Israel und Hamas: Wer welche militärischen Mittel einsetzt

Hintergrund4. August 2014, 13:50
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Das militärische Kräfteverhältnis zeigt Israel gegenüber der Hamas zwar im Vorteil, das weitverzweigte Tunnelsystem wurde jedoch unterschätzt

Im Nahost-Konflikt sind die Fronten derzeit verhärtet: Mittlerweile hat die israelische Armee zwar mit dem Teilabzug ihrer Bodentruppen begonnen, die Luftangriffe auf den Gazastreifen gehen aber weiter. Eine siebenstündige humanitäre Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas (die Gebiete ausschließt, in denen die israelische Armee operiert) scheint bereits kurz nach ihrem Inkrafttreten wieder brüchig. Mehr als 1.800 Menschen sind während des Konflikts bereits getötet worden, zu einem großen Teil palästinensische Zivilisten. Aber welche militärischen Kapazitäten stehen sich hier genau gegenüber?

Nach Schätzungen des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) gab Israel im Jahr 2013 mehr als 16 Milliarden US-Dollar für Rüstung aus – damit lagen die Ausgaben am Anteil des Bruttoinlandsprodukts gemessen bei knapp sechs Prozent. Zum Vergleich: Die USA investierten etwa 640 Milliarden Dollar in ihr Militär, was jedoch nur 3,8 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts ausmacht; Saudi-Arabien gab knapp 67 Milliarden Dollar für Rüstung und damit 9,3 Prozent des BIP aus.

foto: reuters/baz ratner
Ein israelische Panzer nahe der Grenze zum Gazastreifen am Montag.

Im Dienst des israelischen Militärs sind nach Angaben des International Institute for Strategic Studies (IISS) 176.500 Soldatinnen und Soldaten (133.000 davon innerhalb der Bodentruppen), zusätzlich stehen noch etwa 465.000 Reservisten bereit, von denen bereits 86.000 mobilisiert wurden.

Diese Streitkräfte verfügen über mehr als 2.500 Kampfpanzer sowie 100 einsatzfähige Boden-Boden-Raketen. Die aus 34.000 Personen bestehende Luftwaffe ist mit 440 Kampfjets und 77 Hubschraubern ausgerüstet, die 9.500 Personen starke Marine mit drei Kriegsschiffen der Sa'ar 5-Klasse (Korvetten) und 52 Schnellbooten.

Zudem bedient Israel sich eines Drohnenprogramms, dessen Modelle über dem Gazastreifen und dem Westjordanland intensiv zum Einsatz gelangen. Zum Teil sind es mit Kameras und Radars bestückte Überwachungsdrohnen - Israel verfügt aber auch über Versionen, die mit Raketen ausgestattet sind. In der Vergangenheit kamen sie immer wieder auch als Kampfmittel zum Einsatz, um Hamas-Führer gezielt zu töten. Dabei gab es immer wieder auch zivile Opfer.

Vor Angriffen von außen schützt außerdem das israelische Raketenabwehrsystem "Iron Dome". Es kann Mörsergeschosse und Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von vier bis 70 Kilometern abfangen. Jede der derzeit sechs Batterien des Systems besteht aus einem Radar, einer Feuerleitsoftware und drei Abschussvorrichtungen mit je 20 Abwehrraketen. Zur Abdeckung des gesamten israelischen Territoriums wären zwar insgesamt 13 Batterien erforderlich, dennoch soll die "Eiserne Kuppel" nach Angaben der israelischen Armee im aktuellen Konflikt eine Trefferquote von nahezu 90 Prozent haben.

foto: reuters/baz ratner
Eine von "Iron Dome" abgefangene Rakete über der israelischen Stadt Sderot.

Mit diesen Zahlen an verfügbaren Truppen und Waffensystemen kann die radikalislamische Hamas nicht mithalten, man kann sie aber dennoch als Armee bezeichnen, sagt der in Tel Aviv lebende Nahostexperte Daniel Nisman im Gespräch mit derStandard.at. "Sie haben die gleiche Strukturen wie eine Armee und auch die gleichen Hierarchien", sagt Nisman. Auch eine Marine sowie diverse Spezialeinheiten der Organisation sprächen nach Ansicht des Nahostexperten für den armeeähnlichen Charakter der Hamas.

20.000 Hamas-Kämpfer

Insgesamt verfügt die Hamas nach Angaben Nismans über 20.000 einsatzbereite Kämpfer, von denen der paramilitärische Arm der Hamas, die Al-Qassam-Brigaden, etwa die Hälfte ausmacht. Zusätzlich wird sie von zehn bis 15 militanten Gruppierungen unterstützt, die zum Teil Al-Kaida nahe stehen und "tausende weitere kampfbereite Mitglieder liefern", so Nisman.

Zu Beginn des Konflikts verfügte die Hamas nach Angaben des israelischen Militärsprechers Peter Lerner über etwa 10.000 Raketen – 60 Prozent ihres Arsenals soll sie mittlerweile bereits "verschossen" haben. Im Zusammenhang mit der Reichweite der Raketen zeigt sich Nahostexperte Nisman überrascht: "Dass einige Raketen weiter als bis Tel Aviv reichen, hat mich verblüfft."

foto: ap photo/ariel schalit
Eine in Richtung Israel abgefeuerte Rakete aus dem Gazastreifen.

Nisman schätzt zudem, dass die Hamas im Besitz von zahlreichen Artilleriegeschützen sowie diversen Waffen zur Panzerabwehr ist. Auch über ein tragbares Raketenabwehrsystems und Drohnen soll sie laut Nisman verfügen: Die israelischen Streitkräfte bestätigten Mitte Juli in der Nähe der Stadt Aschdod eine Drohne aus dem Gazastreifen abgeschossen zu haben, wobei zuvor nicht klar gewesen war, ob die Hamas über solch ausgereifte Waffen verfügt.

Die militärische Strategie der Hamas besteht nach Ansicht Nismans vor allem aus der Verbreitung von Siegesmeldungen und -bildern, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Reichweite ihrer Raketen oder den bisher getöteten israelischen Soldaten. "Ihr größter Sieg wäre allerdings die Entführung eines israelischen Soldaten oder von Zivilisten", sagt der Nahostexperte.

Angriffstunnel vom Gazastreifen nach Israel

Ein wichtiger Teil ihrer Militärstrategie ist damit auch das weitverzweigte Tunnelsystem, das eine Entführung erst ermöglichen würde. Es entstand vor Jahren an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Ägypten, wobei zunächst Lebensmittel und Alltagsgüter, bald aber auch Waffen in den Gazastreifen gebracht wurden.

Die Angriffstunnel zwischen dem Gazastreifen und Israel verlaufen Angaben der israelischen Armee zufolge etwa 15 Meter unter der Erde, sind rund 75 Zentimeter breit, circa 1,70 Meter hoch und haben bis zu siebzig Nebenschächte. Nisman schätzt, dass sie im Durchschnitt zwischen einem und 2,5 Kilometer lang sind. Viele Tunnel haben ihren Eingang in Wohnhäusern oder Moscheen.

foto: ap photo/jack guez
Ein israelischer Soldat in einem Angriffstunnel der Hamas an der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen.

Das System eignet sich nicht nur zur unbemerkten Grenzüberquerung, die Tunnel dienen laut Israels Streitkräften auch als Werkstatt für den Bau von Raketen oder als Abschussrampen. "Sie sind mit Telefonen, Stromkabeln und zum Teil auch mit Internet ausgestattet", sagt Nisman.

Zudem kommen darin oder davor auch immer wieder Sprengfallen zum Einsatz – erst am vergangenen Mittwoch wurden bei einer Explosion im Gazastreifen drei israelische Soldaten getötet. Sie hätten in einem Haus einen Tunnel entdeckt, zwei in dem Gebäude versteckte Sprengsätze seien dann detoniert. Bei ähnlichen Vorfällen wurden bereits dutzende Soldaten verletzt.

Inzwischen hat das israelische Militär 45 Angriffstunnel entdeckt, die vom Gazastreifen nach Israel führen sollen. US-Geheimdienste wollen mithilfe von Satellitenaufnahmen sogar 60 Gänge entdeckt haben. Die israelische Regierung dürfte die Gefahr, die von der Hamas unter der Erde ausgeht, unterschätzt haben: Die Zeitung "Al-Monitor" berichtete, dass Israel vor Ausbruch der aktuellen Eskalation davon ausgegangen sei, dass es nur drei dieser auf israelisches Gebiet führenden unterirdischen Gänge gebe. Auch Nahostexperte Nisman vermutet, dass "Israel von den Tunneln gewusst hat, jedoch nicht, dass es so viele sind". (Noura Maan, derStandard.at, 4.8.2014)


Nachlese

Israelischer Waffenexport: Gaza als Versuchslabor für Waffen

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