Chinas Sieg in der Ukraine

Kommentar der anderen1. August 2014, 17:18
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Der Konflikt Moskaus mit dem Westen hat einen Sieger im Fernen Osten: China kommt dadurch viel leichter an die Energieressourcen und die Militärtechnologie Russlands

Eine Generation lang ging es bei der Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Russland hauptsächlich um die Geschichte. Seit dem Ende des Kalten Krieges geriet Russland für die USA und einen Großteil der Welt immer mehr an die Peripherie, seine internationale Bedeutung und Macht gehörten der Vergangenheit an. Diese Ära ist nun beendet.

Die Ausgangslage im aktuellen Konflikt zwischen den USA und Russland hinsichtlich der Ukraine ist ungleich angesichts des großen Machtunterschiedes zwischen den beiden Ländern. Russland ist keineswegs ein Kandidat für eine Weltmacht und kann noch nicht einmal vorgeben, einer zu sein. Anders als die Sowjetunion hat es keine universale Ideologie, führt keinen Staatenblock mit dieser Ideologie an und hat wenige formale Bündnispartner (und die, die es hat, sind unbedeutend). Trotzdem ist der Konflikt zwischen den USA und Russland wichtig für die Welt.

Am wichtigsten ist er natürlich für die Ukraine selbst, die teilweise zu einem Schlachtfeld geworden ist. Die Zukunft des größten Landes Europas - seine Form, politische Ordnung und Außenbeziehungen - hängt sehr davon ab, wie dieser Konflikt ausgeht.

Es ist durchaus möglich, dass die Ukraine, intern gefestigt, ein wahrhaft demokratisches Land wird und ein festes Bündnis mit den europäischen und atlantischen Institutionen eingeht, dass es von diesen Institutionen großzügig unterstützt wird, floriert und zu einem Vorbild für die Russen auf der anderen Seite der Grenze wird. Es ist aber genauso möglich, dass die Ukraine in verschiedene Teile zerbricht, die alle in unterschiedliche Richtungen streben.

Ausgleich finden

Das Schicksal der Ukraine ist wichtig für andere Länder in Osteuropa, besonders für Moldawien und Georgien. Beide haben, wie die Ukraine, Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union unterzeichnet, und beide gehen auf einem sehr schmalen Grat, um zu verhindern, dass sie auch zu Schlachtfeldern zwischen Russland und dem Westen werden. Ähnlich werden auch Russlands offizielle Partner in ihrem Projekt einer Eurasischen Union - Armenien, Belarus, Kasachstan und Kirgisistan - einen Ausgleich finden müssen zwischen ihrem "strategischen" Partner Russland und den USA, die den Schlüssel zur globalen Politik und Wirtschaft haben.

Was in der Ukraine geschieht, ist auch für West- und Mitteleuropa wichtig. Auch wenn ein andauerndes militärisches Patt entlang der Nato-Ostgrenze zu Russland harmlos wäre im Vergleich zu der Konfrontation mit dem Warschauer Pakt während des Kalten Krieges, ist die militärische Sicherheit Europas keine Selbstverständlichkeit mehr.

Wenn die Sorge um die Sicherheit auf dem Kontinent wächst, lässt der Handel zwischen der EU und Russland nach. Als Reaktion auf den Druck der USA wird die EU letztlich weniger Gas und Öl aus Russland kaufen - und die Russen weniger Industriegüter von ihren Nachbarn. Das Misstrauen zwischen Russland und Europa wird sich verfestigen. Die Idee eines gemeinsamen Raumes von Lissabon bis Wladiwostok wird begraben werden. Stattdessen werden die EU und die USA noch näher zusammenrücken, sowohl innerhalb einer gestärkten Nato als auch über das transatlantische Freihandelsabkommen.

Auch Japan ist nicht unbeteiligt: Die Entscheidung, sich den Sanktionen gegen Russland anzuschließen, die von den USA eingeleitet wurden, bedeutet, Pläne für den Aufbau einer soliden Beziehung zum Kreml über Bord zu werfen, um China innerhalb Asiens in Schach zu halten. Das Bündnis zwischen den USA und Japan wird bestärkt wie auch Japans Position darin. Auf ähnliche Weise wird auch Südkorea Forderungen der USA, seinen Handel mit Russland einzuschränken, nachgeben müssen und setzt sich damit dem Risiko aus, dass der Kreml eine weniger kooperative Haltung auf der geteilten koreanischen Halbinsel einnehmen wird.

All das wird vermutlich dazu führen, dass der Konflikt zwischen den USA und Russland die Position Amerikas gegenüber seinen europäischen und asiatischen Partnern stärken und dass Russland in ganz Eurasien auf eine weniger wohlwollende Umgebung treffen wird. Sogar Russlands Alliierte müssen über ihre Schulter auf die USA schauen, Russlands Engagement in Lateinamerika sowie Einflussenklaven im Nahen Osten sind bedeutungslos.

Es gibt nur eine Ausnahme in dem Muster der erstarkten Macht der USA: China. Die starke Abnahme der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und den entwickelten Ländern macht aus China die einzige Wirtschaftsmacht außerhalb des von der USA eingeleiteten Sanktionsregimes. Das erhöht die Bedeutung Chinas für Russland und verspricht den Chinesen besseren Zugang zu russischer Energie, anderen Ressourcen und Militärtechnologie.

China wird die US-Strategie gegenüber Russland studieren und Schlussfolgerungen ziehen. China hat kein Interesse daran, dass Russland den USA gegenüber nachgibt, auseinanderbricht oder eine Weltmacht wird. Chinas Interesse ist, dass Russland weiterhin sein stabiles Hinterland und seine Basis für Naturressourcen bleibt. Dass China Russland dabei unterstützt, sich den USA gegenüber zu behaupten, wäre eine Neuigkeit in der globalen Politik. Für viele ist dies kein realistisches Szenario. Für Russland wöge eine Allianz mit China zu schwer und, egal, mit welcher Ideologie, und egal, wer sie führte, Russen blieben Europäer.

Das ist vielleicht wahr. Aber es ist auch wahr, dass einer der meistverehrten russischen Helden aus dem Mittelalter, Prinz Alexander Newski, erfolgreich gegen westliche Eindringlinge kämpfte und dabei den mongolischen Khans die Treue hielt.

Es gibt keinen Zweifel, dass Russland einen Preis für seine Vorgehensweise in der Ukraine zahlen muss. Die Frage für die USA und ihre Alliierten ist aber, ob die Forderung dieses Preises selbst auch einen Preis hat. (Dmitri Trenin, DER STANDARD, 2.8.2014)

Übersetzung: Eva Göllner.

Copyright: Project Syndicate

DmItri Trenin (Jg. 1955) ist Direktor des Carnegie Moscow Centers.

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