Migranten: Kränkung und Verschwörung als Boden für Judenhass

2. August 2014, 15:45
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Wie weit reicht der Arm der AKP in die türkischen Communities in Österreich? Und welche Rolle spielt Erdogans Anti-Israel-Kurs für das Zusammenleben in Europa? Ein Bericht anlässlich der Wahlen.

Die türkischstämmigen Jugendlichen, die eine israelische Fußballmannschaft in Bischofshofen angriffen. Die Hetz-Kommentare auf der Facebook-Seite der Union of European Turkish Democrats (UETD) gegen ORF-Moderatorin Lisa Gadenstätter. Hakenkreuzfahnen bei Pro-Palästina-Demonstrationen der UETD in Wien: Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben die Frage aufgeworfen, wie es um die Gesinnung türkischstämmiger Menschen in Österreich steht - und wie sehr sie vom Anti-Israel-Kurs Ankaras beeinflusst werden.

Die außenpolitischen Botschaften von Premier Recep Tayyip Erdogan (etwa "Juden haben die Proteste im Gezi-Park gesteuert") erreichen die Türken in Österreich über die engen Verbindungen quasi in Echtzeit. Einen "direkten Draht nach Ankara" nennt das ein Beamter aus dem Innenministerium, der nicht genannt werden möchte.

Die Zuordnung als Jude gilt in der Türkei heutzutage als Verunglimpfung. Erdogan habe versucht, den Generalstabschef des Militärs zu schwächen, indem er öffentlich machte, dessen Großvater liege in Israel begraben, erzählt der Beamte. Diese Anti-Israel-Haltung treffe auf fruchtbaren Boden bei den konservativen und bildungsschwachen Türken in Österreich.

Politisiert von Ankara

Neben dem Freund-Feind-Schema der AKP kommen weitere Faktoren ins Spiel, die Antisemitismus begünstigen: Der Soziologe Kerem Güngör und auch Daniel Köhler, Mitarbeiter der Gesellschaft für Demokratische Kultur in Berlin (ZDK), sehen das Zusammentreffen von Kränkungserfahrung und Verschwörungstheorien als gefährliche Mischung.

"Muslime eint das Gefühl, diskriminiert zu werden. Sie identifizieren sich mit den Opfern im Gaza-Krieg und sehen es als weitere Entrechtung ihresgleichen", führt Güngör aus. Die emotionale Betroffenheit, die ohnmächtige Wut beim Betrachten von Leichen auf Facebook, all das hat einer der Burschen aus Bischofshofen in Interviews als Grund angeführt, warum er die israelischen Sportler attackiert hat.

Die Propaganda über soziale Medien hat eine enorme Wirkungskraft. Bilder von zerfetzten Kindern und Videos werden von allen islamistischen Gruppen im Internet eingesetzt. "Mit dem Syrien-Krieg haben die Spannungen zwischen den muslimischen Communities stark zugenommen", beschreibt Daniel Köhler. Der Gaza-Krieg war der Zündfunke für diese Stimmung. "Dass Israel dahinterstecken soll, war für viele Muslime die logische Erklärung, warum sich Sunniten gegenseitig umbringen."

AKP-Männer in Österreich

Die Türkische Kulturgemeinde in Österreich hat sich umgehend von antisemitischen Beschimpfungen distanziert. Deren Obmann Birol Kilic bekräftigt, die Kritik an Israels Politik sei nicht als Kritik an den Juden zu verstehen. Das Verhalten der Burschen in Bischofshofen sei eine Unverschämtheit gewesen und möglicherweise eine gesteuerte Provokation. Aber von wem? "Das wissen wir nicht. Österreich ist zum Hinterland des politischen Islams geworden. Die Regierung hat diese Denke salonfähig gemacht, weil sie die Strohmänner der AKP in ihre Wirtschaftsvereine aufgenommen hat."

Wie der Standard berichtete, ist der Vizepräsident des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes, Resul Ekrem Gönültas, Mitglied der Islamischen Föderation. Die kooperiert mit der als antisemitisch eingestuften Millî-Görüs- Bewegung, aus der Erdogan hervorgegangen ist. Auch die beiden Spitzenkandidaten beim Wirtschaftsbund, Hasan Vural und Ergün Kuzugüdenli, sollen laut Standard-Informationen ein ausgesprochenes Nahverhältnis zur AKP und zur UETD pflegen. Letzterer dementiert ein solches Nahverhältnis. (juh, DER STANDARD, 2.8.2014)

  • Von 90.000 stimmberechtigten Türken in Österreich haben sich nur knapp 6600 für  die Wahl registrieren lassen. Die Sorge wächst, ob sich diese dem  Anti-Israel-Kurs der AKP anschließen.
    foto: epa/ suna

    Von 90.000 stimmberechtigten Türken in Österreich haben sich nur knapp 6600 für die Wahl registrieren lassen. Die Sorge wächst, ob sich diese dem Anti-Israel-Kurs der AKP anschließen.

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