Unter Waffenfreunden in Georgia 

Reportage29. Juli 2014, 05:30
366 Postings

In Nelson, einem Dorf im US-Bundesstaat Georgia, muss jeder Haushalt eine Schusswaffe besitzen. Nun aber hat Georgia das lockerste Gesetz der USA beschlossen: Waffen sind nun auch in Kneipen und Kirchen erlaubt

Nelson, Georgia, ein Dorf mit knapp 1500 Einwohnern, war einmal Amerikas reiche Marmormetropole. Die Zeiten sind vorbei, Nelson ist aus anderen Gründen in die Schlagzeilen geraten: Wegen eines Revolvererlasses darf nicht nur jeder bewaffnet sein, er muss es sogar.

Im örtlichen Gesetzbuch heißt es im Wortlaut, dass "mit dem Ziel, die Sicherheit und allgemeine Wohlfahrt der Stadt (sic!) und ihrer Bewohner aufrechtzuerhalten, jeder Vorstand eines Haushalts eine Schusswaffe samt Munition zu besitzen hat".

Bis zu 1000 Dollar Strafe

"Es geht darum, Kriminelle abzuschrecken", erklärt Thad Thacker, der in einer Art Museum sitzt, das zugleich als Versammlungsraum für den Gemeinderat dient. "Die schweren Jungs wissen jetzt, in Nelson hat jeder eine Kanone, in Nelson versuchen wir es erst gar nicht", ist er sich sicher. Kontrolliert werde der Waffenbesitz aber nicht.

Vor einem Jahr, als die Novelle in Kraft trat, klang das noch anders. Da sollten Haushaltsvorstände 1000 Dollar Strafe zahlen, falls sie sich dem Waffenzwang widersetzten. Dann verlor der fünfköpfige City Council, mit Thackers Freund Jackie Jarrett an der Spitze, einen Rechtsstreit, der in ganz Georgia für Aufsehen sorgte: Ein Mann hatte um 646 Dollar eine Pistole und um 32 Dollar Patronen kaufen müssen, um den strengen Auflagen gerecht zu werden.

Erfolgreich geklagt

Dagegen klagte er, unterstützt vom Brady Center to Prevent Gun Violence, einer Initiative für strengere Schusswaffenkontrollen. Die Verfassung, argumentierte er, garantiere nicht nur das Recht auf Waffenbesitz, sie garantiere auch das Recht, keine Waffe tragen zu müssen. Mit anderen Worten: Entscheidungsfreiheit. Er setzte sich durch, seitdem ist der Paragraf mit der Geldbuße nur noch Makulatur. An den Gründen für den Waffenzwang, so sieht es jedenfalls Jarrett, ändert das Urteil allerdings nichts. "Mal angenommen, wir müssen uns verteidigen. Dann bilden die Bürger von Nelson eine Miliz", philosophiert er.

Gegen wen man sich verteidigen müsse? "Mal angenommen, feindliche Kräfte übernähmen die Macht", antwortet Jarrett im Verschwörerton und schweigt, wen er meint. Eigentlich wäre es die Aufgabe der Nationalgarde, gegen den Feind einzuschreiten. "Wer befehligt die Nationalgarde? Der Präsident. Obama traue ich nicht."

Der Süden gegen den Norden

Als Barack Obama nach dem Amoklauf an einer Grundschule in Newtown vom Verbot von Sturmgewehren zu reden begann, "da dachten wir uns, hier muss jemand gegenhalten, sonst ist es um unsere Verfassung geschehen."

Im Nebenraum sitzt Jim Koury, der Polizeichef, ein Kleiderschrank von einem Mann. "Eine Regierung, die den Leuten nicht gestattet, sich selber zu schützen, handelt fast schon kriminell", wettert der Sohn libanesischer Einwanderer. Seit Juli aber hat Georgia ein neues Waffengesetz, das lockerste der Vereinigten Staaten, das selbst hier in Nelson gemischte Gefühle auslöst.

Neuerdings darf man seine Waffe fast überallhin mitnehmen, in die Kneipe, die Kirche, in öffentliche Gebäude und sogar auf den Flughafen Atlantas - bis zur Sicherheitsschleuse. Jarrett ist nicht wohl bei dem Gedanken. Wenn die Gemeinde tage, werde schon mal gestritten. "Und nun? Du weißt nicht, wer durch diese Tür kommt", seufzt er. "Ist es jemand mit einem Revolver, musst du ihn trotzdem reinlassen."

"Gesetze ändern eigentlich nichts"

Szenenwechsel. Kennesaw, sauberes, aufgeräumtes Suburbia-Milieu vor den Toren Atlantas. 1982 war Kennesaw die erste amerikanische Stadt, die ihre Bürger zum Waffenbesitz verpflichtete. Wenn Craig Graydon davon erzählt, spricht auch er von einem Zeichen, das es zu setzen galt.

Morton Grove, ein Vorort Chicagos, hatte Privatwaffen im Stadtgebiet für illegal erklärt. Also wollte der Süden die Flagge des Widerstands hissen, dem liberalen Amerika die konservative Stirn bieten. Graydon hat daheim zwei Pistolen im Schrank, eine Glock und eine Smith & Wesson. Schon als Kind lernte er schießen. "Wissen Sie, all die Gesetze, das ändert eigentlich nichts."

Hippie mit Halfter

Dent Myers steht hinter seiner Ladentheke wie ein gealterter Hippie aus San Francisco, mit langen, verknoteten Bartsträhnen und einem schwarzen Band um die Stirn. Nur dass in den Lederhalftern um seine Hüften zwei Pistolen stecken und ihn graue Bürgerkriegsuniformen flankieren, Militärmützen, eine Whiskeyflasche.

"Wildman's Civil War Surplus", das Memorabiliengeschäft, das Myers seit 43 Jahren betreibt, versteht sich als Bastion trotziger Südstaatennostalgie. "Wenn die Yankees im Norden sagen, ihr könnt keine Waffen haben", grummelt der alte Mann, "erwidern wir hier unten: 'Oh doch, ganz sicher können wir das.'" (Frank Herrmann aus Nelson, DER STANDARD, 29.7.2014)

  • Dent Myers vor seinem Laden, einer Bastion trotziger Südstaatennostalgie. Von  den "Yankees im Norden" lasse er sich nicht sagen, ob er eine Waffe tragen  dürfe.
    foto: herrmann

    Dent Myers vor seinem Laden, einer Bastion trotziger Südstaatennostalgie. Von den "Yankees im Norden" lasse er sich nicht sagen, ob er eine Waffe tragen dürfe.

Share if you care.