Weltrekord in mütterlicher Geduld

31. Juli 2014, 10:47
39 Postings

Forscher beobachteten bei Tauchexpeditionen ein Krakenweibchen, das viereinhalb Jahre lang brütete

Monterey - US-Forscher berichten im Fachmagazin "PLOS ONE" von der längsten jemals beobachteten Brutpflege im gesamten Tierreich: Ein Weibchen der Tiefseekrakenart Graneledone boreopacifica kümmerte sich nicht weniger als viereinhalb Jahre lang um ein- und dasselbe Gelege.

Die Forscher um Bruce Robison vom Monterey Bay Forschungsinstitut hatten das Tier im Frühjahr 2007 mit einem ferngesteuerten Tauchroboter in etwa 1.400 Metern Tiefe vor der kalifornischen Küste entdeckt. Beim nächsten Tauchgang einen Monat später war das Weibchen immer noch da und bewachte seinen Klumpen mit olivengroßen Eiern.

Es sollte ein Langzeitprojekt werden - sowohl für das Krakenweibchen als auch für die Forscher. Insgesamt 18 Tauchgänge wurden binnen viereinhalb Jahren durchgeführt. Das brütende Weibchen war an charakteristischen Narben stets als dasselbe zu erkennen.

Der Preis der Fürsorge

Dieser Zeitraum umfasst nicht nur einen beträchtlichen Teil der gesamten Lebensspanne des Tiers. Er ist auch noch aus einem anderen Grund bemerkenswert: Kraken nehmen während der einzigen Brut ihres Lebens fast keine Nahrung mehr zu sich und verausgaben sich in der Brutpflege völlig.

Das beobachtete Tier wurde zusehends dünner und bleicher, vom Gelege entfernte es sich nie. Selbst wenn ein Krebs ganz nah an ihm vorbeizog, interessierte es sich offenbar nicht für die leichte Beute. Stattdessen fächelte das Weibchen seinen Eiern immer wieder frisches Wasser zu und vertrieb potenzielle Feinde.

Zuletzt war das Weibchen im September 2011 zu sehen, im Monat darauf war es verschwunden - und vermutlich längst tot. Anhand der leeren Eikapseln schlossen die Forscher auf etwa 160 geschlüpfte Jungkraken.

Rekord

Noch nie zuvor sei ein Tier beobachtet worden, das seine Eier so lange bebrütet, schreiben Robison und seine Kollegen - die bisher längste bekannte Brutzeit eines Kraken lag bei 14 Monaten. Die ausgedehnte Brutperiode komme wahrscheinlich durch zwei Faktoren zustande: Die niedrige Temperatur in der Tiefsee verlangsame die Entwicklung der Eier. Zudem hätten Jungtiere bessere Überlebenschancen, wenn sie beim Schlüpfen bereits weit entwickelt seien.
(jdo/APA, DER STANDARD, 31. 7. 2014)

  • Dieses Krakenweibchen harrte lange genug bei seinen Eiern aus, dass es sich eine Einzeichnung auf Seekarten verdient hätte.
    foto: mbari

    Dieses Krakenweibchen harrte lange genug bei seinen Eiern aus, dass es sich eine Einzeichnung auf Seekarten verdient hätte.

Share if you care.