Österreich soll Millionen Euro Lösegeld an Al-Kaida gezahlt haben

30. Juli 2014, 14:19
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Für Befreiung eines Salzburger Ehepaars 2008 - Auch in Fällen 2003 und 2013 könnte Lösegeld geflossen sein - Außenministerium dementiert

Österreich soll für ein in der Sahara entführtes Ehepaar aus Salzburg 3,2 Millionen US-Dollar, damals umgerechnet zwei Millionen Euro, bezahlt haben. Das berichtet die "New York Times" am Mittwoch unter Berufung auf den an der Vermittlung beteiligten malischen Abgeordneten Ibrahim Ag Assaleh.

Das Ehepaar wurde im Februar 2008 im tunesisch-algerischen Grenzgebiet von Anhängern der Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) gekidnappt und in den Norden Malis verschleppt. Nach mehr als 250 Tagen und zähen Verhandlungen wurden der Mann und die Frau Ende Oktober freigelassen.

Obwohl die meisten Regierungen bestreiten, Lösegelder für die Freilassung von Geiseln gezahlt zu haben, sollen so seit 2008 mehr als 90 Millionen Euro an Al-Kaida geflossen sein. Nach Angaben der Zeitung sind Entführungen damit zur Haupteinnahmequelle der Terrorgruppe geworden.

Lösegeld, das an Al-Kaida oder Al-Kaida nahestehende Organisationen gezahlt wurde:

JahrBetrag in €Bezahlt vonHerkunft der Geiseln
2010-1330 MillionenFranzösisches StaatsunternehmenFrankreich (4)
2012-1315 MillionenKatar und OmanFinnland (2), Österreich und Schweiz (je 1)
2010-1112,5 MillionenFranzösisches StaatsunternehmenFrankreich (1), Togo (1), Madagaskar (1)
20098 MillionenSchweizSchweiz (2), Deutschland (1)
2011-128 MillionenunklarSpanien (2), Italien (1)
20117 MillionenunklarFrankreich (3)
2011-133,8 MillionenSpanienSpanien (2)
2009-103,8 MillionenSpanienSpanien (3)
20082 MillionenÖsterreichÖsterreich (2)
2008-9700.000unklarKanada (2)
Quelle: New York Times, Darstellung: derStandard.at
Hinweis: Zahlen wurden nicht inflationsbereinigt; falls sie in Dollar gezahlt wurden, wurde der damals aktuelle Wechselkurs verwendet.

Auch bei zwei anderen Entführungen könnte die österreichische Regierung laut "New York Times" an Lösegeldzahlungen beteiligt gewesen sein: Im Jahr 2003 wurden acht Salzburger und zwei Tiroler sowie sechs Deutsche und ein Schwede in der algerischen Wüste verschleppt. Die Geiselnehmer gehörten der Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) an, einer Vorläuferorganisation der Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI). Als eine deutsche Geisel an Dehydrierung starb, sollen die einzelnen Regierungen überlegt haben, Lösegeld zu bezahlen.

"Wir wollten das Lösegeld nicht bezahlen, aber wir können unsere Leute nicht verlieren", sagte ein damals in Algerien stationierter europäischer Botschafter laut "New York Times".

Auch den Fall des Wieners Dominik N., der im Dezember 2012 im Jemen entführt und nach mehr als vier Monaten Gefangenschaft freigelassen wurde, listet die Zeitung unter jene Geiselnahmen, für die Lösegeld bezahlt wurde. Insgesamt sollen der Oman und Katar 20 Millionen Dollar (15 Millionen Euro) für Dominik N., zwei Finnen und einen Schweizer an die radikalislamische Al-Shabaab-Miliz, einen regionalen Ableger der Al-Kaida, bezahlt haben - nach Angaben der "New York Times" im Auftrag der europäischen Staaten.

Außenministerium dementiert

Das Außenministerium bestreitet auf Anfrage von derStandard.at in allen drei Fällen, dass von österreichischer Seite Lösegeld geflossen sei. "Wir haben kein Lösegeld bezahlt und werden auch niemals Lösegeld bezahlen", sagte Ministeriumssprecher Martin Weiss am Mittwoch. Die österreichische Regierung habe auch nicht andere gebeten, "Lösegeld in unserem Namen zu bezahlen", so Weiss im Hinblick auf den Fall Dominik N.

Die USA und Großbritannien scheinen für Geiseln tatsächlich nicht zahlen zu wollen: Als im Jahr 2009 ein Brite, eine Deutsche und ein Schweizer Ehepaar verschleppt worden waren und die britische Regierung während der Verhandlungen stets betonte, kein Lösegeld zu bezahlen, töteten die Entführer den Briten. Nach Angaben eines Schweizer Verhandlers sollen wenig später acht Millionen US-Dollar an Lösegeld für die übrigen Geiseln bezahlt worden sein.

Mittlerweile wüssten die Extremisten, welche Regierungen bereit seien, für ihre Staatsbürger zu bezahlen und welche nicht, und würden mögliche Opfer zum Teil anhand ihrer Nationalität entführen. Nur fünf Prozent der in den letzten fünf Jahren von Al-Kaida entführten Opfer stammten aus den USA. (maa, derStandard.at, 30.7.2014)

  • Algerische Armeefahrzeuge in der Nähe von Ain Amenas, wo es im Jänner 2013 zu einer Geiselnahme kam.
    foto: ap/belgouhl

    Algerische Armeefahrzeuge in der Nähe von Ain Amenas, wo es im Jänner 2013 zu einer Geiselnahme kam.

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