Ein Schulausflug in die Puppenklinik

28. Juli 2014, 06:53
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Nachteile des Biedersinns: Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" in der Sommerarena Baden

Baden - Im Kurpark von Baden weiß der Besucher in der Sekunde, was es geschlagen hat. Eine Blumenuhr liegt im Schatten des allerdings furchterregenden Grillparzer-Denkmals. Der erste Reflex: So abgrundtief verbiestert kann selbst Franz Grillparzer - der zum Lachen gewiss in den ministeriumseigenen Keller gegangen ist - unmöglich dreingeschaut haben. Die Sommerarena versteckt sich hinter botanischen Herrlichkeiten. Die Grundstimmung ist alles andere als mürrisch. Man freut sich instinktiv auf Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald", koproduziert vom Landestheater Niederösterreich in der Regie von Birgit Doll.

In Horváths Volksstück hängen die Klänge des titelgebenden Walzers wie Fetzen über der Puppenklinik des Zauberkönigs. Gespielt wird im achten Wiener Gemeindebezirk. In Baden, wo der niederösterreichische Mond durch die Dachluke lächelt, setzt man lieber auf Abstraktion. Seltsame Vitrinenbauten bilden das Gerippe einer aufgelassenen Rummelplatzwelt (Bühne: Conrad Moritz Reinhardt / Elisabeth Vogetseder). Fragmente des Holzbodens sind wie Eisschollen ineinander verkantet. Man meint förmlich, die Ausstatter hätten Caspar David Friedrich um Rat gefragt. Ein Musiker (Hans Tschiritsch) führt ein Plastikskelett an Marionettenfäden spazieren.

Der Grundton ist in der Sekunde vorgegeben. Die Damen und Herren in Baden werden keinen Richter brauchen. Der Tod ist nichts, womit man Horváth-Figuren schrecken könnte. Frau Doll, die Regisseurin, verlässt sich auf ihre Expertise. Sie hat in der Maximilian-Schell-Verfilmung dieses durch nichts und niemanden umzubringenden Stückes auf furiose Weise die Marianne gespielt.

Milch der Denkungsart

Damals neigten sich die 1970er dem Ende entgegen. In gehobenen Kreisen bekam man damals Stimmen zu hören, die dem ingeniösen Dramatiker Horváth (1901-1938) die Lauschangriffe auf das Kleinbürgertum übelnahmen. Hier, in Baden, geht der Tod als Witzfigur durch die Reihen der Schwätzer. Die Schauspieler sind ganz furchtbar damit beschäftigt, ihre Figuren von dem Verdacht zu befreien, sie seien einfältig.

Die blonde Marianne (Swintha Gersthofer) verguckt sich in die sozial unzuverlässige Rennplatzkapazität Alfred (Dominic Oley). Nun würde man diesem farblosen Bürschchen in der Tat nicht einen Schilling aushändigen wollen, geschweige denn ein Kind von ihm empfangen. Mariannes Papa, der törichte Puppenklinikinhaber Zauberkönig (Michael Scherff), besitzt das Temperament eines Gemeindebediensteten.

Sie alle - mit der allerdings prächtigen Ausnahme der Trafikantin Valerie (Ulli Maier) - erzählen treuherzig von der Vernichtung eines anständigen bürgerlichen Mädchens. Alle zeigen in der Sekunde, was es geschlagen hat. Noch die infernalische Heurigen-Szene wirkt wie in Milch der frommen Denkungsart gebadet. Ein Horváth für die Kleinsten. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 28.7.2014)

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