Europas Stagnationsüberschuss

Kommentar der anderen1. August 2014, 17:31
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Europa stagniert, während sich der Rest der Welt von der Großen Rezession erholt. Dagegen kann die Politik vorgehen

Während sich die übrige Welt von der großen Rezession 2008-2009 erholt, stagniert Europa. Das Wachstum im Euroraum dürfte nächstes Jahr 1,7 Prozent betragen. Was lässt sich dagegen tun?

Eine Lösung wäre ein schwächerer Euro. Jüngst forderte der Chef von Airbus drastische Maßnahmen zur Abschwächung des Euro-Wechselkurses gegenüber dem Dollar um etwa zehn Prozent, von "verrückten" 1,35 Dollar auf 1,20 bis 1,25 Dollar. Die Europäische Zentralbank hat den Zinssatz auf Einlagen von null auf -0,1 Prozent gesenkt und verlangt damit faktisch eine Gebühr von den Banken, dass sie ihr Geld bei der Zentralbank hinterlegen dürfen. Allerdings hatten diese Maßnahmen kaum Auswirkungen auf die Devisenmärkte.

Der Hauptgrund hierfür ist, dass nichts getan wird, um die Gesamtnachfrage anzukurbeln. Großbritannien, die USA und Japan haben alle ihre Geldmenge erhöht, um ihre Wirtschaft wiederzubeleben, und die Währungsabwertung hat sich zu einem wesentlichen Element des Erholungsmechanismus entwickelt. EZB-Präsident Mario Draghi deutet häufig eine quantitative Lockerung an, doch mit seinem ständigen Lavieren ähnelt er Mark Carney, dem Gouverneur der Bank von England, den ein früherer britischer Minister jüngst mit einem "unzuverlässigen Boyfriend" verglich.

Doch ist für die Aufwertung des Euro nicht allein die Tatenlosigkeit der EZB verantwortlich. Eine große Rolle spielt auch das Muster der Leistungsbilanzungleichgewichte innerhalb des Euroraums. Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss - der größte im Euroraum - ist kein neues Phänomen. Er besteht seit den 1980er-Jahren und fiel nur während der Wiedervereinigung, als intensive Investitionen in Baumaßnahmen in der Ex-DDR die Ersparnisse des Landes mehr als absorbierten. Besonders stark ist der Außenhandelsüberschuss seit Anfang der 2000er-Jahre gestiegen. Heute liegt er mit 7,4 Prozent vom BIP fast wieder auf Vorkrisenniveau.

Doch jetzt beginnen die zuvor defizitären Länder, Überschüsse aufzubauen, was bedeutet, dass die Leistungsbilanz des Euroraums zunehmend positiv ist; tatsächlich wird inzwischen für heuer und 2015 ein Überschuss für den Gesamteuroraum von 2,25 Prozent vom BIP erwartet. Der Euroraum spart mehr, als er investiert, oder - was auf dasselbe hinausläuft -, exportiert mehr, als er importiert. Dies stärkt die Währung.

Im Oktober 2013 machte das US-Finanzministerium Deutschlands strukturellen Überschuss für die Probleme Europas verantwortlich. Es argumentierte damals, dass der Überschuss des einen Landes das Defizit des anderen wäre, weil die Ersparnis- bzw. Exportüberschuss des Ersteren als Investitionen, Konsum oder Importe von Letzterem absorbiert werden müssten.

Tut das Überschussland nichts, um seine Überschüsse zu verringern - etwa indem es Investitionen und Konsum im Inland steigert - bleibt dem Defizitland, um sein Defizit zu verringern, nichts weiter übrig, als selbst Investitionen und Konsum zu reduzieren. Dies jedoch würde ein "schlechtes" Gleichgewicht hervorbringen, das durch Stagnation erreicht wird.

Etwas Derartiges scheint sich im Euroraum ereignet zu haben. Deutschland hat seinen "guten" Überschuss aufrechterhalten, während die Mittelmeerländer ihre Defizite verringert haben, indem sie Investitionen, Konsum und Importe reduzierten. (Robert Skidelsky, DER STANDARD, 2.8.2014)

Robert Skidelsky ist Mitglied des britischen Oberhauses und emeritierter Professor für politische Ökonomie an der Warwick University. © Project Syndicate, 2014. Aus dem Englischen von Jan Doolan

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