"In sozialen Netzwerken wird Krieg geführt"

Interview3. August 2014, 14:00
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Der israelisch-palästinensische Psychologe Ahmad Mansour ortet eine Überforderung in Österreich im Umgang mit Antisemitismus von Migranten

Seit Beginn der militärischen Offensive Israels im Gazastreifen werden in Europa vermehrt antisemitische Ressentiments sichtbar. Offene Gewalt gegen Juden wird vorwiegend von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ausgeübt. Der Psychologe Ahmad Mansour erklärt im Interview die Ursprünge dieses Judenhasses und fordert eine bessere Ausbildung für Polizisten.

derStandard.at: Die österreichische Innenministerin meinte zum Vorfall in Bischofshofen, bei dem die israelische Fußballmannschaft Maccabi Haifa von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund angegriffen wurde, dass es inakzeptabel sei, Konflikte aus anderen Ländern nach Österreich zu importieren. Haben wir es hier tatsächlich mit einem "importierten" Problem zu tun?

Mansour: Definitiv nicht. Mit solchen Aussagen wird Verantwortung weggeschoben. Das sind österreichische oder deutsche Jugendliche mit familiärem Migrationshintergrund. Sie sind Teil dieses Landes. Ihre Probleme sind nicht importiert, sie entstanden hier, auch wenn sie natürlich ganz viel mit den Einstellungen ihrer Herkunftsländer ihrer Vorfahren zu tun haben.

derStandard.at: Antisemitische Gewalt und Aggression scheint vorwiegend von Jugendlichen auszugehen. Wissen sie nicht, was sie tun oder wissen sie es - im Gegenteil - ganz genau?

Mansour: Antisemitismus ist ein herkunftsübergreifendes Phänomen. Man findet ihn in allen Bildungsschichten und Gesellschaftsschichten. Was diese jugendlichen Demonstranten anlangt, ist Antisemitismus ein Phänomen, das tief verankert ist und Teil ihrer Erziehung war. Feindbilder wurden ganz früh vermittelt und ohne zu hinterfragen weitergegeben.

Der Antisemitismus entstammt verschiedenen Quellen: dem Nahost-Konflikt, wo Jugendlichen ein schwarz-weißes Bild vermittelt wird. Israel ist schuldig, böse - Palästinenser sind die Opfer. Die zweite Quelle sind Verschwörungstheorien, wo Israel und Juden beschuldigt werden, für alles Böse in dieser Welt, von der Finanzkrise über den 11. September bis hin zu den Gezi-Protesten in der Türkei, verantwortlich sind. Eine dritte Quelle ist der religiös argumentierte Antisemitismus. Der Koran beschäftigt sich sehr oft mit Geschichten der Juden. Diese Geschichten muss man in ihrem lokalen, historischen Kontext verstehen und interpretieren. Das wird oft nicht gemacht, sondern verallgemeinert.

foto: apa/epa/bockwoldt
Plakat einer Demo in Deutschland.

derStandard.at: Viele Demonstranten sagen von sich, dass sie gegen die Politik Israels auf die Straße gehen und keine Antisemiten sind. Wo ziehen Sie die Grenze zum Antisemitismus?

Mansour: Wenn Menschen auf die Straße gehen und gegen Israel protestieren, ist das ihr gutes demokratisches Recht. Problematisch wird es, wenn es schwarz-weiß wird. Wenn also plötzlich die Terrororganisation Hamas als Opfer und als harmlos dargestellt wird. Oder wenn der israelische Premier, dessen Politik ich persönlich für problematisch halte, plötzlich als Vampir, Blutsauger oder Faschist dargestellt wird. Wenn dämonisiert wird und Israel das Existenzrecht abgesprochen wird.

Was hat es mit dem Gaza-Krieg zu tun, dass auf solchen Demos pauschal alle "Juden" verunglimpft werden? Oder wenn gerufen wird: "Deutsche Waffen, deutsches Geld", und damit die Gelder zur Wiedergutmachung gemeint sind, die nach Israel geflossen sind? Das infrage zu stellen und mit Waffenverkauf in Verbindung zu bringen, halte ich für sehr problematisch. Wenn auf Demos "Lang lebe Hamas" gerufen wird, kann man nicht von Kritik an Israel reden, sondern dann geht es nur um die Bestätigung der eigenen Feindbilder und subtile antisemitische Haltungen.

Als israelischer Palästinenser finde ich es alles andere als gut, was die derzeitige Regierung in Israel macht. In der israelischen Gesellschaft sind teilweise Rechtsradikale an die Macht gekommen, die unverantwortlich mit bestimmten Themen umgehen. Der jetzige Gaza-Krieg ist teilweise menschenrechtsverletzend und müsste ganz schnell gestoppt werden.

derStandard.at: Wie sollen Polizisten reagieren, wenn zum Beispiel auf Demonstrationen "Kindermörder Israel" gerufen wird oder Jihad-Fahnen geschwenkt werden? Muss man mit Verboten antworten?

Mansour: Die Polizei ist überfordert und teilweise uninformiert. Wenn antisemitische Haltungen sichtbar werden, muss die Polizei auch eingreifen, verhaften und anzeigen, was nicht immer der Fall ist. Das hat man in Bischofshofen gesehen.

Die Polizei braucht definitiv eine Weiterbildung, was das Thema Antisemitismus angeht. Auf den Demos werden Sachen auf Arabisch gerufen, die teilweise hochproblematisch sind. Aber diese Aussagen muss man erst einmal verstehen. Ich kann nicht erwarten, dass Polizisten Antisemitismusexperten sind, aber wir müssen ihnen auch Instrumente in die Hand geben. In Berlin machen wir das schon.

In Österreich sollte das auch Teil der Ausbildung sein, weil uns solche Demonstrationen noch länger begleiten werden. Was das angeht, muss Europa insgesamt ein Zeichen setzen. Jugendliche müssen die Grenzen kennen. Wenn ein Jugendlicher "Jude, Jude, du feiges Schwein" ruft und da passiert von Seite der Mehrheitsgesellschaft, der Polizei und Staatsanwaltschaft nichts, fühlt er sich bestärkt.

Dass zum Beispiel die österreichische Staatsanwaltschaft auch gegen das antisemitische Lied "An alle Brüder" des Rappers Yasser Gowayed Anzeige eingebracht hat, werte ich als gutes Zeichen. Die Politik muss sich ernsthaft überlegen, ob die Fahnen der Hamas oder des Islamischen Staats, die ja beide Terrororganisationen sind, verboten werden sollen. Man kann nicht verlangen, dass die Polizei solche Entscheidungen ad hoc trifft.

foto: reuters/correia
Demonstration in Lissabon.

derStandard.at: Macht es Sinn, von einem spezifisch muslimischen Antisemitismus zu sprechen?

Mansour: Ja, denn die Ursachen sind andere. Wenn ich Antisemitismus ausschließlich herkunftsübergreifend bekämpfe, dann entwickle ich Konzepte, die möglicherweise einen Teil der Ursprungsösterreicher erreichen, aber Jugendlichen mit Migrationshintergrund sitzen da und sagen: "Entschuldigung, was hat das mit mir zu tun? Ich will über den Nahostkonflikt und über Verschwörungstheorien reden."

Dazu kommt, dass muslimische Vereine, sobald sie in der Verantwortung sind, immer die Islamophobie-Karte spielen. Das ist fatal. Ich lehne den Begriff der Islamophobie ab. Ich habe keine Phobie, und es ist auch keine Phobie, wenn man den Islam kritisiert. Man kann von Muslimfeindlichkeit sprechen, die in der Mehrheitsgesellschaft verankert ist. Das ist ein wichtiges und ernstes Problem.

Es kann aber nicht sein, dass wir jedes Mal, wenn unsere Jugendliche bestimmte Defizite zeigen, sagen: "Sie haben aber Diskriminierung erlebt, lasst uns lieber nicht darüber reden, weil wir damit die Islamfeindlichkeit verstärken könnten." Das ist Blödsinn. Wir verstärken die Islamfeindlichkeit, wenn wir solche Themen nicht ansprechen und von rechten, undifferenzierten Gruppen thematisiert werden. Auch die Vereine, die immer Vertreter des Islam sein wollen, müssen solche Themen ansprechen.

Ich finde es sehr schade, dass das Thema erst, seitdem wir auf der Straße antisemitische Parolen erleben, ins Bewusstsein rückt. Das ist seit Jahren Bestandteil vieler Milieus. Wo ist die Empörung darüber, dass das Schimpfwort "du Jude" mittlerweile an vielen Schulen Einzug gehalten hat?

derStandard.at: Viele Jugendliche informieren sich ausschließlich über Facebook über den Nahostkonflikt. Sehen Sie die Gefahr, dass dadurch eine Erziehung zum kritischen Denken schwieriger wird?

Mansour: Es wird auf jeden Fall schwieriger, aber damit müssen wir umgehen. Es werden unglaublich viele Sachen verbreitet, die nicht stimmen. Am Anfang des Krieges gab es Videos aus Syrien, die als Videos aus Gaza verkauft wurden. Es werden Dinge falsch übersetzt. Das schafft natürlich eine feindselige Atmosphäre. Es geht um Propaganda. Die Muslimbrüder und die Hamas haben es geschafft, gewisse Bilder zu vermitteln.

derStandard.at: Den Propagandavorwurf gibt es ja auch gegen Israel.

Mansour: Natürlich werden auf beiden Seiten Bilder geschaffen. In den sozialen Netzwerken wird Krieg geführt. Das sollte uns zu denken geben, wie wir zukünftig damit umgehen wollen.

Auf der palästinensischen Seite macht nicht nur die Hamas Propaganda, sondern auch Al Jazeera zum Beispiel, ein Sender, der bisher als seriös wahrgenommen wurden. Al Jazeera ist in den letzten Monaten teilweise zu einer Muslimbrüder-Plattform geworden.

derStandard.at: Viele Lehrerinnen und Lehrer haben aber eine große Scheu, sich mit heiklen Themen wie Antisemitismus und dem Nahostkonflikt zu befassen. Was können sie trotzdem im Unterricht leisten?

Mansour: Wir müssen begreifen, dass die Schule ein Sozialisationsinstrument ist und nicht nur einen Bildungsauftrag hat. Es geht nicht darum, politische Haltungen zu vertreten, sondern historisches Wissen zu vermitteln, darüber, wie zum Beispiel der Nahostkonflikt entstanden ist. Dieser Konflikt ist unglaublich kompliziert. Wenn man die Geschichte kennt, merkt man, dass sie nicht so schwarz-weiß ist, wie manche es gerne haben wollen.

Man muss aber auch Begegnungen schaffen, zum Beispiel zwischen Muslimen und Juden. Wir brauchen eine Diskussionskultur. Viele der Jugendliche kommen aus patriarchalen Familienstrukturen, wo kritisches Denken und Hinterfragen nicht vorhanden ist.

derStandard.at: Auffällig ist, dass besonders viele Migranten türkischer Herkunft sich an den Protesten zum Gazakrieg in Österreich beteiligen. Wieso?

Mansour: Antisemitische Haltungen, insbesondere Verschwörungstheorien, sind in der türkischen Community stark verankert. Das hat nicht mit Erdogan begonnen und wird auch nicht nach ihm aufhören.

In den letzten Jahren gab es im arabischen Raum viele Konflikte. Sunniten kämpften gegen Schiiten, in Syrien wurden hunderttausende Menschen ermordet. Dieses Schwarz-Weiß-Denken war unmöglich, die Jugendlichen konnten keine eindeutigen Verantwortlichen finden. Das hat Unsicherheiten geschaffen. Sobald allerdings der Nahostkonflikt wieder virulent wurde, hat das alle Muslime miteinander vereint. Es ist bemerkenswert, wie viele unterschiedliche Gruppen, die sonst nicht zusammenlaufen, nun doch wegen des Gaza-Kriegs gemeinsam auf die Straße gehen. (Teresa Eder, derStandard.at, 3.8.2014)


foto: privat
Zur Person: Ahmad Mansour arbeitet als Psychologe. Er wuchs als Sohn einer palästinensischen Familie in Israel auf. Seit 2004 lebt er in Deutschland und engagiert sich dort in unterschiedlichen Projekten bei der Bekämpfung von Antisemitismus und Islamismus. Er war Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz.
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