Ein Rauschebart tanzt im Geigenfuror

4. August 2014, 06:57
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Iva Bittová und David Zambrano: Improvisation bei Impulstanz

Wien - Iva Bittová ist nicht nur eine begnadete Geigerin, sondern auch eine hinreißende Vokalistin und packende Performerin. Dass sie diese drei Qualitäten auch überzeugend als Improvisationspartnerin eines Tänzers auszuspielen vermag, hat sie jetzt in dem Duett "Why Not!" mit David Zambrano bei Impulstanz bewiesen.

Was etwas bieder als Schattenspiel mit Zambranos Silhouette an der Bühnenrückwand des Volkstheaters einsetzte, änderte sich schlagartig, als aus dem Off kratzig ungehaltene Stimmlaute ertönten, die erst vermuten ließen: Es gibt Ärger irgendwo außerhalb des Theaterraums. Doch als Bittová diesen durch einen Publikumseingang betrat, wurde klar, dass sie so ihren Auftritt angekündigt hatte. Während der folgenden Stunde zeigte die 1958 in Tschechien geborene Musikerin dem um ein Jahr jüngeren, aus Venezuela stammenden Zambrano, wo das Saiteninstrument hängt. Er hatte nach ihrer Geige zu tanzen.

Einseitig war die Begegnung dann doch nicht: Der Improvisationsspezialist trat mit silbrigem Rauschebart und weißem Nachthemd selbstironisch als eine Art anstaltsentwichener Sankt Nikolaus auf - mit entwaffnender Würde und großzügiger Souveränität.

Der von Natur aus eher fließend agierende Tänzer hätte der humorgetränkten Wildheit von Iva Bittovás splittrigem Stimm- und Geigenfuror auch nichts anderes entgegensetzen können. Sie wiederum nutzte ihre Position als stärkere Präsenz keine Sekunde lang zu seinen Ungunsten aus. So entstand eine Performance, die als launiges künstlerisches Rendezvous zweier begabter Persönlichkeiten das Publikum durchgehend bei der Stange hielt.

Verwehrt blieb den Zuschauerinnen und Zuschauern jeglicher Mann-trifft-Frau-Plot. Weil das Duo auf dieser Ebene alle Assoziationsmöglichkeiten erfolgreich unterlief, verlagerte sich die Wahrnehmung des Stücks ganz auf die Ebene einer interdisziplinären Kommunikation. Dabei zeigte sich, dass der Handlungsspielraum einer Musikerin oder eines Musikers demjenigen eines Tänzers mehr als nur ebenbürtig sein kann, wenn das entsprechende Talent vorhanden ist.

Schön wäre es gewesen, hätten Bittová und Zambrano noch eine inhaltliche Ebene einziehen können, um ihren Auftritt aus dem Geplänkel des Formalen zu manövrieren. Aber das hätte den Rahmen der Möglichkeiten, die so eine Improvisation zulässt, vielleicht überschritten. Mit Sicherheit aber wäre die hier allzu simple Bühnengestaltung mit ihren nur selten überraschenden Lichtelementen durch die Mitarbeit eines eigens dafür verantwortlichen Künstlers spannender geraten. So etwas hat sich bereits bei ähnlichen Tanz-Improvisationsprojekten bewährt. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 4.8.2014)

  • Mit entwaffnender Würde und großzügiger Souveränität: Improvisationsspezialist David Zambrano, der nach der Geige von Iva Bittová zu tanzen hatte.
    foto: karolina miernik

    Mit entwaffnender Würde und großzügiger Souveränität: Improvisationsspezialist David Zambrano, der nach der Geige von Iva Bittová zu tanzen hatte.

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