Nicht Dada, sondern Sufi

28. Juli 2014, 17:09
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Finale mit Samir Odeh-Tamimi

Salzburg - Dadaismus? Keineswegs. Dank der Ouverture spirituelle erkennt der Festspielgast die rituellen Gesänge der Sufis, der islamischen Mystiker, inzwischen recht gut: Rhythmisch rezitierte Silben verdichten sich zum Gotteslob und führen im rituellen Ernstfall bis zur Ekstase. Zwei echte Sufi-Rituale fanden vor Publikum statt. Der Komponist Hossam Mahmoud hat seine sufi-grundierten Seelenfäden bereits zur Uraufführung gebracht. Und auch das neue Stück von Samir Odeh-Tamimi, ebenfalls ein Auftragswerk der Festspiele, basiert auf Gesangstechniken der Sufis. Beide Komponisten beziehen sich in ihren Werken auf Leben und Werk des Sufi-Märtyrers Mansur Al-Hallag.

Der erwartete Sog zumindest in Richtung Trance und Traum wollte sich bei der zweiten Uraufführung in der Kollegienkirche nicht recht einstellen: Mansur für großen Chor, 4 Blechbläser und 2 Schlagzeuger mit Texten von und Betrachtungen über den Sufi-Mystiker Mansur Al-Hallag (858-922) nennt Tamimi sein klug in die Klang-Architektonik der Kollegienkirche eingeschriebenes Stück.

Also nicht Dada, sondern Sufi: Rasch und gesprächig rezitierte Silben - von den Männern und Frauen des Chors des Bayerischen Rundfunks abwechselnd oder gemeinsam präzise artikuliert, einmal eher homophon, dann wieder eher polyphon wirkend - wechselten sich ab mit dramatisch aufbrausenden Einwürfen der Bläser und Schlagzeuger des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Die spannungsvoll aufgebauten Effekte kamen vielleicht doch in zu raschem Wechsel daher, um in Gehör und Gemüt mehr als Interesse am Handwerklichen zu wecken.

Fürs Spirituelle stand an diesem dramaturgisch reizvollen Chor- und Bläserabend Anton Bruckner mit seiner Messe Nr. 2 e-Moll für achtstimmigen gemischten Chor und Blasorchester WAB 27.

Der Chorsatz setzt irgendwo ganz hoch oben ein, weit über dem Gewölk von Religionen oder Konfessionen, schwebt herab in irdische Sphären - und soll dann intonatorisch möglichst genau mit den einsetzenden Bläserstimmen zusammentreffen. Allein das Kyrie ist ein Gambit für jedes Ensemble. Die ganze Messekomposition eine Herausforderung, die der Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Rupert Huber, von den Bläsern des BR-Symphonieorchesters subtil unterstützt, in ein exemplarisches Vokalklangerlebnis verwandelt hat. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD, 29.7.2014)

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