Von der Einsamkeit der Europäer

28. Juli 2014, 06:41
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Zeitgenössisch und Spitze: Beim Impulstanz-Festival finden zwei Wettbewerbe statt, der Wien Welt Wettbewerb sowie die Nachwuchs-Arena [8:tension]. Einige der Beiträge verstörten das Publikum nachhaltig

Wien - Zwei Konkurrenzen, zwei Welten. Bei Impulstanz wird um Preise gerungen. Einmal beim Wien Welt Wettbewerb 2014, einem von der Ex-Ballerina Evelyn Téry geleiteten Ballett-Contest, und zum anderen in der zeitgenössischen Nachwuchs-Arena [8:tension], bei der der Prix Jardin d'Europe vergeben wird. Zwei mögliche Kandidaten für den mit 10.000 Euro dotierten Prix haben am Wochenende bemerkenswerte Stücke gezeigt.

Beim Finale des Wien Welt Wettbewerbs im Volkstheater am Samstag konnte über fast fünf Stunden hin eine Unmenge an kurzen Tanzszenen genossen werden. Der Standard-Kritiker hat eineinhalb Stunden geschafft, bevor er das von Gregor Hatala moderierte Ereignis, dessen vielköpfige, honorige Jury unter dem Vorsitz von Vladimir Malakhov stand, verließ. Und zwar gerührt. Erstens wegen der herzigen Kinder ab drei Jahren bei einem "Matrosentanz", zweitens wegen der unglaublichen Anspannung, die sich von der Bühne ins Auditorium übertrug, drittens ob der Fließbandpräsentation der einzelnen Tänze. In nur 90 Minuten waren deren 25 zu sehen.

Im Rahmen von [8:tension] zeigten Karol Tyminski aus Polen mit Beep und Daniel Kok mit Cheerleader of Europe im Schauspielhaus Solowerke, die ihr Publikum auf unterschiedliche Art, aber gleichermaßen hart testeten. Laute Protestrufe im Publikum und empörte Abgänge junger Zuschauer provozierte Tyminski mit seinem Statement über die Brutalität unserer Leistungsgesellschaft und die Vereinsamung des von dieser ausgeschlachteten Einzelnen. Angeregt von einem Sport-Ausdauertest, bewegt der Tänzer seinen Oberkörper im Stand über 30 Minuten hin schnell vor und zurück. Dabei wird sein Keuchen immer lauter. Es sieht aus, als absolviere er einen Verbeugungsmarathon, bis er aufgibt.

Erschöpft entkleidet sich Tyminski. Immer wieder beugt er sich nun nach unten, so als versuchte er (vergeblich), sein Genital mit dem Mund zu erfassen, und stößt seinen vornübergebeugten Rücken gegen einen von drei schwarzen Kästen an der Rückwand der Bühne. So lange, bis das Publikum den Saal verlassen hat. Beep gehört zu den bei weitem radikalsten und spannendsten Tanzarbeiten seit Jahren.

Über seine Zeit in der Offiziersschule in Singapur erzählt Daniel Kok als Cheerleader of Europe. Er bekundet seinen Enthusiasmus für Europa, spielt dessen Hymne "Freude schöner Götterfunken" ab. Immer noch schwingt ein begeisterter Ton in seiner Stimme, wenn er auf Arbeitslosigkeit und rechtsradikale Strömungen innerhalb der EU zu sprechen kommt. Als Offizier, sagt er danach, habe er seine Soldaten rufen lassen: "We are the best platoon!"

An diesem Punkt wendete sich Kok in seiner exzellenten Wiener Performance an sein Publikum und ließ es diesen Satz immer lauter wiederholen. Anschließend brachte er es auch noch dazu zu skandieren: "We are from Europe, mighty mighty Europe, sexy sexy Europe, super super Europe!" Wer da ansatzweise Ähnlichkeiten mit dem Roman Die Welle von Morton Rhue entdeckt hat, liegt nicht ganz falsch. Es schien, als würden dieselben jungen Leute, denen Tyminskis Solo unerträglich war, nun als "best platoon" siegessicher "super Europe" rufen. Das hatte etwas Gruseliges.

Die Gewinner des Ballett-Contests (Hauptpreis 7000 Euro) standen bei Redaktionsschuss noch nicht fest. Und die Sieger des Prix Jardin von sexy Europe werden am 17. August präsentiert. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 28.7.2014)

  • Daniel Kok bittet in "Cheerleader of Europe" ausdrücklich darum, die Europäische Union gutzuheißen und sexy zu finden: "Super super Europe!"
    foto: foto: christian glaus

    Daniel Kok bittet in "Cheerleader of Europe" ausdrücklich darum, die Europäische Union gutzuheißen und sexy zu finden: "Super super Europe!"


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