Mangelnder Wille zur Integration

Kommentar28. Juli 2014, 14:18
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Bildung ist der Schlüssel – und dort wird gespart

Jeder fünfte Österreicher hat Migrationshintergrund. 1,2 Millionen sind noch im Ausland geboren und nach Österreich gezogen, das ist die sogenannte „erste Generation“, knapp 430.000 Bürger sind in Österreich geborene Nachkommen von Eltern mit ausländischem Geburtsort, die sogenannte „zweite Generation". Sind das viele oder doch nicht? Egal. Das ist die Realität. Eine Realität, mit der die Gesellschaft und die Politik umgehen muss.

Die alteingesessenen Österreicher müssen lernen, mit diesen Bürgern, das sind auch Nachbarn und Arbeitskollegen, umzugehen – und umgekehrt. Den Österreichern, insbesondere den Wienern, ist ja eine gewisse Misanthropie in die Wiege gelegt, eine Skepsis gegenüber den anderen, den „Fremden“, die aus einer Unsicherheit resultiert, ihren Grund vielleicht auch in einem mangelnden Selbstwertgefühl hat und sich oft genug in offenem Ausländerhass und auch Antisemitismus entlädt.

Auch bei vielen „Ausländern“, bei Menschen, die der deutschen Sprache noch nicht ganz mächtig sind oder einen schweren Akzent haben, lässt sich das Phänomen beobachten, dass diese ungeniert über „die Ausländer“ schimpfen. Das ist die Angst vor Verdrängung: dass diejenigen, die später kommen, denjenigen, die schon länger da sind und ihren Platz und ihre Aufgabe bereits gefunden haben, etwas vom erreichten Wohlstand wegnehmen könnten. Die Angst vor Neuem, vor Veränderungen – eine Herausforderung.

Gesellschaftliche Anerkennung

Dagegen hilft Bildung. Das Wichtigste ist ein Arbeitsplatz. Die Chance auf eine sinngebende Beschäftigung, auf ein vernünftiges Einkommen, auf einen gewissen Wohlstand. Damit sind untrennbar auch gesellschaftliche Anerkennung und in der Folge ein autonomes, selbstverständliches Bewegen in der Gesellschaft verbunden. Das Zauberwort ist Integration. Die Voraussetzung dafür ist Qualifikation. Bildung, der Erwerb der Sprache, das Aneignen von Kenntnissen und Fähigkeiten sind die besten Voraussetzungen, um erstens überhaupt einen Arbeitsplatz zu bekommen und zweitens nicht als Hilfsarbeiter oder Putzfrau zu versauern.

Hier unternimmt die Regierung bei weitem nicht genug. Anstatt Schwerpunkte und Initiativen zu setzen, wird ohne Engagement der Mangel verwaltet. Gespart wird quer durch, auch an der Bildung, gerade in den Schulen. Es gibt immer noch viel zu wenig Angebote an jene, die sich mit der Sprache schwertun oder schlicht noch keine Chance gehabt haben, sie ausreichend zu erlernen. Die Frage reiner Ausländerklassen, also eine Ghettoisierung zur Diskussion zu stellen, ist ein politisches Ablenkungsmanöver. Und kein gutes.

Armutsrisiko

Es gibt viel zu wenige Lehrer, die sich um diejenigen Schüler kümmern, die ohnedies schon auffällig sind. Auch wenn es leichte Verbesserungen gibt: Gemessen an ihrer Zahl machen viel zu wenige Jugendliche mit Migrationshintergrund die Matura, und es gibt in dieser Gruppe immer noch viel zu viele Schulabbrecher: Zwölf Prozent der nichtdeutschsprachigen Schüler erlangen keinen Pflichtschulabschluss, die Arbeitslosenrate ist in diesem Bereich deutlich höher, in Folge auch das Armutsrisiko. Dass damit auch das Risiko, kriminell zu werden, steigt, lässt sich nicht von der Hand weisen.

Die Probleme sind bekannt, die Lösungsansätze, die Experten anbieten, sind es ebenfalls. Aber die Regierung muss sparen, und sie tut es im Bildungsbereich gleichermaßen wie in der Landesverteidigung oder beim Straßenbau.

Integrieren müssen sich alle – die alten Österreicher und die neuen, ob hier geboren oder nicht. Sonst wird die Gesellschaft als Gemeinwesen nicht funktionieren können. Denjenigen, die sich dabei besonders schwertun, muss geholfen werden – mit einer breiten Palette an Angeboten, aber auch mit einem Entgegenkommen der Gesellschaft. Hier fehlen das Bekenntnis und der Einsatz der Regierung, materiell wie ideell.

Letztendlich muss man aber auch so ehrlich sein, dass es bei denjenigen, die sich gar nicht integrieren wollen, die Hassbotschaften verbreiten oder israelische Fußballspieler tätlich attackieren, kein Entgegenkommen gibt. Auch das muss klar formuliert werden, auch das muss gesellschaftlicher Konsens sein. (Michael Völker, derStandard.at, 28.7.2014)

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