"Gehörlose werden im Job oft kleingemacht"

Reportage29. Juli 2014, 05:30
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Vor neun Jahren wurde die Gebärdensprache verfassungsrechtlich geschützt. Für gehörlose Menschen hat sich seither wenig verbessert, etwa bei der Berufs- und Jobsuche

Wien - Gabi Nussbaumer, Olga Stekinger und Nicole Gugimaier haben zweierlei gemeinsam: Sie sind gehörlos - und suchen dringend Arbeit.

"Ich war in Graz drei Jahre bei einer metallproduzierenden Firma angestellt. Dann wurde ich gekündigt. Dann bin ich nach Wien übersiedelt - und mache hier jetzt, bei Equalizent, diesen Kurs", sagt die 28-jährige Gugimaier. Präziser ausgedrückt: Sie spricht, also deutet, und ein Gebärdensprachen-Dolmetscher, ohne den die Verständigung mit nur die Lautsprache beherrschenden Besuchern hürdenreich wäre, übersetzt.

Kein neuer Job zu finden

Vergleichbares schildert auch die 31-jährige Nussbaumer: Als das Kamera-Herstellungsunternehmen, bei dem sie fünf Jahre arbeitete, von Wien nach München übersiedelte, kündigte sie; sie wollte in Wien bleiben. Doch neuen Job fand sie danach keinen. Während sich für Stekinger (39), die vor fünf Jahren aus Russland nach Österreich kam, trotz guter Deutschkenntnisse hier bisher überhaupt keine Jobchancen eröffnet haben. Im Gegenteil, sie sei hierzulande immer nur auf Grenzen gestoßen, sagt sie.

Nun sitzen die drei Frauen im sonnigen Hinterhof eines Biedermeierhauses gegenüber dem Wiener Augarten, um einen weiteren Berufanlauf zu starten. Im Vorbereitungslehrgang für die Lehrausbildung zum Mechatroniker und Zahntechniker des Schulungs- und Beratungsinstituts für gehörlose und schwerhörende Personen, Equalizent, animiert sie Trainerin Patricia Resz, sich einzubringen und alle für sie offenen Fragen zu stellen.

Gehörlose müssen sich besonders anstrengen

Denn Resz, selber gehörlos, weiß: Wollen ihre Schülerinnen am Arbeitsmarkt bestehen, so müssen sie sich besonders anstrengen und auf ihre Kenntnisse hinweisen. "Gehörlose Menschen werden im Job oft kleingemacht", sagt die 29-Jährige.

Außerdem sei die Arbeitslosenrate unter den in Österreich rund 8.000 bis 10.000 Personen, die völlig ohne Gehör sind, dreimal höher als im Durchschnitt sonst, weiß Equalizent-Geschäftsführerin Monika Haider. Die Gründe dafür seien vielfältig.

Streit um Kündigungsschutz

Da gebe es die Sache mit dem Kündigungsschutz für behinderte Menschen: 2011 gelockert, sodass er jetzt erst nach vier Jahren greift, soll er laut Behindertenanwalt Erwin Buchinger wieder verschärft werden und bereits nach einem halben Jahr gelten. Die Arbeitslosigkeit unter behinderten Menschen sei massiv gestiegen, führt Buchinger dafür ins Treffen - und stößt auf Widerspruch bei der gehörlosen grünen Nationalratsabgeordneten Helene Jarmer.

"Kündigungsschutz beeinflusst gar nichts", meint Jarmer. Sie schlägt stattdessen unter anderem höhere Ausgleichstaxen bei Nichtanstellung Behinderter in der Privatwirtschaft vor.

Unterricht in Gebärdensprache gefordert

Außerdem sei es in Österreich "höchste Eisenbahn, inklusive Bildung einzuführen", fordert die Grüne. Equalizent-Chefin Haider pflichtet ihr bei: Um etwa die Schulsituation gehörloser Kinder zu verbessern, gelte es, vom nach wie vor lautsprachenorientierten Schulunterricht wegzukommen und stattdessen Regelunterricht in Gebärdensprache einzuführen.

Zwar sei die Gebärdensprache nach über einem Jahrhundert Ächtung in Österreich seit Juli 2005 verfassungsrechtlich geschützt. Doch die Zeit der Verbote wirke nach: "80 Prozent der gehörlosen Pflichtschulabgänger sind funktionale Analphabeten", sagt Haider. Im Grunde stünden sie vor den gleichen Problemen wie Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache, die diese niemals wirklich lernen konnten. (Irene Brickner, DER STANDARD,. 28.7.2014)

  • Alles in Gebärdensprache: Gabi Nussbaumer, Trainerin Patricia Resz, Olga Stekinger und Nicole Gugimaier (v. li.) beim Zahntechniker-Kurs.
    Foto: Andy Urban

    Alles in Gebärdensprache: Gabi Nussbaumer, Trainerin Patricia Resz, Olga Stekinger und Nicole Gugimaier (v. li.) beim Zahntechniker-Kurs.

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