Aus dem Camp der Hoffnung und Würde

2. August 2014, 13:30
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Die Zahl der arbeitslosen Kicker steigt rapide. In Steinbrunn halten sich ehemalige Meister- und Teamspieler fit. Ein Lokalaugenschein

Steinbrunn - Paul Gludovatz kennt das Spiel in all seinen Facetten. Er hat Kinder trainiert, ist beim österreichischen Fußballbund für sämtliche Nachwuchsauswahlen, bis hin zur U21, zuständig gewesen. 27 Jahre lang. Er hat einen Erstligisten (Hartberg) gecoacht, war in der Bundesliga (Ried) beschäftigt. Mittlerweile ist der 68-jährige Burgenländer Pensionist. Er schupft daheim in Eberau den Laden beim Fünftligisten, der möglicherweise einmal Viertligist oder Sechstligist wird. Gludovatz macht das aus Liebe zum Spiel und aus Heimatverbundenheit, er verdient keinen Cent. Im Gegenteil. Bälle kosten auch in Eberau.

Steinbrunn ist nicht unbedingt ein Ort, den Aussteiger stürmen, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Wobei gleich um die Ecke der Neufeldersee liegt, eine Freizeitoase zwischen Gewittern, der kleine Bruder des Neusiedler Sees. Steinbrunn hat ein Industriegelände zu bieten, das Landessportzentrum Viva ist ein Teil davon. Zwei Rasenplätze, ein Kunstrasenplatz, man kann im Viva auch übernachten. Die gepflegten Zimmer und der Speisesaal erinnern an Schulskikurse.

Gludovatz steht und kommandiert auf dem Rasenplatz Nummer zwei. Den Einser hat die Bundesligamannschaft von Wiener Neustadt besetzt. Ein hohes Gitter verhindert erstens ein Kuddelmuddel, und zweitens hat es eine gewisse Symbolik. Denn die auf der anderen Seite haben einen Job.

Foul oder Foul

Das Aufgebot von Gludovatz ist an diesem Tag eher klein geraten, es besteht aus sechs Feldspielern und vier Tormännern. Ronny Unger assistiert. Peter Schöttel hat auch schon mitgeholfen, für die nächste Woche hat sich Jürgen Macho angekündigt. Gludovatz ist gut drauf, "hervorragend", sagt er.

"Super."

"So steht es im Lehrbüchl, weil Videos können wir uns net leisten."

"Vamos."

"War das Foul oder Foul?"

"Du gewinnst den ersten Zweikampf deines Lebens."

"Da spielen die Besten gegen die Allerbesten."

Die Trainingseinheit schließt er mit dem Satz: "Verlassen wir die Stätte des Grauens." Peter Hlinka (35), Mirnel Sadovic (30) und Michael Gspurning (33) lachen und verlassen. Hlinka war 2005 mit Rapid Meister, 2010 mit Sturm Graz Cupsieger. Das defensive Mittelfeld war sein Revier.

Stürmer Sadovic schoss in der Vorsaison 14 Treffer für Sankt Pölten. Gspurning hielt die Bälle sogar dreimal im Nationalteam. Torhüter sind überhaupt kaum vermittelbar. Hans-Peter Berger (32), mit Pasching 2013 sensationell Cupsieger, wartet ebenso auf ein Angebot wie Jörg Siebenhandl (24), dessen Vertrag in Wiener Neustadt nicht verlängert wurde. Auch Hlinka wurde von dort quasi nach Steinbrunn geschickt. Die ehemaligen Kollegen schwitzen auf der anderen Seite des Gitters. Hlinka sagt: "Das ist nicht makaber, sondern egal."

Erstes AMS-Camp

Rund 150 Profifußballer sind in Österreich arbeitslos gemeldet. 21 haben das vom AMS unterstützte Angebot (Kosten rund 50.000 Euro), sich gemeinsam fit zu halten, angenommen. So ein Camp findet zum ersten Mal statt, in Deutschland hat es Tradition. Gewerkschafter Rudolf Novotny geht davon aus, "dass es zur Dauereinrichtung wird. Noch ist die Hemmschwelle groß, aber sie wird fallen. Weil die Arbeitslosigkeit steigt. Ein arbeitsloser Fußballer hat die gleichen Sorgen und Rechte wie ein arbeitsloser Bäcker."

Gludovatz hat sofort zugesagt. Er bekommt eine Aufwandsentschädigung, sein Stundenlohn liegt unter acht Euro. "Mir geht es um eine Horizonterweiterung, wahrscheinlich ist es eine Befriedigung meiner sozialen Ader. Hinter jedem Fall steckt eine eigene Geschichte. Aber alle haben Existenzängste. Das sind die echten Probleme des Fußballs, des Lebens." Es entstehe hier, so Gludovatz, eine ganz spezielle Gruppendynamik: "Keine Ellbogenmentalität, kein ausufernder Konkurrenzkampf. Jeder ist für den anderen da. Weil es ums Wesentliche geht. Wird einer engagiert, freuen sich die andern. Ich habe selten so eine Solidarität erlebt."

Der österreichische Markt wird mit Fußballern überschwemmt. Das liegt auch an den prinzipiell löblichen Akademien, die nicht nur Klasse, sondern auch Masse produzieren. In den beiden Profiligen gibt es rund 450 Arbeitsplätze. Die Löhne sind zum Teil unterirdisch, in der Ersten Liga wird mitunter um 1300 Euro gekickt. Brutto. Hlinka: "Die Leute glauben, was sie glauben wollen. Der Fußball ist aber nicht Red Bull." Sadovic hat zwei kleine Kinder zu versorgen. "Ich merke eine Unruhe in mir. Die Vereine fragen nicht, was du kannst, sondern wie viel du kostest. Es ist eine schlimme Entwicklung. Man versucht, dir die Würde zu nehmen. Ich bin Fußballer, kann nichts anderes. Ich will davon leben dürfen, würde überall hingehen." Die Arbeitslosigkeit betrifft übrigens Junge gleichermaßen wie Alte. Novotny: "Da gibt es keinen Trend."

Geduld gefragt

Gspurning, ebenfalls zweifacher Familienvater, hat in Steinbrunn gelernt, geduldiger zu werden. "Der Spitzensportler ist immer unter Strom. Jetzt musst du entschleunigen, nachdenken. Du hörst zu, überlegst, ob es auch Alternativen gibt. Denn im Fußball bleiben immer mehr übrig. Du wirst schnell ein Opfer und weißt nicht, warum."

Gludovatz lädt zur nächsten Einheit. Es wird wieder gelacht, er schreit noch einmal: "Da spielen die Besten gegen die Allerbesten." Würden die Arbeitslosen einen eigenen Verein gründen, was natürlich nicht der Fall ist und sein kann, würde dieser um den Titel in der Erste Liga mitspielen. Davon ist Gludovatz jedenfalls überzeugt. "Die haben Qualität."

Es gibt selbstverständlich Hoffnung. Einige haben neue Arbeitgeber gefunden. Die anderen warten, sie schauen am Abend gemeinsam fern (vornehmlich Fußball), tauschen Adressen von Managern aus, versuchen, sich gegenseitig Rutschen zu legen. Gspurning: "Selbstmitleid wäre das Schlimmste. Wir werden in Kontakt bleiben."

Am 21. August endet das Camp. Es hat dann insgesamt sechs Wochen gedauert. Gludovatz will sich nicht mit "auf Wiedersehen", sondern mit "auf Nimmerwiedersehen" verabschieden. "Denn dann wäre es ein Erfolg." Er wird sich um den ambitionierten SV Eberau kümmern. Gludovatz kann sich absolut vorstellen, im nächsten Sommer nach Steinbrunn, an die Stätte des Grauens, zurückzukehren. "Ich fürchte, es werden mehr Schicksale da sein." (Christian Hackl, DER STANDARD, 2.8.2014)

  • Peter Hlinka (links) fühlt sich bereit, noch einige Jahre auf hohem Level zu kicken. "Bei der WM hat man gesehen, dass Erfahrung wichtig ist."
    foto: robert newald

    Peter Hlinka (links) fühlt sich bereit, noch einige Jahre auf hohem Level zu kicken. "Bei der WM hat man gesehen, dass Erfahrung wichtig ist."

  • Michael Gspurning schaut zu, wie Jörg Siebenhandl gestemmt wird. Im Training wird gelacht, danach weniger.
    foto: robert newald

    Michael Gspurning schaut zu, wie Jörg Siebenhandl gestemmt wird. Im Training wird gelacht, danach weniger.

  • Und Mirnel Sadovic hofft auf einen Job. "Ich will davon leben dürfen."
    foto: robert newald

    Und Mirnel Sadovic hofft auf einen Job. "Ich will davon leben dürfen."

  • Trainer Paul Gludovatz, sorgenfreier Pensionist, hat in Steinbrunn seinen Horizont erweitert.
    foto: robert newald

    Trainer Paul Gludovatz, sorgenfreier Pensionist, hat in Steinbrunn seinen Horizont erweitert.

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