Türkei: Der 55-Prozent-Mann und die Zählkandidaten

Reportage2. August 2014, 13:30
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Die mittellosen Türken halten Erdogans Erfolg am Laufen. Ein Besuch in Ostanatolien, dem Maschinenraum der islamisch geprägten konservativen Regierungspartei AKP

Es ist Zeit für den neuen Glauben. "Wenn Erdogan dabei ist, bin ich auch dabei", steht auf einem Plakat, das in dieser Provinzstadt hängt, eine knappe Flugstunde östlich von Ankara. Die Religiös-Konservativen in der Türkei rüsten zu einer neuen historischen Wahlschlacht. Sie wissen, dass sie gewinnen werden. Erdogan sorgt für alle, Erdogan richtet alles. Erdogan ist gut.

Das rote Logo mit dem Fluss oder der Straße, die sich einem Sonnenaufgang entgegenschlängelt, ist abgekupfert von Barack Obamas letztem Wahlkampf. Auch Tayyip Erdogan will nun Präsident werden, nach elf Jahren und vier Monaten als Regierungschef der Türkei. Keiner hier in dem Dreieck zwischen Malatya, Elazig und Tunceli kann wirklich erklären, warum das sein muss. Weder die Funktionäre und Anhänger der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) noch erst recht die Opposition.

Mehr Chávez als Obama

"Es ist besser für die Demokratie", versichert Bülent Tüfenkci, der Parteichef in Malatya, ein jugendlich wirkender Mann mit kleinem Schnauzer und randloser Brille. Die Technokraten der AKP sehen so aus. Wahlstimmen organisieren im Gegenzug für Dienstleistungen ist ihr Fachgebiet. "Die türkische Öffentlichkeit wird selbst Gegengewicht und Kontrolle zum Präsidenten sein", erklärt Tüfenkci. Es klingt mehr nach Hugo Chávez als nach Barack Obama; nach mehr Populismus und Gleichschaltung, nicht nach politischem Hickhack und freier Debatte. Mit der Wahl am 10. August, der ersten direkten Abstimmung über einen Präsidenten, steuert die Türkei in neue Gewässer.

Zwischen 55 und 65 Prozent holt Tayyip Erdogan seit Jahren in diesem Landstrich. Nicht in Tunceli, wo die linksliberalen kurdischen Aleviten in der Mehrheit sind, aber in einem großen Teil Ostanatoliens, das sich von Malatya bis zum Van-See und von der türkisch-iranischen Grenze im Süden bis zur türkisch-georgischen im Norden erstreckt. Es ist der Maschinenraum der AKP, das Sozialwerk für die Unterprivilegierten, das den beispiellosen Erfolg der konservativ-islamischen Partei in der Türkei erklärt.

760.000 Einwohner hat die Provinz Malatya, 250.000 von ihnen sind Einwanderer von weiter aus dem Osten, rechnet Arif Yildiz vor, der Vorsitzende der rechtsnationalistischen MHP in der Stadt: "Das sind ungebildete, arme Leute, abhängig von billigen Wohnungen, von Lebensmitteln, Medikamenten und von Kohle zum Heizen im Winter." Die AKP gibt ihnen alles.

Kleine Interessen

In Elazig, eine Autostunde weiter, ist Ähnliches zu hören. Nur 30 Prozent der Einwohner stammen noch ursprünglich aus der Stadt. Die Gebildeten ziehen weg, die Neuankömmlinge wählen AKP. "Im Grunde geht es nur um kleine Interessen, kleine Vorteile", sagt Osman Demir, der MHP-Chef in Elazig. "Und alles, was sie bekommen, so glauben diese Leute mittlerweile, bekommen sie von Recep Tayyip Erdogan. Nicht einmal mehr vom Staat oder von der Regierung. Die Gesellschaft ist wie hypnotisiert von den Medien, die Erdogan kontrolliert."

Der lautstarke, immer kämpferische Regierungschef füllt das Leben der Anatolier. Arbeiten, essen, Kinder kriegen, dazwischen in die Moschee gehen. Recht viel mehr tut sich in den erzkonservativen, sunnitisch geprägten Provinzstädten nicht. Wer hier zu Geld kommt, hat nicht viele Möglichkeiten, es auszugeben, gibt Bülent Tüfenkci, der AKP-Mann, zu. "Malatya ist ein kleiner Ort, die Nachbarn werden neidisch. Dann zieht man wohl nach Istanbul."

Kandidaten vorgesetzt

Und nun diese Wahl, die Erdogan dem Land verordnet hat. "Man hat uns drei Kandidaten vorgesetzt. Wenn ich für das Präsidentenamt kandidieren wollte, wäre es nicht möglich gewesen", überlegt laut ein Mitarbeiter eines lokalen TV-Senders im Büro des Direktors: "Das ist kein demokratischer Prozess."

Im Büro von Vehbi Coskun, dem Fernsehdirektor in Elazig, hängt das obligatorische Porträt des Republikgründers Kemal Atatürk. Es ist ein Kalender, in einem Novembermonat stehen geblieben und zugewuchert von einer grünen Topfpflanze. Coskun erklärt, warum es nichts werden wird mit Ekmeleddin Ihsanoglu, dem gemeinsamen Kandidaten von MHP und CHP, von Ultranationalisten und Sozialdemokraten. "Die Idee war, Stimmen von den Konservativen zu stehlen", sagt er, "aber die konservativen Menschen hier sind nicht die Gebildeten."

Alle MHP-Wähler in Elazig und Malatya, Städten, die einmal Hochburgen der rechten Nationalisten waren, würden wohl für Ihsanoglu stimmen, heißt es. Doch ein Teil der CHP-Wählerschaft mag zu Selahattin Demirtas wechseln, dem kurdischen Parteiführer. Er ist volksnäher als Ihsanoglu, der Diplomat und Wissenschaftstheoretiker.

Und er ist der erste Kurde, der für das höchste Amt im türkischen Staat kandidiert. In Tunceli, wo Demirtas gewinnen könnte, predigt die Kurdenpartei BDP aber, wie notwendig ein Föderalismus sei: "Was immer wir auch im jetzigen System tun, am Ende haben wir einen Diktator Erdogan." (Markus Bernath aus Malatya, DER STANDARD, 2.8.2014)

  • Ungleicher Wahlkampf: Der türkische Premier Erdogan hat den Großteil der Medien und Spenden für seine Präsidentenkandidatur.
    foto: reuters/umit bektas

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  • Dreifache Premiere: Sozialdemokraten und Rechtsnationalisten einigten sich auf Ekmeleddin Ihsanoglu als Kandidaten...
    foto: ap/volkan yildirim

    Dreifache Premiere: Sozialdemokraten und Rechtsnationalisten einigten sich auf Ekmeleddin Ihsanoglu als Kandidaten...

  • ...und mit Selahattin Demirtas bewirbt sich erstmals ein kurdischer Politiker um das höchste Amt in der Türkei.
    foto: epa/sedat suna

    ...und mit Selahattin Demirtas bewirbt sich erstmals ein kurdischer Politiker um das höchste Amt in der Türkei.

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