Gedenktafel für alle Nazi-Opfer in Goldegg

Kommentar der anderen3. August 2014, 17:15
53 Postings

Die Deserteure sind Opfer einer menschenverachtenden Diktatur so wie alle anderen, die beim Sturm auf den Pongauer Ort Goldegg oder im KZ umkamen. Ein Versuch der Versöhnung.

Auf der Suche nach Wehrmachtsdeserteuren haben am 2. Juli 1944 mehr als 1000 Mann der Waffen-SS und der Gestapo den Pongauer Ort Goldegg gestürmt. 14 Menschen kamen ums Leben, mehr als 40 wurden verhaftet und gefoltert. Anführer der Deserteursgruppe war Karl Rupitsch. Das Faktum, dass Rupitsch und den anderen Deserteuren eine Erinnerungstafel - initiiert von Frau Brigitte Höfert, einer Tochter von Karl Rupitsch - gewidmet werden soll, hat zu einer Debatte in Goldegg geführt.

Warum? Eine sinnvolle Darlegung der gespaltenen Sichtweise auf die ganze Problematik kommt nicht umhin festzuhalten, dass sich an der Person des Kriegsdienst- verweigerers Karl Rupitsch die Geister scheiden. Am Faktum des mutigen Widerstands gegen das Naziregime durch ihn und die anderen Deserteure ist nicht zu rütteln. Während viele Deserteure aber ihren Tod vortäuschten und sich versteckten, um ihre Angehörigen vor der grausamen Keule der Sippenhaftung durch das NS-Regime zu bewahren, gibt es in weiten Teilen der Goldegger Bevölkerung die Ansicht, dass Karl Rupitsch durch sein teilweise öffentliches Leben auch provoziert und so Menschen seiner Umgebung mit in Gefahr gebracht hat. Ich kann und will darüber nicht urteilen.

Am Tag des "Sturms" wurden zwei Brüder seiner Geliebten erschossen, ein Deserteur fiel im Kampf mit der SS, weitere Verwandte von ihr und einige Dutzend Goldegger wurden zusammen mit den Deserteuren verhaftet, gefoltert und in Konzentrationslager deportiert. Ausdrücklich sei festgehalten, dass die Täterschaft beim "Sturm auf Goldegg" eindeutig aufseiten des NS- Regimes liegt und die Deserteure - wie immer sie handelten - eindeutig zu den Opfern gehören.

Dass viele durch das brutale Vorgehen der Nazischergen in Mitleidenschaft gezogen wurden, ist eine Ursache für die bis heute so schmerzenden Wunden und die so unterschiedliche Sicht der Ereignisse von damals. Vor diesem Hintergrund konnte ich vor einigen Wochen als Ortspfarrer eine offizielle Liturgie auch nicht befürworten, weil man ein umstrittenes Denkmal, das mehr Gräben öffnet als schließt, nicht mit Gebet legitimieren kann. Wohl aber habe ich festgestellt, dass gegen ein Gebet für die Opfer jener Ereignisse und um Frieden nichts einzuwenden ist. Dieses fand dann auch im Beisein des Priesters Ambros Aichhorn (er war nicht der ursprünglich geplante Liturge und lebt in Goldegg) in Würde statt.

Mir ist verständlich, dass Frau Höfert ein namentliches Andenken an den Vater will und braucht - es gibt ein solches bereits im KZ Mauthausen - und ich habe ihr empfohlen, ein weiteres an geeignetem Ort zu errichten, weil im Tod kein Name erlischt und Menschen Orte der Trauer und des Gedenkens brauchen und die Verstorbenen diese auch verdienen.

Der wahrhaftige und gerechte Blick auf die Ereignisse jener schrecklichen Zeit soll helfen, um sich mit dem, was war, zu versöhnen. Letzteres ist besonders im Blick auf nahe Angehörige eine der größten Herausforderungen, vor die uns das Leben stellt. Eine Heilung vorbei an Vergebung gibt es genauso wenig, wie man Gräben in der kollektiven Erinnerung eines Ortes nicht dadurch überbrücken kann, indem man ein Denkmal errichtet, an dem sich die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Katastrophe von damals (noch) nicht treffen können.

Diese Sicht der Dinge habe ich auf Nachfrage des Standard-Journalisten Thomas Neuhold sinngemäß in einem längeren Telefonat dargelegt. Entstanden ist daraus ein Artikel, welcher mir unterstellt, mich auf der Seite derer zu befinden, die am liebsten alles dem Vergessen anheimgeben würden. Weiter wurde ich einer Opfer-Täter-Umkehr sowie - in vielen Reaktionen auf besagten Artikel - einer verharmlosenden Sicht und Deutung der Gräuel des NS-Regimes bezichtigt. All dies weise ich auf das Schärfste zurück. Meine Biografie und mein Dienst als Prediger über Jahrzehnte belegen genau das Gegenteil.

Als Seelsorger ist es mein Grundauftrag, die Menschen meiner mir anvertrauten Pfarren zusammenzuführen und nicht zuzusehen, wie sich Gräben vertiefen. Dass unsere Pfarre und die Gemeinde von Goldegg am vergangenen Sonntag zur "Erinnerung und Mahnung" eine Gedenktafel für die Deserteursgruppe und alle Opfer des Krieges am Ortsfriedhof enthüllen konnten, soll Gräben zuschütten und geschieht in der Hoffnung, dass diese Geste der Versöhnung angenommen wird. (Alois Dürlinger, DER STANDARD, 4.8.2014)

Alois Dürlinger ist Dechant und Pfarrer von Goldegg im Pongau.

  • Karl Rupitsch war der Kopf der Goldegger Deserteursgruppe. An seiner Person scheiden sich die Geister im Ort.
    foto: alois dürlinger

    Karl Rupitsch war der Kopf der Goldegger Deserteursgruppe. An seiner Person scheiden sich die Geister im Ort.

Share if you care.