Panamakanal: Amerikas Nadelöhr im Klimawandel

4. August 2014, 11:00
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Wenn sein Ausbau beendet ist, wird der Panamakanal für die neuesten Supertanker schon wieder zu klein sein. Schon jetzt schafft der enorme Süßwasserbedarf ein Problem, das der Klimawandel noch verschärft

Langsam manövriert die Ocean Crescent in die Schleuse von Pedro Miguel am Panamakanal. Eine Nussschale nähert sich, junge Männer reichen den Matrosen auf dem Frachter schwere Stahlseile herüber. "Das ist der gefährlichste Moment", sagt Lotse Eduardo Arrue, der hinter dem Frachter das Ausflugsboot der Canal & Bay Tours geleitet. Die Stahlseile sind an Dieselloks befestigt, die das Schiff ziehen. Das ist das Originaldesign von vor 100 Jahren, um die Schiffe reibungslos durch die drei Schleusen zu manövrieren. "Wir haben bis heute keine bessere Lösung gefunden", sagt Arrue.

Die Ocean Crescent ist ein recht kleiner Frachter, es ist ein sonniger Tag, und Arrue hat leichtes Spiel. Wenn Regen und Nebel die Sicht reduzieren und er einen der riesigen Panamax-Tanker, die links und rechts gerade einmal 50 cm Spielraum haben, durch die Schleuse manövrieren muss, gerät er schon einmal ins Schwitzen.

Hundert Jahre nach seiner Eröffnung ist der Kanal, durch den fünf Prozent des Welthandels schippern, zu klein geworden. Die Supertanker der Panamax-Klasse passen nicht mehr durch das Nadelöhr Amerikas, das deshalb gerade erweitert wird. An seinen beiden Einfahrten auf der Atlantik- und der Pazifikseite werden seit 2007 tausende Tonnen Gestein in die Luft gesprengt, Inseln abgetragen, Flussbetten ausgebaggert und 192.000 Tonnen Stahl und 4,5 Millionen Kubikmeter Zement verbaut. Bis zu 14.000 Arbeiter sind simultan im Einsatz.

Die neuen Schleusenkammern sind gigantische Schluchten, in denen man sich vorkommt wie eine Maus in einem Hochhaus. Nur aus der Luft lässt sich das Design der drei Kammern und der Wasser-Auffangbecken erkennen, mit denen 80 Prozent des für die Durchfahrt nötigen Süßwassers wiederverwertet werden können.

Den USA weggeschnappt

Ein Konsortium aus spanischen, belgischen, panamaischen und italienischen Unternehmen hat den US-Amerikanern den Auftrag weggeschnappt. Viel zu billig seien sie gewesen, hatte Wikileaks zufolge damals die US-Botschafterin nach Washington berichtet. Sie behielt recht. Den Baufirmen ging das Geld aus, Panamas Staat wollte nicht draufzahlen. Statt wie geplant heuer zum 100-Jahr-Jubiläum ist das neue Schleusensystem deshalb wohl erst Anfang 2016 fertig.

Dann wird es schon wieder zu klein sein für die neuesten Super-Gastanker. Eine vierte Schleusenreihe wird nicht ausgeschlossen. Doch schon der aktuelle Ausbau hat einen unsichtbaren Feind: den Klimawandel. Schon heute verbraucht der Kanal täglich drei Milliarden Liter Süßwasser.

Wichtigste Süßwasserquelle ist der Chagres-Fluss. An seinem Oberlauf, in Tusipono Emberá, lebt der Indigena-Kazike Neldo Tocama. Dorthin kommt man nur per Boot, doch seit Wochen hat der Chagres so wenig Wasser, dass der Einbaum immer wieder auf Grund läuft. "Unser Leben dreht sich um den Fluss. Wir fangen in ihm Fische, wir holen dort unser Trinkwasser, wir transportieren über ihn die Touristen, die unsere einzige Einnahmequelle sind, seit der Staat das hier zum Naturschutzgebiet erklärt hat", sagt der Stammesführer. "Wir wurden nicht gefragt zum Ausbau und sind sehr besorgt, dass er uns unsere Lebensgrundlage raubt." (Sandra Weiss aus Panama-Stadt, DER STANDARD, 4.8.2014)

  • Gigantische Dimensionen: Das erste Tor des neuen Schleusensystems wurde  vor zwei Wochen eingepasst.
    foto: epa/panama canal authority / handout editorial use only

    Gigantische Dimensionen: Das erste Tor des neuen Schleusensystems wurde vor zwei Wochen eingepasst.

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