Es tanzt die heile Spielzeugwelt

1. August 2014, 17:22
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"Polly Pocket" der Amerikanerin Jillian Peña im Odeon

Wien - Gern wollte Barbie im Vorjahr mit ihrem live begehbaren "Dreamhouse" nach Berlin ziehen. Doch der Versuch scheiterte, und die pinke Hütte wanderte nach Minneapolis. Mit dem Barbie-Äquivalent Polly Pocket ist das anders. Ihr Plastik-Puppenhaus passt in eine Hosentasche. "Polly Pocket" nennt die amerikanische Choreografin Jillian Peña ihr Balletttrio, das jetzt bei Impulstanz im Odeon zu sehen ist.

Polly hat eine animierte Website, auf der das blonde und blauäugige Girl ihre Klientel anspricht. Dieses Produkt ist pädagogisch Spitze: Da kann mädchen endlich richtig Made im Konsumspeck sein. Mit Modespaß, Spielen, Zimmerdekorieren und "Einkaufszentrum", wo mit eigenen Münzen bezahlt wird.

Peña behandelt Polly mit liebevoller Nachsicht. Polly, sagt sie, regt ihre Fantasie an. Sie mag die Pastellfarben, das Plastik und die Architektur der Taschenhäuschen. Pastellig sind denn auch die Kostümchen ihrer Tänzerinnen Alexandra Albrecht und Kyli Kleven sowie ihres Tänzers Andrew Champlin. Nur selten bricht der eine oder andere Verhatscher den auf Perfektion angelegten Balletttanz der drei.

So sollte das Stück auch genossen werden: Hübsche junge Erwachsene tanzen zart ironisch und handwerklich fein eine Spielzeugwelt vor. Der daran gepappte Diskurs stört die Angelegenheit nur. Die behaupteten Einflüsse von Marxismus und Queer-Theorie existieren bloß in Peñas angeregter Fantasie. Deutlichere Spuren hat allerdings die Psychoanalyse hinterlassen: Alles, was auf der Bühne passiert, ist ein Bad in hochkonzentriertem Narzissmus.

Weil in der heilen Polly-Welt keine Wünsche offenbleiben, werden im Stück nur Spiegelbilder verschenkt. Andrew bekommt ein vervielfachtes Videobild von sich selbst und Alex gar ein lebendes Spiegelbild, das Kyli heißt. Mit dieser entsteht zwar ein harmloser Knatsch, aber dann geht der Tanz weiter, bis sich Kyli am Ende dezent verabschiedet. Dieses Stück ginge sicherlich ohne wesentliche Änderungen als Werbeshow für die Polly-Mutterfirma Mattel, die uns auch mit Barbieträumen versorgt, durch. Um Jillian Peñas Zukunft muss sich also niemand Sorgen machen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 2.8.2014)

Wieder am 2.8.

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