Es geht auch ohne Militär

31. Juli 2014, 00:01
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Mehr als 20 Länder weltweit investieren nicht in ein stehendes Heer. Ein Blick auf ihre derzeitige Lage und die Motivation hinter ihrer Demilitarisierung

In Zeiten von Wirtschaftskrisen und Sparprogrammen versuchen Regierungen weltweit in den unterschiedlichsten Bereichen den Rotstift anzusetzen. Beim Militärbudget wird selten gekürzt – nach Angaben des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) sind die Militärausgaben in Europa 2013 um 1,8 Prozentpunkte gestiegen.

Während die USA 640 Milliarden Dollar für Rüstung ausgeben, investiert zum Beispiel Costa Rica gar nicht in diesen Bereich.

Aber zahlt sich ein starkes Militär überhaupt aus, wenn man sich nicht gerade mit dem Nachbarland in einem dauerhaften Kriegszustand befindet?

Mehr als 20 Länder weltweit investieren nicht in ein stehendes Heer, also ein dauernd unter Waffen stehendes und immer einsatzbereites Militär. Man muss diese Staaten zunächst aber in drei Gruppen unterteilen: jene, die kein stehendes Heer, aber reduzierte Streitkräfte zum eigenen Schutz unterhalten; jene, die sich bezüglich ihrer militärischen Verteidigung von anderen Ländern abhängig machen; und jene, die gänzlich auf militärische Unterstützung verzichten.

Zu Ersteren gehören Island, Haiti, Monaco, Mauritius, Panama und die Pazifikinsel Vanuatu. Sie alle verzichten auf ein stehendes Heer, haben aber Sicherheitskräfte beziehungsweise paramilitärische Einheiten im Einsatz, die vereinzelt Aufgaben übernehmen, die in anderen Ländern im Normalfall das Militär innehat.

Das NATO-Mitglied Island hat beispielsweise eine Friedenssicherungstruppe und ein Luftabwehrsystem, ist also nicht komplett militärfrei. Mauritius betreibt weiterhin eine Küstenwache sowie eine mobile Sondereinheit, während Monaco eine kleine Militäreinheit zum Schutz des Fürsten im Einsatz hat.

foto: epa/remko de waal
Die Sicherheit von Fürst Albert II. ist Monaco eine eigene Einsatztruppe wert.

Abhängig von Nachbarstaaten

Zur Gruppe jener Länder, die nicht in ein eigenes Militär investieren, da Nachbarstaaten sie im "Notfall" unterstützen, gehört zum Beispiel Andorra, wo das französische und das spanische Heer für die Verteidigung zuständig sind.

In der Region Ozeanien wird der Inselstaat Nauru von australischen Truppen und Samoa von neuseeländischen Truppen unterstützt, sowie Kiribati vom Militär beider Staaten.

Die Verteidigung der Marshallinseln, Mikronesiens und Palaus übernehmen offiziell die USA und die des Vatikan übernimmt Italien. Die karibischen Inselstaaten Grenada, St. Lucia sowie St. Vincent und die Grenadinen betreiben gemeinsam ein regionales Sicherheitssystem, das deren militärische Sicherheit garantieren soll.

Komplett ohne ein Militär – auch ohne eines ihrer Nachbarstaaten – kommen Costa Rica, Liechtenstein, die Salomonen und Tuvalu aus.

Glückliches, entmilitarisiertes Costa Rica

Nach dem blutigen Bürgerkrieg 1948 mit tausenden Toten gab der damalige Präsident Costa Ricas, José Figueres Ferrer, bekannt, dass das Land nun vollständig auf sein Militär verzichten wolle - 1949 wurde in der Verfassung das Verbot eines stehendes Heeres verankert. Das Militärbudget wanderte daraufhin in die Bereiche Gesundheit und Bildung.

Im Jahr 1987 hielt der damalige costa-ricanische Präsident Oscar Arias eine Rede vor dem US-Kongress: "Ich komme aus einem kleinen Land, das keine Angst davor hatte, sein Militär aufzugeben, um an Stärke zu gewinnen ... Heute bedrohen wir niemanden, weder die eigene Bevölkerung noch unsere Nachbarstaaten. Und zwar nicht, weil wir keine Panzer haben, sondern weil nur sehr wenige (in Costa Rica) hungrig, ungebildet oder arbeitslos sind." Zwei Monate später erhielt Arias den Friedensnobelpreis für seine Friedensbemühungen in Mittelamerika.

In den 65 Jahren ohne Militär kam es in Costa Rica - anders als in anderen Staaten der Region - zu keinem Staatsstreich. Die Tatsache, dass das Land über keine Streitkräfte verfügt, eignet sich auch immer wieder gut dafür, feindlich gesinnte Regierungen zu diskreditieren: "Ich möchte die Herren im Norden daran erinnern, dass nur Feiglinge die Wehrlosen angreifen", sagte Costa Ricas Präsidentin Laura Chinchilla im Jahr 2010 in Anbetracht neuer Grenzstreitigkeiten mit dem Nachbarland Nicaragua.

foto: reuters/oswaldo rivas
Streitkräfte Nicaraguas, Nachbarland des "wehrlosen" Costa Rica.

In Costa Rica befinden sich der Sitz des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte und die UN-Friedensuniversität. Immer wieder wird in diesem Kontext auch auf den ersten Platz Costa Ricas im "Happy Planet Index" verwiesen, für den die einzelnen Länder anhand der Zufriedenheit der Bevölkerung, ihrer Lebenserwartung und des "ökologischen Fußabdrucks" beurteilt werden. Dass die Zufriedenheit im Land mit der Demilitarisierung zusammenhängt, ist möglich, bleibt aber offen. (Noura Maan, derStandard.at, 30.7.2014)

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