Die Staatsgewalt am Sand

4. August 2014, 13:04
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"Der Gendarm von St. Tropez" hat den französischen Badeort populär gemacht wie keine andere Figur. Sein Museum bekommt Louis de Funès dennoch nicht rechtzeitig zum 100. Geburtstag

Sie haben die Wände frisch gestrichen - erst lange nachdem er ausgezogen ist. Sie kamen mit Farbe, obwohl das viergeschoßige alte Haus inzwischen seit vielen Jahren leersteht, niemand mehr in den Amtsräumen im Erdgeschoß arbeitet, keiner in den Dienstwohnungen darüber zu Hause ist. Cruchot, Gerber, Tricard, Fougasse, Berlicot - alle weg.

Die Fensterläden haben ein zartest Hellblau bekommen, obwohl sie geschlossen sind. Und auch der Schriftzug in schwarzen Lettern auf weißem Grund über die volle Länge der Fassade an der Place Blanqui haben sie nachgezogen: "Gendarmerie Nationale" prangt dort heute wieder, obwohl die Wache lange umgezogen ist.

foto: apa/sipa
Die Zornesausbrüche des übermotivierten Dorfkieberers sind Geschichte: Louis de Funès als aufbrausender "Gendarm von St. Tropez", vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren ein Kinohit, heute ein Klassiker.


Frankreichs berühmtester Polizist hat hier herumgebrüllt, gezappelt, Grimassen geschnitten, wann immer Regisseur Jean Girault das Startzeichen dafür gegeben hat und eine Kamera lief. Die Zornesausbrüche des übermotivierten Dorfkieberers sind Geschichte: Louis de Funès als aufbrausender "Gendarm von St. Tropez", vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren ein Kinohit, heute ein Klassiker.

Der Posten schaut aus wie 1964

Der Gendarmerieposten ist nun leichter wiederzuerkennen, schaut aus wie damals 1964, hat den Look, mit dem er in diesen Tagen in der wer weiß wievielten Wiederholung über die Fernsehschirme flimmert. Gerade hat sich ein Paar fürs Foto vor der Haustür geküsst, zuvor ein Knirps in kurzen Hosen einen alten Mann auf der Parkbank auf Englisch um ein Bild von sich und seinem Bruder gebeten. Das eigentlich schmucklose Motiv ist ein Muss in St. Tropez, mehr noch als ein Bild von den Mega-Yachten dreihundert Meter Luftlinie von hier im alten Hafen, begehrter als eines von der berühmten Häuserzeile mit ihren vielen Cafés unten am Kai.

Mega-Yachten im alten Hafen von St. Tropez


Cruchot, der Choleriker

In sechs Spielfilmen hat Louis de Funès den aus der Provinz in den seinerzeit gerade aufstrebenden Fischer- und Badeort versetzten Polizeibeamten verkörpert, den ebenso cholerischen wie engstirnigen Ludovic Cruchot, der seinen Untergebenen auf die Nerven ging und vor seinem Chef buckelte. Am 31. Juli 2014 wäre der Komiker de Funès 100 Jahre alt geworden. Gestorben ist er bereits im Jänner 1983 mit 68 Jahren, nur wenige Monate nachdem der sechste Teil der Polizistensaga vom Mittelmeer unter dem deutschen Titel "Louis und seine verrückten Politessen" abgedreht war. Im französischen Original hieß er "Le Gendarme et les Gendarmettes".

Millionenpublikum trotz "dünner" Handlung

Viel Handlung hatte keiner der sechs Filme, und in der Kritik wurden die Drehbücher oft als "dünn" bemängelt. Dass sie trotzdem ein Millionenpublikum in die Kinos lockten und noch immer im Fernsehen wiederholt werden, liegt einzig am Hauptdarsteller, der privat eher als zurückhaltender, stiller Mann geschildert wurde und ein ausgezeichneter Jazzpianist war. Seinen wirklichen Durchbruch als Schauspieler hatte er erst mit fünfzig.

foto: „louis de funes 1978 ws 1“ von rolf gebhardt - photo taken by rolf gebhardt. lizenziert unter creative commons attribution-share alike 3.0 über wikimedia commons - commons.wikimedia.org/wiki/file:louis_de_funes_1978_ws_1.jpg#mediaviewer/datei:louis_de_funes_1978_ws_1.jpg
Frankreichs berühmtester Polizist hat hier herumgebrüllt, gezappelt, Grimassen geschnitten, wann immer Regisseur Jean Girault das Startzeichen dafür gegeben hat und eine Kamera lief.


Louis de Funès erschuf sich seinen Ludovic Cruchot. Die Figur, die ihn berühmt machen sollte. Den Wachtmeister, der so anders war als er selbst. Er ahnte nicht, dass er damit auch den Namen St. Tropez bekannt machen und mithelfen würde, eine Marke zu schaffen - mehr noch als Roger Vadim und Brigitte Bardot es ein paar Jahre zuvor mit "Und immer lockt das Weib" getan hatten, einem Kino-Erfolg, der gleichfalls nicht nur hier gedreht wurde, sondern dessen Handlung ebenso hier angesiedelt war.

Offen, locker, tolerant - ein traumhaft gelegenes Dorf am Mittelmeer

Die Gemeinsamkeit der Filme war, den Ort am Mittelmeer als offen, locker und tolerant darzustellen - als ein traumhaft gelegenes Dorf, in dem es mit den Regeln nicht so genau genommen wurde. Ein Rock durfte hier schon damals kürzer sein als anderswo, das Strandleben freizügiger - bis Ludovic Cruchot kam. Doch auch der biss sich die Zähne am Laisser-faire der Tropezianer und ihrer frühen Feriengäste aus. Nicht einmal die eigene pubertäre Filmtochter Nicole, gespielt von Geneviève Grad, orientierte sich an der Spießigkeit des Papas, sondern fand schnell Gefallen am lockeren Leben in St. Tropez. Wer nach dem Kinobesuch als Tourist herkam, hat genau das gesucht, genau so gelebt.

Gefuchtelt wird noch heute

Und inzwischen ist all das, wogegen Ludovig Cruchot 1964 mit so viel Engstirnigkeit, Gezappel und Geschimpfe vorging, ohnehin ganz normal. Gefuchtelt wird auch fünfzig Jahre nach der Kinopremiere noch, wenn wieder einer falsch geparkt hat und sich alle anderen an dem Auto vorbeiquälen müssen. Aber die Polizei interessiert das längst nur noch am Rande. Es ist zu normal, zu alltäglich, sowieso nur vorübergehend. Es regelt sich von selbst.

Die Gemeinsamkeit der Filme war, den Ort am Mittelmeer als offen, locker und tolerant darzustellen - als ein traumhaft gelegenes Dorf, in dem es mit den Regeln nicht so genau genommen wurde.


22 Gendarmen arbeiten heute unter dem Kommando von Capitaine Eric Rolando in St. Tropez, im Sommer sind es 44. Was sie zu tun haben? "Hauptsächlich Strafzettel schreiben, manchmal kümmern wir uns um verlorengegangene Kinder, bis die Eltern sie eine halbe Stunde später in heller Aufregung wieder abholen", erzählt einer von ihnen, der seinen Namen nicht gedruckt lesen möchte. Dazu kommen ein paar Einbrüche, Autoaufbrüche, Taschendiebstähle - alles im Rahmen, nicht mehr als anderswo.

Nackte Brüste sind jetzt die Regel, nicht die Ausnahme

Längst ist der Ortskern verkehrsberuhigt, gibt es einen Großparkplatz am Wasser, ein Parkhaus unmittelbar am Rande des Zentrums. Und auch Nudisten am Strand jagt die Ortspolizei anders als in den Filmen schon lange nicht mehr. Was in den 1960ern noch Skandalpotenzial hatte, ist an der Plage de Ramatuelle mit ihren Dünen längst akzeptierte gesellschaftliche Realität. Nackte Brüste sind eher die Regel als die Ausnahme, und selbst splitternackte Strandspaziergänger beiderlei Geschlechts gibt es genauso selbstverständlich wie diejenigen mit Stoffresten vom Edelschneider am Körper.

Auf dem Platz vor der alten Gendarmerie, zuvor jahrzehntelang eine ungepflegte Fläche mit ein paar Parkplätzen, ein Schandfleck fast, ist wieder Leben eingekehrt.


Die frische Farbe hat die "Gendarmerie Nationale" bekommen, weil die Place Blanqui am Rande der Altstadt aufgehübscht wurde, damit das Gebäude besser zum neuen Nachbarn passt, zum im alten Stil gänzlich neu errichteten "Hotel de Paris". Und nun sitzen sie hier wieder und plaudern: die alten Männer auf den Parkbänken unter den kräftig gestutzten Platanen, während die jüngeren auf dem Weg zum Strand, zum Yachthafen oder einfach zum nächsten Rendezvous mit dem Motorroller vorbeiknattern und kurz hupen. Auf dem Platz vor der alten Gendarmerie, zuvor jahrzehntelang eine ungepflegte Fläche mit ein paar Parkplätzen, ein Schandfleck fast, ist wieder Leben eingekehrt.

Museum für den Gendarmen

Bald soll in das berühmte alte Gebäude ein Museum der Polizei einziehen - eines, in dem es vor allem um Louis de Funès und die Rückkehr des cholerischen Gendarmen an die alte Wirkungsstätte gehen wird. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Verantwortlichen in St. Tropez verstanden, was für eine Attraktion sie mit diesem Gebäude haben und was sich daraus machen lässt. Und weil das alles so lange sickern musste, hat auch jetzt keiner Eile, nicht zum 100. Geburtstag von Louis de Funès und nicht zum 50. der Premiere von "Der Gendarm von St. Tropez". Wann das Museum eröffnen wird? "Frühestens 2015", heißt es aus der Gemeinde.

"Ich finde die Filme amüsant"

Capitaine Eric Rolando hat derweil ein paar alte Filmplakate in der neuen Gendarmerie aufgehängt und stört sich nicht am Bild vom südfranzösischen Dorfpolizisten, das die Kinoserie vermittelt, im Gegenteil: "Ich finde die Filme amüsant." Und gleich schließt er ganz seriös an: "Aber Aufgabe der Polizei ist es auch hier, für Ordnung zu sorgen und nicht Touristen zu amüsieren."

"Hat wirklich Louis de Funès St. Tropez berühmt gemacht?", will derweil ein Urlauber von der Frau in der Tourist-Info unten am alten Hafen wissen. "Nein", antwortet sie trocken, "das war die Sonne." (Helge Sobik, Album, DER STANDARD, 02.08.2014)

Die Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt des Département Var.

Reiseinfos

Anreise: Direktflüge von Wien nach Nizza etwa mit Austrian oder Fly Niki; öffentlich weiter mit dem Zug nach Saint-Raphael und dem Bus (Nummer 7601) nach St. Tropez.

Übernachtung: zum Beispiel im Fünfsternehotel La Bastide de Saint-Tropez, ab € 295 für das Doppelzimmer oder in der ebenfalls mit fünf Sternen klassifizierten Villa Belrose, ab € 320 pro Doppelzimmer. Von 27. 8. bis 18. 9. 2014 ist in der Espace Jean Despas an der Place des Lices die Sonderausstellung "2014, un siècle pour Louis de Funès" zu sehen, täglich von 10 bis 18 Uhr.

Touristische Infos: Französisches Fremdenverkehrsamt Atout France: at.rendezvousenfrance.com oder www.ot-saint-tropez.com

Vom Autor dieses Beitrags ist im Juli 2014 ein Reportagenband über die "Côte d’Azur - Vom Duft des Lavendels und der Millionen" in der Lesereisen-Reihe des Wiener Picus-Verlags (im Buchhandel; € 14,90) erschienen.

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