Mit Zauberstab und Reißbrett

30. Juli 2014, 18:08
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Bernhard Haitink dirigierte Bruckners Fünfte

Salzburg – Mit großer Geste entrollt er die Partitur und macht seinem Publikum die komplexen Strukturen von Bruckners Fünfter anschaulich: Bernhard Haitink am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks hielt im Großen Festspielhaus vor 2200 gespannt lauschenden Zuhörern eine klingende Tonsatz- und Kon trapunktstunde, wie sie erhellender nicht hätte sein können.

Die Sätze der Symphonie Nr. 5 B-Dur von Anton Bruckner sind eng miteinander verzahnt. Über das Streicherpizzicato, sanft schreitend im Adagio und bockig im Scherzo, sind etwa die Binnensätze miteinander verwandt, über die jeweils nur leicht variierten Einleitungs- und Schlusstakte die Introduktion und das Finale.

Bruckner hat seine Symphonie aufgebaut wie einen Thriller. Und Haitink setzte diesen Thriller mit Suspense in Szene. Allein der Beginn! Der sanfte Streichergesang über dem kaum hörbaren Pizzicato der Kontrabässe. Der wild auffahrende Tutti-Akkord, der mit einer Bläserfanfare um die Aufmerksamkeit buhlt. Das bewegte Streichermotiv, das ebenfalls im Aufruhr mündet: Sie alle wurden von Haitink als Nebenfiguren farbenreich gestaltet und vorausgeschickt. Bis sich die Hauptfiguren hören und blicken ließen, um sich ihrerseits rasch wieder zurückzuziehen. Ihre mitreißende Spannung gewann die Interpretation gerade aus dieser Zurückhaltung: Selbst die effektvollen Crescendi verklangen mit der Verheißung, dass die Kraftreserven des fulminanten Orchesters noch lange nicht ausgeschöpft sind.

Im monumentalen Schluss-Satz enthielt die pädagogisch vorbildliche Anschaulichkeit eine Spur Kopflastigkeit: Fast kleinkrämerisch wurden die wiederkehrenden Themen auseinandergeklaubt und aneinandergereiht – bis Haitink den spitzen Bleistift des Analytikers wieder beiseitelegte. Der Gipfelsturm im Finale wird in Erinnerung bleiben. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD, 31.7.2014)

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