Rehm verzichtet auf rechtliche Schritte

31. Juli 2014, 09:26
33 Postings

Der mit Prothese springende deutsche Weitsprungmeister darf nicht zur EM - Divergierende Reaktionen

Frankfurt am Main - Der unterschenkelamputierte Weitspringer Markus Rehm wird wegen seiner Nichtnominierung für die Leichtathletik-Europameisterschaften in Zürich (12. bis 17. August) keine rechtlichen Schritte einleiten. "Das Thema ist für mich durch", sagte der 25-Jährige im ARD-Morgenmagazin: "Ich werde nicht weiter für Verwirrung sorgen und fair bleiben. Ich habe Respekt vor den anderen Sportlern."

Kritik übte Rehm an der Tatsache, dass der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) das Thema nicht schon vor den deutschen Meisterschaften am vergangenen Wochenende in Ulm abschließend geklärt habe. "Da wurde es vielleicht nicht ganz so ernst genommen", sagte Rehm im Morgenmagazin.

Kontroverse Diskussionen

Rehm, Paralympics-Sieger von 2012, hatte am vergangenen Wochenende in Ulm Geschichte geschrieben und als erster Springer mit Handicap den deutschen Meistertitel bei den Nicht-Behinderten gewonnen. Im Vorfeld der Nominierung hatte es um eine Teilnahme Rehms kontroverse Diskussionen gegeben.

Rehm springt mit seiner Karbon-Prothese am rechten Bein ab. Das hat in der Leichtathletik-Szene für eine hitzige Debatte darüber gesorgt, ob er dadurch einen unerlaubten Vorteil gegenüber den anderen Springern hat. Biomechaniker hatten während der deutschen Meisterschaften Daten erhoben, um diese Frage zu klären. In den Internationalen-Wettkampfregularien heißt es unter Regel 144, Absatz 2c, dass "der Gebrauch von Technologien oder Geräten, die dem Nutzer einen Vorteil gewähren, den er bei regelgerechter Ausrüstung nicht hätte", nicht erlaubt ist.

Rehm hatte in Ulm seinen paralympischen Weltrekord um 29 Zentimeter auf 8,24 m gesteigert. Damit überbot er die vom DLV geforderte EM-Norm von 8,05 m deutlich - nur vier Athleten in Europa sind in diesem Jahr überhaupt weiter gesprungen.

Verständnis für Entscheidung

Professor Eckhard Meinberg, Sportethik-Experte der Deutschen Sporthochschule Köln, hält die Nicht-Nominierung Rehms für richtig. "Für den Sport ist die Entscheidung nur zu begrüßen, weil das Fairnessprinzip im Wettkampfsport höher zu bewerten ist als das Inklusionsprinzip", sagte Meinberg.

Durch den Einsatz technischer Hilfsmittel werde der Fairnessgedanke verfälscht. "Rehm hat dank technischer Hilfsmittel sein Naturleid um ein technisches Kunstprodukt ergänzt. So besteht keine Chancengleichheit", sagte Meinberg.

Kritik

Professor Gert-Peter Brüggemann vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Deutschen Sporthochschule Köln hat die Entscheidung des DLV hingegen scharf kritisiert. "Mit dieser Studie kann ein Vorteil nicht seriös nachgewiesen worden sein", sagte Brüggemann: "Ich finde es nicht gut, wenn solche Entscheidungen auf Spekulationen beruhen. Damit wird man behinderten Sportlern nicht gerecht."

"Wir wissen nichts über die Prothese", sagte Brüggemann und forderte eine tiefgreifendere biomechanische Analyse: "Wir brauchen eine verlässliche Studie, wie sich Prothesen auswirken."

Der renommierte Wissenschaftler räumt einem möglichen Einspruch gegen die Nicht-Nominierung große Chancen ein. "Ich bin bei der aktuellen Datenlage fest davon überzeugt, dass ein Protest vor dem Internationalen Sportgerichtshof gute Aussichten hätte", sagte Brüggemann.

Lösungsvorschlag

Diskus-Weltmeister Robert Harting schlug dem Leverkusener vor, nicht mehr mit seiner Karbon-Prothese abzuspringen. "Ich wäre für eine einfache Lösung, um die Diskussion zu beenden, ob er durch eine Prothese einen Vorteil hat. Er hat ja ein gesundes Bein. Wenn er mit dem abspringen würde, könnte er alle Zweifel ausräumen", sagte Harting der Sport Bild. (APA/sid/red, 30.7.2014)

  • Deutschlands Meister im Weitsprung, Markus Rehm, wurde nicht für die EM in Zürich nominiert.
    foto: epa/gerry penny

    Deutschlands Meister im Weitsprung, Markus Rehm, wurde nicht für die EM in Zürich nominiert.

Share if you care.