Franzobel-Krimi: Strudel, Spritzen-Charly & Co

2. August 2014, 13:30
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Korruption, Mord und Totschlag in der Sportdoping-Szene. In seinem ersten Krimi beweist Franzobel spielerisches Talent für das Genre und erzeugt unterhaltsame Hochspannung

Eines Tages musste es so weit kommen: dass der höchst kreative und schreibfreudige Tausendsassa Franzobel einen Kriminalroman vorlegt, einen Wien-Krimi. Als gebe es nicht genug davon, als wolle der 1967 geborene Franz Stefan Griebl vorführen, wie gerade auch er dazu berufen ist, auf dem Gebiet dieses in der Regel leichtfüßigen Genres ein - so der Titel seines neuesten Buchs - Wiener Wunder zu vollbringen.

In einem ORF-Interview dementierte der Schriftsteller, auf eine Krimiparodie abgezielt zu haben. Dass er nichtsdestotrotz mit dem Genre spielt bzw. sichtlichen Gefallen an dessen traditionellen Mustern gefunden hat, ist unübersehbar. Bereits Personennamen - wiewohl er auch in früheren Texten immer schon gern damit herumjongliert hat - zeigen, dass Franzobel seinen Krimi nicht bierernst, hyperrealistisch angegangen ist: Answer Döblinger, Darius Engel, Xaver Einbrot, Ilona Gleichweit, Gordon Zwilling und Groschen. Letzterer, der ermittelnde Kommissar, mit Vornamen Falt. Da muss bei einem doch sofort der Groschen fallen ...

In der Tat beweist Franzobel keinerlei Ehrgeiz, einen literarischen Höhenkamm-Krimi vorzulegen oder gar einen neuen, originellen Ermittlertyp zu kreieren. Sein Kommissar erinnert an eine Reihe herkömmlicher Figuren aus der Buch-, Film- und TV-Krimi-Welt, mitunter an Columbo und Maigret. Dass ihm beide bei der Konzeption seines Werks im Kopf herumspukten, hat der Autor im Vorfeld den Medien ebenso anvertraut wie den Hinweis gegeben, dass er seinem Fahnder durchaus Alter-Ego-Eigenschaften verpasst habe.

Wie dem auch sei. De facto ist Groschen ein halbwegs liebenswerter wie schrulliger Durchschnittstyp, ein dem Alkohol zusprechender, untersetzter Mittvierziger aus einfachen ("plebejischen") Familienverhältnissen, Unterlippenbartträger mit Ansatz zu einem Buckel, nicht besonders intelligent, aber mit gutem Kriminalisten-Instinkt ausgestattet.

Was er neben Autolenken, Dachwohnungen mit billigen Rigipswänden, Dampfplauderern, Feministinnen, Vorsorgeuntersuchungen, Im-Sitzen-Pinkeln, Protektionskindern etc. ablehnt, sind Doppelmoral und autoritäre, politische Heuchelei, ohne dass er sich dabei selbstgerechter oder fadenscheiniger Political Correctness beugte. Man ist gerne bereit, Groschen einige gutmütige, sensible Seiten und eine gewisse illusionslose Ehrlichkeit sich selbst gegenüber einzuräumen. Immerhin weiß er von den Niederlagen, die er beruflich schon hat einstecken müssen, und kennt oder erahnt seine Lebenslügen. Und trotz seiner Macho-Ausfälle ist er auch ein liebender Ehemann, der sich allerdings, nun ja, mehr um sich selbst als um seine Frau kümmert.

Der Fall, in dem Groschen recherchiert, ist explosiv. Angesiedelt ist er rund um das Phänomen des Dopings. Franzobel ist auf dieses Sujet nicht primär von sich aus gestoßen. Auf die Fährte dazu gebracht wurde der Schriftsteller - auch das wissen wir aus einem Interview - durch einen Ex-Sportler, der ihm viel über Doping und dessen gesellschaftlichen Background berichtete, sich aber - primär aus Rücksichtnahme auf noch lebende Personen - nicht traute, ein Enthüllungsbuch zu schreiben. Die Informationen, die er zu Ohren bekam, schienen Franzobel so spannend, dass er die Anregung, daraus einen fiktionalen Text, einen Krimi zu machen, dankend annahm.

Und so erfährt man dann auch ausreichend Details über das menschenverachtende, mehr als geahnt verbreitete Drecksgeschäft des Dopings im Leistungssport. Eine ordentliche Portion Kritik fließt hier ein, schwere Seitenhiebe auf Sportverbände, Sponsoren, aber auch auf die Gesellschaft, die von den Sportlern Spitzenleistungen verlangt und beim Auffliegen eines Dopingfalls "Buh" ruft.

Zentrales Opfer in Franzobels Fiktion, die gewissen Textindizien nach im Oktober des Jahres 2012 spielen sollte, ist der international erfolgreiche 400-Meter-Läufer Edgar "Strudel" Wenninger, eine österreichische Sportikone, die von ihren Fans auch das "Wiener Wunder" genannt wird. Wenningers Selbstmord wirft mehr als eine Frage auf, zumal die Kriminalpolizei bereits einige Tage vorher eine anony- me E-Mail erhalten hat mit der Nachricht, dass sich demnächst ein berühmter Sportler umbringen werde, dahinter aber ein Mord stecke.

Das erzählerische Hauptpersonal besteht - typisch Franzobel - aus schwer bizarren Figuren, die da wären: der Dopingdealer Karl Stanek (genannt "Spritzen-Charly"), der "gänsekackegelbe Schuhe" tragende Dopingfahnder Hanns Hallux, der windige Vertreter einer großen Sportartikelfirma Einbrot, der wunderbar schmierig dargestellte Society- und Sportreporter Walter Maria Schmierer sowie Strudels Trainer Tulipan (gleichzeitig der Geliebte von Marion, Wenningers Gemahlin).

Sie alle gelten als Verdächtige, individuell wie im Kollektiv. Bezüglich der verschiedenen Schuldzuweisungen wartet der Roman mit aberwitzigen Wendungen auf bis hin zum großen Finale, bei dem einem - obwohl es auch überzogen grotesk erscheint - die Spucke wegbleibt. Und nicht nur in dieser Hinsicht ist das Buch, das zugegebenermaßen manchmal massiv holzschnitt- bzw. slapstickartig wirkt, faszinierend komponiert, mit glänzendem schriftstellerischem Handwerk.

Am Ende ist nicht nur der Fall gelöst, auch viele kleine Mysterien sind aufgeklärt, wie zum Beispiel Groschens Verfolgungswahn oder das Ertönen eines Totenglöckchens kurz bevor Schmierer Augenzeuge von Wenningers todbringendem Fenstersturz wird. Das alles geschieht mit einer unglaublichen Leichtigkeit und angenehm lockeren Sprache.

Wir wissen, dass Franzobel so schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, dass er nicht vor dem x-ten "wie"-Vergleich und dem hunderttausendsten "als ob" zurückschreckt, kein Sprachspiel und keinen müden Wortwitz scheut, selbst wenn er mit Letzterem männlich derb wird. Es ist diese ehrfurchtslose Mischung von allem, die diesen speziellen Franzobel-Lesegenuss bereitet.

In der Endkonsequenz ist dieser relativ schmale Roman so facettenreich, mit so vielen Themen und Motiven ausgestattet, dass die Auswahl einiger weniger abschließender Beispiele schwerfällt. Schön gewählt sind etwa die Locations, das Haus Wenningers in der skurrilen Idylle einer Art Schrebergartensiedlung am Donau-Oder-Kanal bei Groß-Enzersdorf oder - da ein Wien-Roman doch nicht ohne Café und Zentralfriedhof auskommen darf - der charmant vergammelte Rüdigerhof an der Rechten Wienzeile und eben diese "riesige Totenstadt" in Simmering.

Und da Wiedererkennung so viel Freude macht, herrlich auch so manch despektierlich-feixende Anspielung auf Persönlichkeiten wie auf eine bekannte TV-Moderatorin oder einen Wiener Ex-Bürgermeister. Auch in Walter Maria Schmierer scheinen zumindest zwei prominente Repräsentanten der schreibenden Zunft zu verschmelzen. Eher unheimlich zumute wird einem im Fall des unter Tränen zurücktretenden Skifahrers, dieses sportlichen Nationalhelden, der für eine Bank Werbung macht - ebenfalls ein Gedopter?

Wie angedeutet, ein Wunder ist Franzobels Erstkrimi nicht geworden, aber eine literarische Wundertüte, gerade noch rechtzeitig auf den Markt gebracht, um eine im besten Sinne des Wortes unterhaltsame und amüsante Sommerlektüre zu garantieren, ein narratives Pingpong-Spiel auf angemessenem Niveau. (Volker Kaukoreit, Album, DER STANDARD, 2./3.8.2014)

Franzobel, "Wiener Wunder". € 18,40 / 224 Seiten. Zsolnay, Wien 2014

  • Kommissar Groschen ermittelt. Der Autor Franzobel spielt in "Wiener Wunder" mit dem Krimi-Genre, an dessen traditionellen Mustern er sichtlich Gefallen gefunden hat.
    foto: standard/heribert corn

    Kommissar Groschen ermittelt. Der Autor Franzobel spielt in "Wiener Wunder" mit dem Krimi-Genre, an dessen traditionellen Mustern er sichtlich Gefallen gefunden hat.

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