"Ich wünsche mir viel mehr Druck nach oben" 

Interview2. August 2014, 11:10
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Der Salon Real vernetzt seit fünf Jahren Frauen in der noch immer sehr männlichen Immobilienbranche. Doch es sind nicht nur die Männer, die Frauen nicht in die erste Reihe lassen

Der Salon Real vernetzt seit fünf Jahren Frauen in der noch immer sehr männlichen Immobilienbranche. Doch es sind nicht nur die Männer, die Frauen nicht in die erste Reihe lassen, erfuhr Franziska Zoidl von den Mitgliedern Daniela Witt-Dörring und Karin Schmidt-Mitscher.

STANDARD: Auf den Podien dieses Landes sind Immobilienexperten-Runden meist überwiegend männlich besetzt. Wo sind die Frauen?

Witt-Dörring: Es gibt viele Frauen im mittleren Managementbereich. Dass sie sich noch nicht zahlreich an die Spitze durchgesetzt haben, ist nicht nur eine Tatsache im Immobilienbereich, sondern auch in anderen Branchen in Österreich.

Schmidt-Mitscher: Unsere Branche ist wahrscheinlich im mittleren Bereich sogar mit mehr Frauen bestückt als andere. Makler und Hausverwalter sind klassische Frauenberufe.

STANDARD: Welche Rolle spielen die Netzwerke von Männern in der Branche?

Witt-Dörring: Sie waren ein wichtiger Grund dafür, unseren Verein zu gründen. Ich und die anderen Initiatorinnen wollten damit die Netzwerke von Frauen stärken. Das Leistungsprofil bei Frauen ist teilweise sehr hoch, aber das Selbstbewusstsein ist oft nicht da, dass man sagt: Ich traue mir das zu, auch der bunte Hund zu sein und in die erste Reihe zu steigen, nicht angepasst zu sein und keine Klischees zu erfüllen. Aber das kann man enorm verbessern, wenn man sich vernetzt und wenn es Beispiele in der Gruppe gibt, bei denen man sieht: Die hat es geschafft.

STANDARD: Bei Ihren Treffen sprechen oft Experten aus der Branche. Auch Männer?

Witt-Dörring: Natürlich. Wir haben keine Berührungsängste.

STANDARD: Und wie ist das für die Männer?

Schmidt-Mitscher: Es gab schon männliche Gäste, die sich einen zweiten Mann zur Unterstützung mitgenommen haben.

Witt-Dörring: Wir haben nur bei ganz wenigen gespürt, dass sie sich ein bisschen unwohl gefühlt haben. Die Männerwahrnehmung dieses Salons ist sehr überhöht. Man trifft oft Männer, die sagen: Was macht ihr da in eurem Geheimbund? Es wird von Männern sehr stark wahrgenommen, dass sie da ausnahmsweise nicht dabei sein können.

STANDARD: Sehen Sie sich als Feministinnen?

Schmidt-Mitscher: Klar sehe ich mich als Feministin. Sonst würde ich nicht in so einem Verein im Vorstand sein. Es ist kein parteipolitischer Verein, aber natürlich streifen wir ununterbrochen frauenpolitische und gesellschaftspolitische Themen.

Witt-Dörring: Ja. Ich finde diesen Ausdruck nicht negativ besetzt. Es steht allerdings nicht in den Vereinsstatuten, dass wir ein feministischer Verein sind. Für mich gab es zwei Schlüsselerlebnisse: Am Anfang meiner Karriere hatte ich einen guten Freund mit Kontakten zu einer Versicherung. Ich wollte, dass er mich empfiehlt. Er hat gesagt: "Vergiss das. Die vergeben ihre Aufträge bei einem Bier, da kommt keine Frau dazu." Es ist dann relativ langsam gesickert, dass es da wirklich eine Zugangsschranke gibt. Und die ist häufig, dass Frauen sich nicht mit Männern hinsetzen, Bier trinken und über die letzten Fußballergebnisse plaudern. Aber nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil viele Männer Frauen einfach nicht dabeihaben wollen. Das zweite Schlüsselerlebnis war: Bei den großen Messen steht man sehr lange an den Ständen - quasi in der Auslage. Da sind immer die Männer in großen Gruppen gestanden und haben Insider-Infos ausgetauscht. Die Frauen standen allein - die haben dieses Netzwerk, zusammen in der Auslage stehen zu können und nicht als Einzelfigur - nicht gehabt. Es ist hart, wenn man sechs Tage steht und immer lächeln und signalisieren muss: Ich bin hier am richtigen Platz - obwohl man sich nicht so fühlt, weil es eine andere Gruppe gibt, die einen eigentlich ausschließt. Da habe ich mir gedacht: Das soll mir nicht mehr passieren und anderen Frauen auch nicht.

Schmidt-Mitscher: Und da waren wir auch sehr erfolgreich, weil genau das passiert jetzt: dass eine große Frauengruppe beisammensteht und sich untereinander vernetzt.

STANDARD: Frau Doktor Witt-Dörring, Sie unterrichten an der FH Wiener Neustadt und der Donau-Universität Krems. Merken Sie Unterschiede im Zugang bei Männern und Frauen?

Witt-Dörring: An der FH ist der Frauenanteil sehr hoch, und da kann man eindeutig sagen: Die Frauen sind die Fleißigeren, Interessierteren, und sie schreiben die besseren Klausuren. Ich würde das zwar nicht so verallgemeinern - aber in diesen Kursen ist es so. An der Donau-Uni ist nur ein Drittel der Studierenden weiblich. Eine teure Postgraduate-Ausbildung leisten sich anscheinend eher Männer.

STANDARD: Warum?

Witt-Dörring: Meine Erklärung für Letzteres: eine Kostenschranke. Zu Ersterem: Frauen sind gute Erfüllerinnen, weil sie das anerzogen bekommen. Wenn die Unterrichtende sagt: Bitte bereitet das bis zum nächsten Mal vor, dann nehmen Frauen das ernster. Ich beobachte das auch im Beruf.

Schmidt-Mitscher: Ich sehe das genauso. Wir haben alle, egal von welchem Unternehmen wir kommen, Gender-Policies. Ich beobachte aber auch, dass viele Frauen sich nicht vor den Vorhang trauen oder es nicht wollen. Zum Teil kann ich mir wirklich nicht erklären, woran es liegt. Es ist nicht nur die Familie, es ist auch der Respekt vor der Aufgabe. Vielleicht ist es auch ganz angenehm, in der zweiten Reihe zu arbeiten. Es gibt starke Bestrebungen, aber es ist ein sehr langsamer und zäher Prozess. Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Frauen Druck nach oben erzeugen. Den erlebe ich im täglichen Geschäft eher wenig. Wir haben eine starke Nachfolgediskussion im Unternehmen. Da suche ich oft nach Frauen. Es ist aber nicht so leicht, welche zu finden, die ich anspornen oder ansprechen könnte.

Witt-Dörring: Ich beobachte bei großen Messen, dass viele Frauen sehr neutralisiert auftreten. Hosenanzug oder graues Kostüm sind etwas, wo man das Frauliche nicht in den Vordergrund bringt.

Schmidt-Mitscher: Es gibt nicht nur eine gläserne Decke, sondern wir Frauen wollen auch zu wenig. Das sage ich ganz provokant. Eine Frau glaubt immer, sie muss den nächsten Job schon jetzt erfüllen. Als ich damals meinen Job angeboten bekommen habe, habe ich mir auch gedacht: Kann ich das wirklich in allem, was gefordert wird? Das ist der falsche Zugang. Das war auch nach zwei Sekunden erledigt. Das erlebe ich aber jeden Tag, und das muss man weiter aufbrechen.

Karin Schmidt-Mitscher (45) ist CEO der UniCredit Leasing Austria und Vorstandsmitglied des Salon Real.

Daniela Witt-Dörring (55) ist Partnerin bei der Anwaltskanzlei Weber & Co sowie Initiatorin und Vorstandsmitglied des Salon Real.

Der Salon Real wurde im März 2009 als Netzwerk von Frauen in der österreichischen Immobilienwirtschaft von den Branchengrößen Margret Funk (Dr. Funk Immobilien GmbH), Ingrid Fitzek (Buwog), Daniela Witt-Dörring (Weber & Co) und Katharina Kohlmaier (BIG) gegründet. Zum Gründungsmeeting kamen 30 Frauen, heute hat der Salon Real 130 Mitglieder. Diese treffen sich fünfmal im Jahr zu Diskussionsveranstaltungen mit Fachvorträgen von Experten aus der Immobilienbranche. Interessentinnen benötigen zwei Empfehlungsschreiben von Mitgliedern, über ihren Beitritt stimmt der Vorstand ab. Für die nächsten fünf Jahre plant der Salon Real, weiter qualitativ zu wachsen. Außerdem soll auf Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Themen gesetzt werden. Auch ein Mentoring-Programm ist in Planung. Der Salon Real steht international mit anderen Frauennetzwerken in Verbindung, unternimmt regelmäßig Reisen ins Ausland und ist auf internationalen Immobilienmessen vertreten.

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salonreal.at

  • Mehr Frauen in der ersten Reihe wünschen sich die Salon-Real-Mitglieder  Daniela Witt-Dörring (rechts) und Karin Schmidt-Mitscher (links).
    foto: zof

    Mehr Frauen in der ersten Reihe wünschen sich die Salon-Real-Mitglieder Daniela Witt-Dörring (rechts) und Karin Schmidt-Mitscher (links).

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