Sexismus in IT-Branche: "Kann ich einen richtigen Techniker sprechen?“

3. August 2014, 09:11
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Viele IT-Technikerinnen klagen über Ungleichheit, Zweifel an ihrer Kompetenz und herablassende Behandlung

Barbara ist heute erfolgreiche Unternehmerin in der IT-Branche. Ihren echten Namen möchte sie nicht verraten. Sie hat Angst, Kunden zu verlieren, wenn sie offen über Sexismus spricht. Zu erzählen hat sie einiges: etwa von dem Informatikprofessor, der noch in den 1990ern Studentinnen bat, sich in die letzte Reihe zu setzen, da er ihren Menstruationsgeruch nicht aushalte. Oder von ihrer "sehr feschen" Studienkollegin, die sich die Haare schwarz färbte, um nicht mehr so aufzufallen.

"Ich selbst hatte Glück, keine klassische Schönheit zu sein", sagt sie heute, fast 25 Jahre nach ihrem Studium. Sie war froh, damals in Internetforen mit einem Pseudonym unterwegs sein zu können - dadurch musste sie sich nicht als "Frau" outen und konnte ohne Anfeindungen mit anderen über Programmiersprachen und Kryptografie diskutieren.

Investieren: Nur in "sexy" Gründerinnen

Auch heute überwiegen bei Reddit und anderen Internetforen geschlechtsneutrale oder männliche Nutzernamen. Aber ist der Sexismus in der Informatik ähnlich grassierend wie damals? Glaubt man der Medienberichterstattung in den USA, hat sich die Lage sogar noch verschärft. Spätestens, als die Entwicklerin Juli Ann Horvath die Code-Hosting-Plattform Github verließ und ihrem Ex-Arbeitsgeber sexuelle Belästigung vorwarf, setzte in den USA eine großflächige Diskussion über Sexismus ein.

foto: julie-ann-horvath
Julie-Ann Horvath verließ Github - und löste eine Sexismusdebatte aus

Seitdem vergeht kaum eine Woche, in der keine Berichte von Investoren, die nur in "sexy" Firmengründerinnen investieren, oder von Übergriffen bei Kundengesprächen erscheinen. Sowohl die Start-up-Kultur als auch die Hardcore-Programmierszene der "Nerds“ erzeugten eine frauenfeindliche Kultur, schreiben etwa "Wired" oder die "New York Times".

"Frau oder Fräulein?"

In Österreich dürfte das nicht anders sein, allerdings fehlt hierzulande die Debatte darüber. "Es ist nicht zu leugnen, dass dieses Phänomen existiert“, sagt etwa Renate Motschnig von der Universität Wien. Sie hat 1982 ihr Studium der Informatik an der TU Wien abgeschlossen, war damals als Frau eine Rarität. Heute ist sie selbst Informatikprofessorin, Erfahrungen wie Barbara musste sie nicht machen. Das eine oder andere ist jedoch hängengeblieben: So sei sie bei ihrer ersten Prüfung vom Professor gefragt worden, ob man sie denn nun mit "Frau" oder "Fräulein" ansprechen solle.

"Fraulicher Rechenweg"

Ein anderes Mal soll sie laut Lehrpersonal ihre Prüfung nur bestanden haben, weil sie von ihrem Freund abgeschrieben habe. Als sie dem Professor daraufhin das Beispiel vorrechnete, meinte dieser: "Ach, das waren doch Sie - denn das ist ein komplizierter Rechengang, sehr fraulich." Von ihrem Weg abgebracht haben Motschnig solche Momente allerdings nicht. "Es geht immer auch darum, was man sehen will", erklärt sie.

Differenzieren nötig

Denn natürlich muss man sich in der Diskussion drei Dinge vor Augen halten: Beileibe nicht jeder Mann in der IT-Branche ist sexistisch, nicht jede Frau hat Sexismus erlebt – und nicht jede Frau in der IT-Branche ist talentiert oder für ihr Tätigkeitsfeld geeignet (genauso wenig wie jeder Mann).

foto: ap/risberg
Große Unternehmen fördern aktiv, etwa mit #girlsbuiltthis.

Die Vielzahl an begabten und fähigen Frauen litten jedoch oft unter der sogenannten "Beweislast der Kompetenz“, erklärt Brigitte Ratzer. Sie leitet die Abteilung Genderkompetenz auf der TU Wien und weiß aus langjähriger Erfahrung, dass Frauen (noch mehr als Männer) immer zeigen müssen, dass sie ihre Materie beherrschen.

"Fragen jüngeren Mitarbeiter, weil männlich"

Gesprächspartnerinnen, die anonym bleiben wollen, bestätigen dem WebStandard solche Erfahrungen. Etwa Barbara: "Ich hatte ein Meeting mit einem Kunden – er wusste, dass ich Firmengründerin und Projektleiterin bin, hat aber ständig meinen jüngeren Mitarbeiter gefragt, wenn er technische Details wissen wollte.“

Oder Michaela, die seit zwanzig Jahren in einem "großen IT-Konzern“ arbeitet: "Oft fragen Kunden schon am Beginn der Beratung, ob sie denn nicht mit einem 'richtigen‘ Techniker sprechen können, nur weil ich weiblich bin.“ Obwohl ihr Konzern Frauen in der Technik speziell fördern will, habe sie drei Männer, die teilweise lange nach ihr angefangen hätten, die Karriereleiter hochklettern sehen - den Großteil der Arbeit habe aber Michaela erledigt.

Nerd-Kultur: "Geschlecht egal"

Woran liegt das? Am geringen Frauenanteil von rund 25 Prozent oder an einer bestimmten Kultur? Oder bedingt sich beides gegenseitig? Evelyne Pichler arbeitet seit vielen Jahren in der IT-Branche. Sie sagt: "Unter sogenannten Nerds ist das Geschlecht eigentlich egal - ein Techniker hält sowieso nichts von einem anderen Techniker, solange der nicht bewiesen hat, dass er was kann.“

foto: reuters/galbraith
Nerd-Kultur: Positiv oder negativ für Gleichberechtigung?

Netzaktivisten Mahriah sieht das anders: "Wenn man an einen 'typischen Nerd'" denkt, denkt man an einen weißen Mann - und schließt damit alle anderen aus." Das gelte allerdings auch innerhalb der Nerd-Kultur, was für Diskriminierung sorge.

Auch Brigitte Ratzer von der TU Wien nennt das Nerdtum ein "Phänomen, das der Technik teilweise nicht gut tut.“ Und auch in puncto Start-ups sieht Ratzer einen Nachteil, da hier oft Arbeitszeiten gefordert würden, die weit über die 40-Stunden-Woche hinausgingen. Sieht man Frauen hier in der klassischen Rollenverteilung als potenzielle Mutter, werden schnell Fragen nach Vereinbarkeit aufgeworfen – auch wenn diese für die Betroffene selbst eigentlich keine Rolle spielen.

Gesellschaftliche Rollenbilder

Auch Evelyne Pichler verortet das Problem in gesellschaftlichen Projektionen – Technik und Frauen seien für viele immer noch ein Widerspruch. Das wirke sich dann oft firmenintern oder bei Kundengesprächen direkt aus. Alfred Harl, Obmann des Fachverbands UBIT in der Wirtschaftskammer: "Mädchen müssen weg von der Puppe – oder die Puppe kriegt einen PC dazu." Er findet es "furchtbar", dass man 2014 überhaupt noch über Gleichberechtigung diskutieren müsse. Es bestünde ein "gravierender Aufholbedarf“.

foto: dapd/burdick
Spielzeug soll Mädchen für Technik interessieren.

Schon früh Aufteilung

Tatsächlich entsteht schon früh ein sogenannter Gender-Gap: Während an berufsbildenden Schulen der Frauenanteil meist überwiegt, liegt er bei den technisch-gewerblichen Schulen nur bei 25,6 Prozent.

foto: statistik austria
Der Anteil an Schülerinnen an technischen Lehranstalten wächst nur langsam

Bei IT-spezifischen Ausbildungsrichtungen dürfte er noch weit geringer sein. Auf dem universitären Level setzt sich dieser Trend fort: An der FH Joanneum liegt der Frauenanteil bei der "Angewandten Informatik“ lediglich bei 24 Prozent, ähnlich ist das etwa auf der TU Wien, auf der Uni Wien liegt der Schnitt etwas höher.

Kritik an Regierung

Branchenvertreter Alfred Harl kritisiert hier auch die Bundesregierung: "Im ganzen Regierungsprogramm finden Sie nicht eine einzige Zeile zur Frauenförderung in der IT.“ Und das, obwohl die Branche rund sieben Prozent des BIP ausmache – und dieser Anteil noch wachsen werde. Außerdem fehlten für ihn "Identifikationsfiguren“ und eine für IKT-verantwortliche Person, die diese Themen positiv besetze - "so ähnlich, wie es Sebastian Kurz mit dem Thema Integration geschafft hat". Auch Informatikprofessorin Renate Motschnig stellt fest, dass "in der Informatik die großen Vorbilder für Frauen noch sehr rar sind“.

Netzaktivistin Mahriah weiß aus eigener Erfahrung, dass auch heute nur wenige junge Frauen in der Szene unterwegs sind. Sie sei selbst oft in "männerdominierten Gruppen" aktiv, wo sie Rolle der "Quotenfrau" erfüllen und sich um geschlechtergerechte Sprache und Ähnliches kümmern müsse. Dabei gingen solche Dinge, so Mahriah, alle etwas an.

Förderprogramme: "Gaukeln Illusion vor"

Für mehr Frauen in der Technik sollen zahlreiche Förderprogramme sorgen – wenngleich diese sowohl bei vielen Frauen als auch Männern auf Ablehnung stoßen. Für Mahriah sind sie zwar wichtig, aber "viel zu oft nur gut gemeint". Barbara, die erfolgreiche Unternehmerin, die anonym bleiben möchte, ist etwa strikt gegen spezielle Programme: "Sie gaukeln eine Realität vor, die nicht existiert.“ Außerdem würden Frauen dadurch erst recht ins Scheinwerferlicht gedrängt. Sie selbst habe immer nur "einfach meinen Job machen wollen".

Brigitta Ratzer, die an der TU solche Programme betreut, kann diesen Wunsch „zu hundert Prozent“ nachvollziehen. Allerdings "spielt es das nicht“. Teilnehmer von Workshops, die sich anfangs gewehrt hatten, sprechen laut Ratzer anschließend oft von "sehr wertvollen Erfahrungen“. Außerdem brauche es unter gegebenen Rahmenbedingungen einen Diskriminierungsausgleich.

Vernetzung als Chance

Wichtig sei außerdem, dass sich Frauen vernetzten, um Erfahrungen auszutauschen und Ansprechpartner kennenzulernen. Mahriah weist hier etwa auf Veranstaltungen wie das netzfeministische Bier oder das FemCamp hin, die Freiräume schaffen sollen. Gerade beim FemCamp zeigte sich allerdings, welche Sensibilität von Veranstaltern und Teilnehmern nötig ist, um eine solche Initiative erfolgreich zu betreiben. Denn bei der feministischen Veranstaltung hagelte es auch Kritik, weil einige männliche Teilnehmer ausgeschlossen wurden - ein schmaler Grat für die Initiatoren.

Große Konzerne wollen Diversity

Aber dass mehr Frauen in der Technik wichtig seien, ist unter allen Befragten unbestritten. "Gemischte Teams bringen bessere Leistung", erzählt etwa Informatikprofessorin Motschnig, die das bei ihren Forschungsprojekten aus erster Hand beobachten kann. So ist es auch kein Zufall, dass große IT-Konzerne wie Google oder Facebook sich regelmäßig enttäuscht über ihre eigenen Diversity-Berichte zeigen. Die US-Unternehmen kündigten auch an, massiv in die Erhöhung ihres Frauenanteils (und anderer Minderheiten) zu investieren. Facebooks Statement zum Thema dürfte also auch für Österreich gültig sein: "Wir habe noch viel Arbeit vor uns – sehr viel Arbeit sogar.“ (Fabian Schmid, derStandard.at, 3.8.2014)

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