Der lehrreiche Geruch der Angst

29. Juli 2014, 18:50
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Forscher entdecken bei Ratten, wie Mütter ihren Neugeborenen durch einen Duft einprägen, wovor sie sich fürchten sollen. Das könnte Traumapatienten helfen

Ann Arbour / Wien - Es gibt ein Phänomen, das Psychiater seit Generationen beschäftigt und nach wie vor Rätsel aufgibt: Wie kann es sein, dass eine traumatische Erfahrung der Mutter das Leben ihrer Kinder beeinflusst, obwohl diese Erfahrung lange vor der Geburt der Babys passierte?

Einer, den diese Frage umtreibt, ist der Psychiater und Neurologe Jacek Debiec von der Uni Michigan in Ann Arbour. Debiec stammt aus Polen und hat auch mit Kindern von Shoah-Überlebenden gearbeitet, die Albträume und Flashbacks hatten, die mit traumatischen Ereignissen in Verbindung standen - ohne selbst diese Erfahrungen gemacht zu haben.

Debiec vermutete, dass da mehr dahintersteckt als die Erzählungen der Eltern. Nun dürfte er nach Experimenten mit Ratten dieser Traumavermittlung ein Stück näher gekommen sein: Debiec und sein Team konnten nämlich zeigen, wie Rattenmütter ihren Neugeborenen, die zu eigenen Erfahrungen noch gar nicht fähig sind, mittels Geruchs wichtige Angstlektionen beibringen, die sie ein Leben lang im Gehirn abspeichern.

Für ihre Untersuchung im Fachmagazin "PNAS" setzten die Forscher einige weibliche Ratten vor ihrer Schwangerschaft Pfefferminzduft aus und versetzten ihnen zugleich schwache Elektroschocks. Nachdem die Ratten ihren Nachwuchs geboren hatten, setzten sie die Mütter abermals dem Duft von Pfefferminze aus - diesmal allerdings ohne die leichten Schocks. Dasselbe passierte mit einer Kontrollgruppe von Rattenmüttern, die Pfefferminzduft aber nicht mit Angst assoziierten.

Pfefferminztrauma

Dabei wurde klar, dass nur die Ratten mit dem Pfefferminztrauma ihre Angst durch einen bestimmten "Gefahrengeruch" an die Babys weitergaben, die später ebenfalls Pfefferminz-Angstreaktionen zeigten. Es machte auch keinen Unterschied, ob die Mütter selbst im Nest waren: Auch jene Rattenbabys, die bloß dem Gefahrengeruch ausgesetzt waren, prägten sich die Pfefferminzangst ein.

Die Forscher gaben sich damit noch nicht zufrieden, sondern wollten wissen, wo im Hirn der Babys die Gefahrenlektion abgespeichert wurde. Scans zeigten, dass diese frühe Form des Angstlernens im lateralen Teil der sogenannten Amygdala stattfindet, die auch beim Menschen an der Entstehung der Angst beteiligt ist.

Tatsächlich konnten Debiec und sein Team das "Angstlernen" der Rattenbabys unterdrücken, wenn sie ihnen eine Substanz verabreichten, die Aktivitäten in der Amygdala blockiert. Die Forscher hoffen, durch ähnliche Interventionen womöglich auch bei Menschen die Übertragung von Traumata verhindern zu können. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 30.7.2014)

  • Wenn sich Rattenmütter vor einer Gefahr fürchten, erteilen sie ihren neugeborenen Babys eine Duftlektion fürs Leben.
    foto: apa/hirschberger

    Wenn sich Rattenmütter vor einer Gefahr fürchten, erteilen sie ihren neugeborenen Babys eine Duftlektion fürs Leben.

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