Schwellenländer fürchten Fed mehr als Geierfonds

Analyse1. August 2014, 20:52
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Die Argentinien-Pleite ist die Folge eines bizarren Rechtsstreits. Die US-Geldpolitik ist für die Schwellenländer gefährlicher

Wien - Argentinien ist pleite. Die zweitgrößte südamerikanische Volkswirtschaft wird von Ratingagenturen wie Standard & Poor's und Fitch als zahlungsunfähig bezeichnet. Die Regierung konnte sich mit den von ihr geschmähten "Geierfonds" nicht einigen, Hedgefonds-Milliardär Paul Singer pocht auf die Auszahlung von 1,6 Milliarden Dollar, die ihm ein US-Gericht zugestanden hat. Die Regierung in Buenos Aires wehrt sich dagegen. Die Konsequenz war, dass das Land diese Woche de facto pleiteging. Denn es darf seine Gläubiger laut einem US-Gerichtsurteil so lange nicht auszahlen, wie es die Forderungen von Singer nicht erfüllt.

Der große Schock an den internationalen Märkten blieb aus. Abseits der Börse in Buenos Aires, die um knapp acht Prozent einbrach, war in anderen Schwellenländern wie Malaysia, Indien oder der Türkei kein Crash zu sehen. "Die argentinische Pleite ist eine isolierte Angelegenheit", sagt Holger Schmieding, Chefökonom von der Berenberg Bank.

Tatsächlich müssten sich andere Schwellenländer weniger um Geierfonds Sorgen machen als um die Zentralbank in Washington, die sie in die Knie zwingen könnte. "Die sich abzeichnende Wende der US-Geldpolitik könnte Schwellenländer vor Probleme stellen", sagt Schmieding. Die US-Notenbank könnte früher, erstmals Anfang 2015, die Zinsen erhöhen. Dann drohe eine Wiederholung des Mai 2013, als eine Ankündigung des damaligen Fed-Chefs Ben Bernanke die Währungen und Anleihen in Emerging Markets unter Druck brachte. Zentralbank-Chefs weltweit kritisierten daraufhin, dass ihre US-Kollegen bei Entscheidungen zu wenig Rücksicht auf Belange von Entwicklungsländern nehmen.

Ein neuer US-Schock könnte Länder mit hohen Außenhandelsdefiziten treffen. Sie brauchen Kapitalzuflüsse, um Importe zu finanzieren. Ins Gerede sind vor allem Brasilien, Indonesien, Indien, Südafrika und die Türkei gekommen. 2013 machten ihre Leistungsbilanzdefizite zusammen 233 Milliarden Dollar aus, zeigen Daten des IWF. 2014 ist die Lage kaum besser, der Fonds schätzt die Lücke auf 221,2 Milliarden, 2015 aber prognostizieren die Ökonomen ein Defizit von 234,4 Mrd. Dollar.

Mit einer Schwellenländer-Krise wie Ende der 1990er-Jahre, als asiatische und lateinamerikanische Länder in Krisen schlitterten, ist aber nicht zu rechnen. Damals haben viel mehr Länder Schulden in Dollar begeben als heute. Aktuell sind laut Weltbank-Zahlen nur 510 von 8400 Mrd. Dollar an öffentlichen Schulden von Schwellenländern in US-Dollar begeben.

"Aber steigende US-Zinsen werden die Länder unter Druck bringen, weil US-Investoren Geld abziehen werden", glaubt Neil Shearing, Schwellenländer-Ökonom von Capital Economics. Die Financial Times zitiert den Leiter für Staaten-Ratings bei S&P, John Chambers: "Wenn die Ebbe kommt, werden wir sehen, wer seine Position gestärkt hat."

Argentiniens Regierung verhandelt weiter mit den Gläubigern, um aus der technischen Pleite zu kommen. Andere Schwellenländer haben da einen Nachteil: Sie haben keinen direkten Ansprechpartner in der Notenbank Fed, um den nächsten Schock aus den USA abzufedern. Im Schuldenstreit zwischen Argentinien und zwei US-Hedgefonds hat ein Bundesgericht in New York eine Wiederaufnahme der Verhandlungen angeordnet. Der Antrag der Anwälte auf einen neuen Schlichter wurde abgelehnt. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 2.8.2014)

  • Der Dollar inmitten indischer Münzen. Eine straffere US-Geldpolitik könnte weltweit Währungen wie die indische Rupie unter Druck bringen.
    foto: apa/epa/jagadeesh nv

    Der Dollar inmitten indischer Münzen. Eine straffere US-Geldpolitik könnte weltweit Währungen wie die indische Rupie unter Druck bringen.

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