"Der Austrianer will attraktiven Fußball sehen"

Interview29. Juli 2014, 11:39
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Markus Kraetschmer gilt als Sanierer der Wiener Austria. Im ballesterer-Interview erklärt er, warum die Bundesliga ihren schlechten Ruf bald los sein könnte, welche Interessen die Austria mit Hartberg teilt und wie er den anspruchsvollsten Fan bei Regen und Sonnenschein nach Wien-Favoriten locken will

Markus Kraetschmer war schon vor Frank Stronach bei der Austria, nach dessen Abgang musste er den Finanzbereich ohne die Millionen des Mäzens in den Griff bekommen. Die Neuausrichtung des Vereins gilt heute als Erfolgsmodell. Beim Gespräch in der Austria-Geschäftsstelle fällt immer wieder ein Begriff: Infrastruktur. Nur damit lasse sich nachhaltiger Erfolg planen. Dieser Linie blieb die Austria auch nach der Champions-League-Teilnahme im Vorjahr treu, die Gewinne werden nicht in neue Spieler, sondern in die Aufstockung des Stadions auf 17.000 Plätze investiert.

ballesterer: Wo steht die österreichische Bundesliga momentan?

Markus Kraetschmer: Die sportliche Performance hat sich im internationalen Vergleich zuletzt deutlich verbessert. Das zeigt das Klubranking der UEFA, wo sich die Erfolge der Austria mit dem Einzug in die Champions League, aber auch die von Red Bull Salzburg und Rapid in der Europa League niederschlagen. Das zweite ist, dass wir immer mehr Legionäre produzieren, die in wichtigen Ligen eine Rolle spielen. Bei der Aufsichtsratsklausur der Liga im Jänner haben wir uns ein klares Konzept verpasst, das neben dem sportlichen Aspekt auch die Themen wirtschaftliche Gebarung und Infrastruktur verfolgt. Beim Thema Infrastruktur sehen wir den größten Aufholbedarf.

Beispiel Grödig – sie haben sich sportlich zu Recht für den Europacup qualifiziert, sehen jetzt aber ganz brutal, dass die UEFA sie nicht einmal die Qualifikation im eigenen Stadion spielen lässt. Daher haben wir eine Infrastrukturoffensive für die kommenden fünf Jahre beschlossen.

Was sind da die Kernpunkte?

Kraetschmer: Mich freut besonders, dass wir ab 2016/17 die verpflichtende Rasenheizung haben. Das wollte man immer wieder aufweichen, aber wir sind hart geblieben. Die Rasenheizung ist ein Garant für Wettbewerbsgleichheit. Wir haben mit Martin Pucher von Mattersburg, der stolz darauf ist, dass noch nie ein Spiel abgesagt werden musste, oft darüber gesprochen. Das stimmt, aber es hat Spiele gegeben, die irregulär waren, weil der Boden gefroren war.

Die Rasenheizung alleine macht das Stadion in Grödig aber noch nicht europacuptauglich. Was ist noch geplant?

Das klingt in der ersten Phase nicht sehr sexy, aber wir haben aufgearbeitet, welche Mindestbedingungen für die oberste und die zweithöchste Liga zu erfüllen sind. Was jeder einzelne Klub daraus macht, hängt an den jeweiligen Strategien und den wirtschaftlichen Möglichkeiten. Wir haben in Österreich dort ein spezielles Problem, wo die Kommunen noch die Stadioneigentümer sind. Öffentlich-rechtliche Körperschaften haben neben dem Sport auch andere Themen und können den Leuten nicht so einfach erklären, warum sie hunderttausende Euro in ein Flutlicht investieren und gleichzeitig Geld für den Kindergarten einsparen.

Die Austria will ihr Stadion bis 2017 auf 17.000 Plätze ausbauen. Warum dieser Fokus?

Kraetschmer: Alle Klubs, die international erfolgreich sind, waren oder künftig sein wollen, reden über die Infrastruktur. Das haben wir auch an unseren Gegnern in der Champions League gesehen: Wo neue Infrastruktur entsteht, steigen auch die Zuschauerzahlen. Seit 2007 haben wir schon 27 Millionen Euro investiert: in die neue Osttribüne, eine Champions-League-taugliche Flutlichtanlage, Rasenheizung und vor allem in die Akademie. Bis September 2017 wollen wir alle relevanten Infrastrukturarbeiten abgeschlossen haben, weil ab dann die U-Bahn bis zum Verteilerkreis fährt. Es bringt nichts, wenn wir uns hier ein schönes Stadion herstellen, aber keine bessere Verkehrsanbindung haben.

Rapid hat vor Kurzem ebenfalls neue Stadionpläne präsentiert. Wie sehen Sie das Projekt des Stadtrivalen?

Kraetschmer: Ich finde das positiv, das bringt der gesamten Liga etwas. Bezüglich der Finanzierung gibt es von der Stadt Wien eine Gleichbehandlung von Austria und Rapid. Beide haben gleich viele Fördermittel bekommen, wie man sie einsetzt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir haben für uns ein Leitprojekt definiert, wo das Stadion ein großer Faktor ist, es aber auch um die Trainingsplätze, die Akademie etc. geht.

Kommen wir zu den Zuschauerzahlen. Wie können die verbessert werden?

Kraetschmer: Bei der Austria haben der Verein, die Fans und die Partner den Anspruch, dass wir im Spitzenfeld mitspielen, dann kommen die Leute auch. Dazu sollten auch noch die Erreichbarkeit und der Komfort im Stadion passen. Wir haben in der Liga aber auch gesagt, dass wir nicht nur schöne Stadien haben wollen, sondern auch eine entsprechende Auslastung. Da können wir aus Deutschland noch viel lernen, dort ist die Grundauslastung viel höher. Der HSV kann super oder grotte spielen – das Stadion ist fast immer voll.

Die Austria hat in der Meistersaison ein Zuschauerwachstum von 16 Prozent gehabt, ist letztes Jahr aber wieder unter das Niveau davor gefallen. Warum hat man diese 1.300 Leute nicht überzeugen können, auch in einer schwierigeren Saison zu kommen?

Kraetschmer: Die Erwartungshaltung wird einfach nicht erfüllt. Außerdem haben wir in der Statistik gesehen, dass wohl einige Leute gesagt haben: „Ich kaufe mir lieber mein Champions-League-Abo, verzichte dafür aber einmal auf das Match gegen Ried oder Grödig.“ Wir haben gespürt, dass wir meisterschaftsmäßig ganz schlecht unterwegs waren, gleichzeitig dürfen wir aber nicht vergessen, dass wir im Europacup 135.000 Leute ins Stadion gebracht haben.

Was funktioniert dann also beim HSV besser?

Kraetschmer: In Deutschland merkt der Fan, ich muss Mitglied werden, um überhaupt die Chance auf ein Abo zu haben. Das Abo gibt er dann auch nicht her, weil er es sonst nie wieder bekommt. Bei uns gibt es halt weniger Leute, die sagen „Wenn die Austria spielt, muss ich unbedingt dabei sein.“ Es gibt genug Fans, die sich denken: „Das Wetter ist gut, das Wetter ist schlecht, im Fernsehen sehe ich es eh live, und Parkplatz kriege ich dort auch keinen – ich bleibe daheim.“

Sind die Produkte Austria und Bundesliga nicht attraktiv genug?

Kraetschmer: Wir sind zumindest noch nicht dort, wo wir gerne wären. Laut Umfragen haben wir ein Potenzial von 400.000 Sympathisanten in der Region Ostösterreich, wir sind ein Klub der Familien, und wir sind ein Klub der Tradition. Wir müssen versuchen, die Leute jetzt auch zu uns zu bekommen. Auch der Pendler aus Eisenstadt muss wissen: „Wenn ich herfahre, bekomme ich einen Parkplatz und sehe in einem attraktiven Stadion eine attraktive Austria.“ Da muss es dann wurscht sein, ob die Sonne herrlich scheint oder es schüttet.

Wie viele dieser 400.000 Menschen erreichen Sie? Wie viele kommen einmal im Jahr ins Stadion oder kaufen etwas im Fanshop?

Kraetschmer: Wir hätten ein Luxusproblem, wenn wir nur fünf Prozent davon alle 14 Tage mobilisieren könnten. Das wären 20.000 Leute, so viele passen nicht einmal ins Stadion. In dem Bereich müssen wir besser werden. Deswegen arbeiten wir an einem neuen Ticketsystem und einer neuen Website, aber im Endeffekt hilft nur eines: Wir müssen attraktiven Fußball bieten. Danach können wir bei allen anderen Dingen nachziehen. Denn wenn ich nur auf Platz fünf oder sechs herumkrebse, kann ich ein super Stadion mit der U-Bahn vor der Tür haben, aber die Zuschauerzahlen werden trotzdem sinken. Wenn alle anderen Faktoren passen, werden mir schlechte Leistungen vielleicht ein bisschen länger verziehen.

Welche Rolle spielt die Attraktivität der Liga? Wie viele Zuschauer kostet Sie etwa Grödig im Vergleich zu einem Verein wie dem LASK?

Kraetschmer: Natürlich waren von Grödig nur zehn oder 15 Leute mit, wenn der LASK um etwas mitspielt, bewegt der sicher 1.000 Leute. Als wir um den Meistertitel gekämpft haben, sind ja auch Anfang Dezember 3.000 Fans nach Salzburg mitgefahren. Aber ich kann mich nicht zurücklehnen und sagen: „Wenn ich Innsbruck und den LASK hätte, hätte ich überhaupt keine Probleme.“ Das stimmt nicht.

Würden Sie sich nicht trotzdem mehr Vereine aus den Ballungsräumen wünschen?

Kraetschmer: Es ist für die gesamte Liga gut und wichtig, dass Vereine wie der LASK aufsteigen. Er kommt aus einer größeren Stadt, hat ein entsprechendes Stadion und dadurch das Potenzial, dass etwas entstehen kann. Jetzt wird man sehen, ob er das auch abrufen kann. Aber denken wir nur an die SV Ried: Wie lange haben wir da gelästert? Aber die hat sich auch über das Stadion und die Infrastruktur zu einer lokalen Marke entwickelt.

Werden sich die kleinen Vereine mit den neuen Verschärfungen selbst aus den obersten Ligen wegrationalisieren?

Kraetschmer: Letztendlich wird sich das so entwickeln. Wenn man mit den operativ Tätigen spricht, sagen sie dir teils offen, teils hinter vorgehaltener Hand, dass sie nur bis zu einem gewissen Level kommen wollen, weil sie weiter oben ohnehin nichts verloren haben. Es gibt schon immer mehr Realismus, aber ich darf nicht mit dem Kamm drüberscheren und sagen: „Klagenfurt hat ein Stadion, die hätten das Einzugsgebiet, die müssen oben dabei sein.“ Da muss dort schon einiges passieren, damit das auch funktioniert.

Warum hat man nicht schon früher härtere Bedingungen gesetzt?

Kraetschmer: Ich bin ja nicht erst seit gestern im Liga-Aufsichtsrat. Wer bestimmt die Lizenzbestimmungen? Alle Klubs gemeinsam. Und deswegen betreiben wir hier auch eine Art Sportpolitik. Da läuft es wie im Nationalrat: Wo bekomme ich welche Mehrheiten?

Früher war die Einstimmigkeit das deklarierte Ziel, herausgekommen ist dann oft ein Kompromiss, der niemandem wehtut.

Kraetschmer: Wir brauchen nicht lauter einstimmige Beschlüsse. Natürlich versuchen alle Klubs auch heute noch, das Beste für sich herauszuholen. Aber es geht immer auch um die Liga als Ganzes. Auch Red Bull hat erkannt, dass es nicht nur wichtig ist, sich als Marke zu positionieren, sondern das auch im Gesamtverband zu tun. Hier ist eine neue Qualität der Zusammenarbeit entstanden, obwohl es schwer ist, die Ambitionen von Red Bull, Austria und Rapid mit denen – ohne dass das jetzt despektierlich klingen soll – von Hartberg zu verbinden.

Aber kann man mit Hartberg aus Sicht der großen Vereine überhaupt gemeinsame Interessen finden?

Kraetschmer: Wir versuchen es. Das Problem gibt es aber auch in anderen Ligen: Paderborn und der SV Sandhausen verfolgen auch andere Ziele als Bayern München, trotzdem gibt es zum Beispiel beim Thema Vermarktung gemeinsame Interessen. Daher gibt es auch den Liga-Aufsichtsrat, in dem diese Interessen zusammenlaufen. Da wird es immer einen Kompromiss geben.

Sie haben zum Ende der Ära Georg Pangl gesagt, es geht bei der Nachfolgerfrage darum, Strukturen zu verändern. Ist das tatsächlich ein Signal des Wandels, wenn zwei von drei Vorständen bestätigt werden?

Kraetschmer: Wir haben uns sehr lange darüber unterhalten. Christian Ebenbauer und Reinhard Herovits haben ihren Strategieplan präsentiert, die acht Vertreter des Aufsichtsrats haben gesagt: „Das ist eine gute Linie, die wollen wir gehen.“ Dann gibt man ihnen auch die Chance, das entsprechend weiterzuentwickeln. Wir haben einen Medienvertrag, wir werden jetzt für beide Ligen Vermarktungsverträge haben, wir drehen die Schrauben weiter und haben das Infrastruktur- und Lizenzpaket entwickelt, und ich hoffe, dass auch die sportliche Entwicklung im internationalen Quervergleich so weitergeht.

Was hat dagegen gesprochen, Ebenbauer und Herovits noch einen neuen Vorstand an die Seite zu stellen, um einen frischen Wind hereinzuholen?

Kraetschmer: Wir haben das überlegt. Wir haben uns auch angeschaut, wer sich auf die entsprechende Ausschreibung beworben hat.

Da soll die Resonanz ja eher gering gewesen sein.

Kraetschmer: Ja. Im Endeffekt ist es immer auch eine Frage der Alternativen. Wenn da jetzt nicht der Wunderwuzzi vor der Tür steht … Wir müssen uns auch fragen, was ist die Erwartungshaltung? Christian Seifert von der DFL wird ja immer als Paradebeispiel genannt, aber das ist auch ein ganz anderer Markt. Wenn man so jemanden holt, muss man auch realpolitisch sagen: Was kann er hier wirklich bewegen? Die Entscheidung war aus all diesen Eindrücken, dass wir im Juni gesagt haben: „Es ist gut, hier zu stabilisieren.“ (Interview: Michael Fiala & Jakob Rosenberg)

Markus Kraetschmer (42) ist seit 1997 im Management der Wiener Austria, in dem er unterschiedliche Rollen bekleidete. Seit 2008 ist der gelernte Betriebswirt Vorstand im Bereich Finanzen, seit 2006 gehört er dem achtköpfigen Aufsichtsrat der Bundesliga an.

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