Bregenzer Martinsturm: Im Inneren der Zwiebel

Ansichtssache31. Juli 2014, 17:43
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Der Bregenzer Martinsturm hat eine barocke Haube

Bregenz - Meister Benedetto Prato aus Graubünden brachte die barocke Baukunst nach Bregenz. 1601 baute er auf dem mittelalterlichen Speicher in der Altstadt den Martinsturm und setzte dem eleganten Bauwerk eine imposante hölzerne Haube auf. Seither haben die Bregenzer die größte Zwiebelkuppel Mitteleuropas. Und wohl einen der originellsten Dachböden.

Der Blick ins Innerste der Zwiebel will erkämpft sein. Gut 100 Stufen geht es über die überdachte Holztreppe ins erste Stockwerk. Für die aktuelle Ausstellung, ein Spaziergang durch die Stadtgeschichte, bleibt keine Zeit, weiter geht es hinauf in die frühere Türmerwohnung. Dort ist Baustelle, man holt gerade Barock und Gotik unter den Einbauten des 20. Jahrhunderts hervor. Und weiter, der Zwiebel zu. Wieder Treppen steigen, hinauf in den Arkadenraum. Dort, überwältigt von der Atmosphäre des bis auf wenige antiquarische Samtstühlchen leeren weißen Raumes, muss man einfach rasten. Sich im Kreis drehen und staunen über das Rundumpanorama auf Stadt, See, Berg und Wald.

"Wie eine Rumpelkammer"

Vom Dachboden trennt uns nur noch eine breite Leiter. Endlich öffnet Stadtarchivar Thomas Klagian die hölzerne Dachluke. Wir sind da, auf dem Dachboden des Bregenzer Martinsturms. "Hm, schon ein bisschen wie in der Rumpelkammer", entschuldigt der Stadtarchivar den Anblick. Was man gerade nicht braucht, steht hier oben.

Doch noch sind wir nicht am Ziel. Eine weitere schmale Treppe ist zu überwinden. Die Mühe hat sich gelohnt. Das Innere der Zwiebel gleicht dem Bauch eines Schiffes. Mächtige Fichten wurden gefällt, um die gebogenen Hölzer für die Kuppel herauszusägen. Grün wurde das Holz von den findigen Zimmerleuten verarbeitet, damit es sich biegen lässt. Seit 1601 steht die Konstruktion. Ein Wunderwerk aus Holz. (jub, DER STANDARD, 1.8.2014)

foto: christian grass

Baumeister des Martinsturms war der Graubündner Benedetto Prato. Dass die aufwändige Konstruktion tatsächlich aus 1601 stammt, wurde nun dendrochronologisch nachgewiesen

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foto: christian grass

Bis zur Spitze der Laterne misst die Kuppel 16 Meter, an der breitesten Stelle, dem Bauch 13 Meter. In der Laterne hängt das so genannte Papstglöckle. Es wird nur an Neujahr, zum Patrozinium des Heiligen Martin und bei Wahl oder Tod eines Papstes geläutet.

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foto: christian grass

Aus Dachgauben lässt sich in alle vier Himmelsrichtungen schauen

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foto: christian grass

Der Arkadenraum ist ein Geheimtipp. Hier lässt sich ungestört lesen und das Rundumpanorame genießen. Früher war der 40 Meter hohe Turm die Bregenzer Hochwacht, der Türmer hatte über die Stadt zu wachen und Feueralarm zu geben.

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foto: christian grass

Die Ausstellungen im Martinsturm widmen sich der Stadtgeschichte. Aktuell ist „Die Goldene Schale“ zu sehen. Ein Spaziergang durch die Stadt, den Archivar Thomas Klagian gestaltet hat. Den Titel hat er sich vom Missionar Kolumban ausgeliehen. Der irische Mönch hatte die Stadt wegen ihrer Lage zwischen Berg und See so genannt. Als sich die Einwohner nicht bekehren ließen, war Kolumban sauer und ergänzte: Eine goldene Schale voller Schlangen.

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