Russen fühlen sich an den Rand gestellt

Analyse1. August 2014, 20:52
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Eine Mehrheit sieht den Westen als Brandstifter in der Ukraine, lehnt aber ein militärisches Eingreifen ab

Der Nowosibirsker Künstler Konstantin Jeremenko hat in der Stadtverwaltung einen "Marsch für die Föderalisierung Sibiriens" angemeldet. Teilnehmen sollen 350 Demonstranten. Als Erste interessierte sich aber die Generalstaatsanwaltschaft dafür, die die Accounts der Veranstalter in den sozialen Netzwerken wegen Separatismusverdachts schließen ließ.

Dass es tatsächlich nicht nur um die vordergründig proklamierte Autonomie für Sibirien geht, machten die Organisatoren, Mitglieder einer linken Splitterpartei, selbst deutlich: Man verurteile die Politik Wladimir Putins, "die auf die Entzündung eines imperialistischen Kriegs auf dem Gebiet der Ukraine abzielt", heißt es im Aufruf. Auch der Aufstand in der Ostukraine hatte unter dem Motto einer stärkeren Föderalisierung begonnen.

Putin als (Mit-)Schuldiger im blutigen Ukraine-Konflikt? Für die meisten Russen ist diese Version ausgeschlossen. Zwei Drittel der Teilnehmer an einer Umfrage sehen den Westen, speziell die USA, als Brandstifter im Nachbarland. Der neu ernannte US-Botschafter in Moskau, John Tefft, wird es schwer haben, Vertrauen zu gewinnen.

Seit Monaten "berichten" russische Medien einhellig über den Versuch des Westens, Russland von der Ukraine abzuschneiden. Dabei stützten sich die "Demokratien ungeniert auf ein faschistisches Regime" in Kiew, so der Tenor im Staatsfernsehen, das für die meisten Russen immer noch wichtigste Informationsquelle ist. Trotz der Dauerbeschallung lassen die Medien dabei wichtige Details unter den Tisch fallen: dass Schlüsselfiguren sowohl der Krim-Annexion als auch des Aufstands in der Ostukraine russische Staatsbürger sind, wissen die wenigsten im Land. 79 Prozent der Befragten glauben, dass fast ausschließlich Einheimische in den Reihen der Bürgerwehr kämpfen.

Boeing-Abschuss Provokation

Das Mitgefühl mit den separatistischen Kämpfern ist in Russland dementsprechend hoch. Selbst der Abschuss der Verkehrsmaschine konnte daran nichts ändern, hatten russische Medien doch von Anfang an eine mögliche Verwicklung der Rebellen strikt abgestritten. Und so glauben 64 Prozent der Russen heute, dass die ukrainische Armee oder deren Geheimdienst dahinterstecken. Weitere 16 Prozent wittern sogar eine Provokation westlicher Geheimdienste. Nur drei Prozent der vom Meinungsforschungsinstitut WZIOM Befragten können sich vorstellen, dass der Abschuss auf das Konto der Rebellen oder der russischen Armee geht.

Sind die Russen angesichts dessen bereit, für ihre russischen Landsleute in der Ukraine in den Krieg zu ziehen? Noch nicht. Zwei Drittel der Befragten lehnen einen russischen Militäreinsatz in der Ostukraine derzeit ab. Allerdings sind zugleich 84 Prozent der Befragten der Ansicht, Putin müsse die Russen in der Ostukraine schützen. Dass er das ausreichend tut, haben die Medien immerhin noch 70 Prozent der Befragten eingetrichtert.

Doch die Stimmung kann schnell kippen. Sollten weiter Zivilisten sterben, russische Grenzposten beschossen werden oder die Gefahr eines Terroranschlags in Russland bestehen, sind viele bereit, ihre Meinung zu überdenken. Alle diese Themen werden in den russischen Medien herausgestrichen.

Noch ist der Siedepunkt nicht erreicht. Die Vorbereitungen zu einem möglichen Eingreifen trifft Moskau allerdings schon jetzt. Die Militärmanöver nahe der Grenze finden mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit statt. Nun hat Russland auch noch mit einer umfassenden landesweiten Einberufung von Reservisten begonnen. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, 2.8.2014)

  • Demonstration in Moskau für die Separatisten in der Ostukraine: Das Ausmaß der russischen Unterstützung ist kaum bekannt.
    foto: reuters/sergei karpukhin

    Demonstration in Moskau für die Separatisten in der Ostukraine: Das Ausmaß der russischen Unterstützung ist kaum bekannt.

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