Sie, ein Anwalt smarter Finanzjongleure?

Kommentar der anderen31. Juli 2014, 17:11
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Projekt Eislaufverein: Eine Replik auf Christoph Chorherr

Lieber Christoph Chorherr,

Sie werfen mir vor, in meiner Kritik im STANDARD zur Stadtplanung à la Intercont das aktuelle Wachstum der Wiener Bevölkerung zu verschweigen, und haben damit recht. Der Grund ist simpel: Das Bevölkerungswachstum hat damit aber schon überhaupt nichts zu tun. Sonst müssten Sie ja allen Ernstes behaupten, dass die Luxuswohnungen im Hochhaus am Heumarkt (zum Stückpreis von jeweils mehreren Millionen Euro) auf den Bedarf der Wiener Bevölkerung ausgelegt sind, und damit sogar Herrn Tojner widersprechen, der, so ehrlich muss man sein, niemals Zweifel gelassen hat über die angepeilte Klientel.

Natürlich habe ich mit keiner Silbe die Notwendigkeit von Wohnraumschaffung für die Bevölkerung und die dafür notwendige Baulandbereitstellung angezweifelt, der Vorwurf, ich würde mir eine geringere Bautätigkeit wünschen, ist, gerade an einen Architekten gerichtet, absurd.

Die meisten Ihrer Argumente kann ich unterschreiben, nur haben sie nichts mit dem Problem zu tun. Ich bin nicht gegen sozialen und genossenschaftlichen Wohnbau, ich bin gegen die Ausbeutung wertvoller Stadtquartiere zugunsten des einen Prozent auf Kosten der 99 Prozent. Ich bin nicht gegen Gewinnstreben, solange es im fairen Wettbewerb geschieht. Ich bin nicht gegen die Weiterentwicklung der Stadt, aber unbedingt für gleiches Recht für alle.

Grünes Leidbild?

Ups, jetzt fällt mir auf, dass ich gerade das grüne Leitbild zur Stadtentwicklung verkünde, und das wäre ja eigentlich Ihr Part. Aber die Schnelligkeit, mit der Sie die Seiten wechseln, kann einen schon mal konfus machen. Auf Ihrem Blog veröffentlichen Sie im Jahr 2011 unter "Porr, Porr, nur Du allein, lesenswertes Sittenbild hoffentlich vergangener SP-Stadtplanungspolitik in Wien" eine vernichtende Kritik von Reinhard Seiß zu den Vorgängen rund um "Monte Laa". Ganze Absätze daraus könnte man für die genannten Projekte eins zu eins übernehmen, lediglich unter Austausch von Namen und Ortsbezeichnungen. Probieren Sie es mal, echt erstaunlich. Und dabei war "Monte Laa" insofern noch vergleichbar harmlos, als dort tatsächlich leistbare Wohnungen entstanden.

Wir erinnern uns alle dankbar an Ihre zahlreichen Kämpfe, die Sie für Anliegen der Baukultur in dieser Stadt ausgefochten haben. Umso schmerzlicher, nun von Ihnen die gleichen Worthülsen zur Schönfärbung offensichtlicher Missstände hören zu müssen, die einem aus der Vergangenheit nur allzu vertraut sind. Die gleiche Methode der persönlichen Diffamierung der Kritiker. Umso ratloser bin ich, Sie nun als Anwalt smarter Finanzjongleure erleben zu müssen, die Gebäude ausschließlich als Objekte der Finanzspekulation betrachten. Diese Ratlosigkeit teile ich auch mit vielen Freunden bei den Grünen. (Christoph Mayrhofer, DER STANDARD, 1.8.2014)

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