgeschwiegene Problem der Stadtaufwertung und der Mietsteigerungen nicht von der Landkarte verschwindet und weiter thematisiert wird". Schikanen und Praktiken der Mietervertreibung, wie sie die Castella GmbH in der Mühlfeldgasse angewendet hätten, seien keine Seltenheit in der Stadt. Die städtische Gebietsbetreuung biete in solchen Fällen zwar Hilfe an, sie stelle sich aber nicht generell gegen Gentrifizierung.

"Solidarisches Zusammenleben"

Das "Projekt Pizza" habe bis zur Räumung gut funktioniert. Man habe gemeinsam mit Freiwilligen gekocht, einen Kostet-nix-Laden und eine Fahrradwerkstatt betrieben. "Die Pizza war ein Projekt, das sich gegen kapitalistische Ausbeutungen zur Wehr gesetzt hat."

Es sei darum gegangen, "solidarisches Zusammenleben zu praktizieren". Eine Mieterin, die sie nach dem Kalkül des Immobilienbesitzers aus dem Haus ekeln sollten, habe die Aktivisten als "alle meine Kinder" bezeichnet. "Wir haben auch Geburtstage gemeinsam gefeiert."

"Mit der Pizza hat die Stadt Wien also auch einen Ort verloren, in dem nur aufgefallen ist, wer nicht er selbst ist", gaben die Aktivisten zuvor in einer Aussendung bekannt. "Wir haben das Beste aus der Situation gemacht", resümierten sie bei der Pressekonferenz. Für kommenden Sonntag riefen sie zu einer Demo auf. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 4.8.2014)

  • Zum Teil anonymisiert: Vertreter des "Vereins für die Nutzung leerstehender Räume" bei der Pressekonferenz.
    foto: apa/georg hochmuth

    Zum Teil anonymisiert: Vertreter des "Vereins für die Nutzung leerstehender Räume" bei der Pressekonferenz.

  • Die Mühlfeldgasse 12 eine Woche danach.
    foto: apa/georg hochmuth

    Die Mühlfeldgasse 12 eine Woche danach.

  • Grafitti wurden notdürftig übermalt.
    foto: derstandard.at/mcmt

    Grafitti wurden notdürftig übermalt.

Share if you care.