Duncan Macmillan: "Der Glaube an die ethische Verantwortung"

Interview28. Juli 2014, 17:59
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Clara Immerwahr war anno 1900 die erste promovierte Chemikerin Deutschlands. Sie erschoss sich, als sie von den Kriegsdiensten ihres Mannes erfuhr (Zyklon A). Die Salzburger Festspiele widmen ihr das Stück "The Forbidden Zone"

STANDARD: Die Schriftstellerin Mary Borden war die zentrale Figur von "The Forbidden Zone", bis Sie die Chemikerin Clara Immerwahr entdeckten. Wie sind Sie auf ihre Geschichte gestoßen?

Duncan Macmillan: Tradierte Kriegsgeschichten marginalisieren die Erfahrungen von Frauen meistens. Katie Mitchell, die Regisseurin, und ich wollten deshalb bemerkenswerte Frauen ins Blickfeld rücken, die regelmäßig übersehen werden. Wir wollten auch außerordentliche Autorinnen in den Vordergrund rücken, wie eben Mary Borden, eine reiche Erbin aus Chicago, die in Frankreich ein Feldspital nahe zur Front finanzierte und dort als Krankenschwester während des Krieges mitarbeitete. Ihre Schriften sind Teil der Performance, ebenso wie jene von Virginia Woolf, Hannah Arendt, Simone de Beauvoir und einigen anderen. Katie Mitchell hat dann die Geschichte der Haber-Familie entdeckt, die uns bis dahin unbekannt war.

STANDARD: Warum haben Sie sich entschieden, auf diese konkrete Familiengeschichte umzuschwenken?

Macmillan: Clara Immerwahr, verheiratete Haber, war Chemikerin und in einem der heikelsten Momente des 20. Jahrhunderts zugegen, als man begann, chemische Waffen für den Krieg zu entwickeln. Ihr Leben wird typischerweise missverstanden als das einer depressiven Frau, geschädigt von einem ehebrecherischen Gatten. Aber ihre Briefe offenbaren ihre tiefe Überzeugung und den Glauben an die ethische Verantwortung der Wissenschaft. Und Berichte aus erster Hand umreißen das Porträt einer Frau, die alles riskiert hat, um Massentötungen zu verhindern.

STANDARD: Action und Bilder dominieren die Filmperformances von Regisseurin Katie Mitchell. Was bedeutet das für das Schreiben?

Macmillan: Als Dramatiker sah ich mich nie nur in der Rolle des Schreibenden, sondern als einen, der Teil einer gesamten Dramaturgie ist. Jede "Live Camera Show" von Katie Mitchell, bei der ich bisher mitgearbeitet habe, hatte einen anderen Verlauf. In dieser Arbeit hier in Salzburg auf der Perner-Insel in Hallein ist es meine Aufgabe, auf die Struktur zu achten, auf die Auswahl und Platzierungen von Texten und die Inhalte der Szenen. Bilder und Action haben Vorrang, wir versuchen also von Anfang an, gesprochene Dialoge zu weit wie möglich zu eliminieren. Das ist ein faszinierender Zugang, finde ich.

STANDARD: Es gibt in "The Forbidden Zone" laut Katie Mitchell vier Erzählstränge und zwei Zeitzonen. Können Sie konkreter werden?

Macmillan: Es ist wahrscheinlich die bisher aufwändigste Filmperformance, die wir gemeinsam gemacht haben. Die Handlung erstreckt sich auf drei Länder und auf zwei Zeitperioden: während des Ersten Weltkrieges und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir haben verschiedene Sets, auch einen beweglichen U-Bahn-Waggon, entworfen von Designerin Lizzie Clachan. Die Handlung konzentriert sich auf Clara und ihre Enkelin in Amerika, aber es gibt zwei weitere Stränge. Wir wollten unbedingt zeigen, welche Folgen der Giftgaseinsatz unmittelbar für Soldaten hatte. Also gibt es auch eine Frontszene; ein Soldat, der zur belgischen Front nach Ypres aufbricht. Zusätzlich haben wir den Schauplatz von Claires Collegelabor. Sie, die Enkelin, hatte ihre persönlichen Gründe, um Chemie zu studieren.

STANDARD: Sie haben sich für die Erzählperspektive der Enkelin von Clara Immerwahr entschieden, Claire Haber. Warum?

Macmillan: Die Haber-Familie hat eine einzigartige und tragische Geschichte. Indem wir uns nicht nur auf die Perspektiven von Clara und Fritz Haber einschränken, sondern auch auf deren Enkelkind, Claire Haber, die ebenfalls Chemikerin war, versuchen wir zu zeigen, dass die Folgen ihrer Taten nicht nur auf den Ersten Weltkrieg begrenzt waren, sondern über den Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart herauf nachwirken.

STANDARD: In Ihrer erfolgreichen, aber noch sehr jungen Karriere haben Sie sich bereits für drei österreichische Autoren entschieden. Horváth, Mayröcker und Handke. Ein Zufall?

Macmillan: Ödön von Horváth, Friederike Mayröcker und Peter Handke sind alle drei radikal in ihrer Formgebung und in der Art, wie sie ihrer Sprache Ausdruck verleihen. Das interessiert mich als Autor genauso wie als Leser: Etwas zu sagen, was ich noch nie gehört habe, und das in einer Form, die ich noch nie gesehen habe. Wegen der einzigartigen Geschichte Österreichs ist wohl auch die Literatur des Landes einzigartig. Handke und Horváth waren bereits eine Inspiration für mich, als ich selbst noch gar nicht geschrieben habe. Mayröcker habe ich erst bei Reise durch die Nacht kennengelernt (eine Kölner Produktion 2012). Es war sehr bewegend für mich, sie heuer persönlich kennenzulernen. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 29.7.2014)

Duncan Macmillan, 1980 in Großbritannien geboren, hat Film, Theater und Szenisches Schreiben studiert. Er arbeitete als Autor bereits mehrfach bei Filmperformances der Regisseurin Katie Mitchell mit, zuletzt bei "Wunschloses Unglück" am Burgtheater.

Uraufführung am Mittwoch, Perner-Insel, Hallein, 19.30 Uhr

  • Bilder und Action dominieren die Filmperformance "The Forbidden Zone" bei den Salzburger Festspielen. Uraufführung ist am Mittwoch auf der Perner-Insel.
    foto: festspiele

    Bilder und Action dominieren die Filmperformance "The Forbidden Zone" bei den Salzburger Festspielen. Uraufführung ist am Mittwoch auf der Perner-Insel.

  • Autor Duncan Macmillan, in Salzburg.
    foto: festspiele

    Autor Duncan Macmillan, in Salzburg.

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