Boden gutmachen: Die Geschichte des roten Teppichs

31. Juli 2014, 17:26
3 Postings

Sommerzeit ist Festspielzeit. Wenn hierzulande die roten Teppiche ausgerollt werden, dann in diesen Tagen. Wir fotografierten in Salzburg Mode und Accessoires für besondere Abende und erzählen die Geschichte der roten Bodenrobe

Jennifer Lawrence lachte und winkte wie wild. Gerade war die Schauspielerin aus ihrer Limousine gestiegen und freute sich auf die Oscar-Verleihung 2014. Da blieb sie an etwas hängen. Schon taumelte die Amerikanerin und landete auf ihren Knien. Ihr langes Kleid war fast so rot wie der Teppich.

Normalerweise denken die Größen der Filmwelt in Hollywood ans Posen und Stolzieren, nicht ans Stolpern. Der Sturz der Schönen war trotzdem eines der Bilder des Abends. Ihr Lachen, als sie sich aufrappelte, war Teil davon. Der rote Teppich gehört zur Welt der Stars, Staatsoberhäupter und selbsternannten Wichtigen. Wer drübergeht, muss etwas Besonderes sein.

Das dachte auch König Agamemnon, der laut Geschichtsschreibung etwa 1.100 Jahre vor Christi Geburt als Triumphator von Troja nach Hause kam. Seine Frau hatte ihm auf dem Weg zum Palast einen roten Teppich auslegen lassen. Gerade in seinem Heim angekommen, bringt ihn sein Weib gemeinsam mit ihrem Liebhaber um. Es war dies der erste rote Teppich, den die Historiker bei ihrer ausgedehnten Suche nach den Anfängen des festlichen Flors gefunden haben.

Purpurschnecken

Ein paar hundert Jahre später blühte bei den Phöniziern am Mittelmeer das Geschäft mit der dunkelroten Farbe. Für den Rotton Purpur sammelten die Küstenbewohner kleine Purpurschnecken. Aus dem Sekret des Meerestieres kochten die Phönizier einen besonderen Sud, zusammen mit Salzwasser und Urin. Die übel riechende Prozedur brachte den Mächtigen der Welt die Farbe der Wichtigkeit: dunkelstes Purpur.

Aus etwa 10.000 Schnecken gewannen die Arbeiter ein einziges Gramm des Farbtones. Kaiser, Könige und Kirchenfürsten kleideten sich in edelste purpurne Gewänder. Zu ihren Füßen lagen Teppiche im selben Kolorit. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der rote Teppich ein Symbol von Status. Wenn irgendetwas als bedeutend gelten soll, wird der Rote ausgelegt. Zu Heiligenverehrungen, Hochzeiten, Festivaleröffnungen oder zum Staatsbesuch von hohen Tieren - stets liegt der rote Flor zu Füßen. Selbst vor so manchem angesagten Club liegt so ein Textil.

foto: apa/epa/buck
Jennifer Lawrence anlässlich der Oscarverleihung am 2. März kurz nach ihrem Stolperer auf dem roten Teppich.

Spektakel in Farbe

Wie großartig haben sich wohl die Passagiere des Expresszuges zwischen New York und Chicago gefühlt. Mit Taschen und Koffern schritten sie ab 1902 zu ihren Abteilen über einen roten Teppich, der so lang war wie der gesamte Bahnsteig. Dieses Schauspiel ließ sich der findige Alfred Hitchcock 1959 nicht entgehen. In "Der unsichtbare Dritte" versucht Cary Grant vergeblich, eine Schlafwagenkarte zu ergattern, und schummelt sich an der Bahnsteigsperre vorbei auf den roten Teppich, um kurz danach einen Wagen des Superzuges Richtung Chicago zu erreichen.

Natürlich flanierte die Creme des Filmgeschäftes seit der ersten Verleihung der Academy Awards 1929 über Teppiche. Richtig bedeutend wurde das Rot unter den Sohlen von High Heels und handgenähten Männerschuhen aber erst, als in den 1960er-Jahren das Fernsehen seine Kameras einschaltete und das Spektakel in Farbe übertrug.

Chemie löste die Natur ab

Der heutige Glamourbelag in Los Angeles ist 152 Meter lang und 1530 Quadratmeter groß. Die Regie für diese textile Hauptrolle hat seit Jahren die American Turf and Carpet Company übernommen. In einer Fabrik in Dalton im Bundesstaat Georgia entsteht aus filigranen Nylonfäden ein Flor, der die Auftritte der Akteure aushalten muss.

Längst müssen keine Schnecken mehr für den Bodenschmuck sterben. Die Chemie hat die Natur abgelöst, und wenn die grellen Scheinwerfer der TV-Stationen den Boden beleuchten, verwandelt sich ein schönes Rot schon auch einmal in ein schlichtes Orange. Deshalb ist der rote Teppich auf den großen Events dieser Welt meist cayennefarben. Aber was macht das schon? Cayenne ist ja noch fast rot.

Manche Filmfestivals und Filmpremieren mögen es überhaupt bunter. Die indische Filmakademie lässt für ihre Preise einen grünen Teppich auslegen, um auf die bedrohte Umwelt hinzuweisen. Genauso grün ist der Belag auf dem Moskauer Internationalen Filmfestival. Dort sorgt der russische Sponsor Megafon für den grasigen Teppich.

Auf dem Weg zur Premiere der Eisernen Lady mit Meryl Streep standen die Schauspieler vor drei Jahren auf blauem Grund, der Farbe der englischen Konservativen.

foto: apa/epa/maran
Blau statt rot: Meryl Streep anlässlich der Premiere von "The Iron Lady".

Als Homer und Bart Simpson in London menschengroß für ihren Streifen warben, wandelten sie natürlich, wie konnte es anders sein, über einen gelben Teppich.

Fünf Kilometer lang

Nicht nur ein roter Teppich, der bis an die Ringstraße reicht, sondern gleich ein riesiger roter Tempel schmückt den Eingang zum Opernball in der Wiener Staatsoper. Das Entree erstrahlt in hellem Rot, einer Farbe, die bei der Firma Inku aus Wiener Neustadt unter der Zahlenkombination 3032 gehandelt wird. Inku liefert den "strapazierfähigen" Boden für die Sause. Die Marke Podium ist ein "Nadelfilzteppich aus 100 Prozent Propylen mit einem Latexrücken". Insgesamt 600 Quadratmeter liegen mit Doppelklebeband festgepickt vor dem Eingang zum Ball des Jahres.

Nicht ganz so ausladend, aber nicht weniger pompös ist der Premierenläufer bei den Salzburger Festspielen. Die prominenten und weniger prominenten Gäste gehen zum Auftakt des weltbekannten Kulturfestivals über einen schwer brennbaren Messeteppich 4Expo-Vel, geliefert von der Wiener Firma Tüchler Bühnen- & Textiltechnik. Die rote Matte ist genau 3,2 Millimeter dick und nicht ganz einfach zu verlegen. Nach dem Abrollen, warnen die Wiener Textilexperten, beginne der Teppich "für zwölf Stunden leicht zu schrumpfen". Kleinere Wellen allerdings "spannen sich selbsttätig aus". Natürlich listen die Bestleistungsbücher der Welt auch den längsten Roten auf.

Rekordteppich

Am 3. November 2013 leuchtete zum 15. Geburtstag eines Einkaufszentrums im Herzen von Gera ein knallroter Läufer dem Eingang entgegen, genau 5354 Meter und 61 Zentimeter lang. Mit geeichten Zahlrädern gemessen, wie einer der Organisatoren versicherte. Der Rekord war eine Stückelei. Aus Frankreich transportierten riesige Lastkraftwagen 120 Rollen zu je 50 Meter Plüschbelag in die thüringische Stadt.

Dagegen war das Ding zur Weltpremiere von "Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2" im Juli 2011 eine Mini-Ausgabe. Über 455 Meter, vom Trafalgar Square zum Leicester Square, stolzierten nicht nur Daniel Radcliffe und Emma Watson über den längsten roten Teppich, den es je bei einer Filmvorstellung gegeben hat.

foto: reuters/toby melville
Emma Watson in London, anlässlich der Weltpremiere von Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2.

Die Internationalen Filmfestspiele in Berlin halten nicht viel vom Saubermachen. Staubsauger und Schrubber brauchen die Teppichbeauftragten dort nicht. Bei dem "ganzen Schnee und Regen im Februar", gibt Milena Sage vom Messebauer Minuth zu, sei es "schier unmöglich", ihn zu putzen. Deshalb fliegt während der Berlinale ein- bis zweimal der alte einfach raus, und ein neuer schmückt die Straße, bis zum nächsten Schauer.

Der Teppich wird selbst zur Trophäe. Immer wieder bieten auf den Auktionsplattformen im Internet Menschen rote Teppiche aus Hollywood an. Meist stellt sich heraus, die Dinger stammen wohl eher aus dem nächsten Teppichladen. Woher der angebliche Berlinale-Teppich, der vor Jahren auf einer Ebay-Seite stand, wirklich stammt, ist bis heute nicht geklärt.

Ja kein Regen

Der schlimmste Feind des feinen Auftritts ist der Regen. Im März 2014 schüttete es in Los Angeles tagelang. Noch kurz bevor sich die Stars und Sternchen auf dem 152 Meter langen Teppich präsentieren wollten, war das Ding klitschnass. Dutzende Arbeiter versuchten, den roten Teppich vor dem prasselnden Regen zu schützen. Selbst die Plastikplane versagte. "Das war schon eine Aufgabe, so viel Wasser in so kurzer Zeit", sagte Joe Lewis vom Organisationskomitee. Es gebe nichts, was solchen Regen perfekt abweisen kann. Lewis weiß, der rote Teppich ist immer der erste Eindruck, wenn die Leute aus dem Auto steigen. "Und mein Gott, das muss ein guter sein", sagt der Organisator.

Nicht nur die Amerikaner haben Probleme mit dem peitschenden Regen. Als 2002 am Londoner Leicester Square alles für die britischen Academy Film Awards bereit war, zogen dunkle Wolken auf. Dann schüttete es wie aus Kübeln. Der schöne Teppich verwandelte sich binnen weniger Minuten in eine Schaumlandschaft.

Der Vorleger für die Vornehmen ist keinesfalls ein Ökoprodukt. Weil die Veranstalter auf alles gefasst sein müssen, steckt in den Flusen des flauschigen Teppichs allerhand Chemie, damit der Filmvorleger nicht flugs in Flammen aufgeht. Offenbar reagierte der künstliche Flammschutz mit dem Regenwasser und brachte den Belag zum Brodeln. Das hätte sich ein Regisseur nicht besser ausdenken können, nur Kate Winslet und Judi Dench mochten darüber weniger lachen. Die sauteuren Schuhe der beiden Damen waren nach dem kurzen Flanieren auf dem roten Teppich im Eimer. (Oliver Zelt, Rondo, DER STANDARD, 1.8.2014)

  • Hose von Massimo Alba, Schuhe von Jil Sander.
    foto: magdalena lepka

    Hose von Massimo Alba, Schuhe von Jil Sander.

  • Bluse und Armband von Bradaric Ohmae.
    foto: magdalena lepka

    Bluse und Armband von Bradaric Ohmae.

  • Anzug von Vivienne Westwood, Tuch Hermès.
    foto: magdalena lepka

    Anzug von Vivienne Westwood, Tuch Hermès.

  • Kleid und Schal von Prada.
    foto: magdalena lepka

    Kleid und Schal von Prada.

  • Krawatten von Hermès.
Styling: Julia ClassenProduktion: Likeness
    foto: magdalena lepka

    Krawatten von Hermès.

    Styling: Julia Classen
    Produktion: Likeness

Share if you care.